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„ich bin kein penner"

Was passiert, wenn sich zwei Modedesignerinnen mit Straßenkindern zusammentun, um Mode zu entwerfen?

von Alexandra Bondi de Antoni
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27 August 2015, 2:00pm

Penner und Mode sind zwei Worte, die selten im selben Atemzug genannt werden. In der Modewelt nur, wenn wieder einmal eine adelige Modejournalistin einen Witz auf Kosten eines Obdachlosen macht oder Hedi Sliman zum wiederholten Mal seine Skinny Boys und Girls in zerfetzten Hosen und T-Shirts steckt. Wirkliche Gedanken über die Bedeutung von Obdachlosigkeit machen sich in der Mode eher wenige. Wenn man dann mal von einem sozialen Projekt liest, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt, beschleicht einen schnell das Gefühl, dass es den Verantwortlichen eher um Mitleid geht und um zu zeigen, dass sie auch Gutmenschen sind, Gefühle haben und nicht nur auf Gewinn aus sind.

Wir alle haben wahrscheinlich schon einmal ein soziales Projekt unterstützt, in dem wir irgendetwas gekauft haben, dass wir eigentlich gar nicht brauchten und wollten. Nun hängt der hässliche Pullover ganz weit hinten im Schrank und die Vase verstaubt in der Ecke.  

Umso erfreuter waren wir, als wir über People Berlin gestolpert sind. People Berlin ist ein soziales Modelabel, das zusammen mit Straßenkindern Editionen - wie sie ihre Kollektionen nennen - erarbeitet. Anfang des Jahres haben Eva Sichelstiel und Ayleen Meissner die kreative Leitung an diesem Projekt des Karuna e.V., Hilfe für Jugendliche übernommen. Die Designerinnen arbeiten mit den Jugendlichen von der anfänglichen Kollektionsentwicklung bis zum fertigen Produkt zusammen. „Es ist wirklich schön zu sehen, dass die Kids eine Aufgabe finden. Manche wollen nähen lernen, anderen ist es wichtiger, beim Bau der Einrichtung unseres Showrooms dabei zu sein. Das Wichtigste ist, dass alle Spaß haben und etwas finden, was ihnen gefällt", erzählt Eva mit einem Lächeln auf den Lippen. 

People denkt nicht in Kollektionen, sondern in Editionen. Die erste Edition, die den Namen „Stop labeling" trägt, ist in sich stimmig, die Farbpalette reicht von Cremetönen bis zu einem satten Blau. Prints wurden auf Dreiviertel-Hosen und den dazu passenden Tops gedruckt. Es sind Einzelstücke, die mit einem persönlichen Text über das Teil, der von dem Jugendlichen, der es gefertigt hat, versehen sind. Das ist auch der einzige wirkliche direkte Kontakt, den man zu den Kids hat. „Wir wollten keine Gesichter zeigen. Viele Jugendlichen hatten schon zuvor viele schlechte Erfahrungen mit der Presse. Außerdem wollen sie sich nicht unbedingt als obdachlos outen. Es ist eine Gruppenarbeit und das Projekt steht für diese Gruppe", erklärt Ayleen. 

 „Natürlich lernst du die Geschichten der Jugendlichen kennen und sie machen dich manchmal wirklich traurig. Aber das war auch so spannend an der Zusammenarbeit. Wir sind keine Sozialarbeiter, wir haben keine sozial-pädagogische Ausbildung. Für uns sind es nur Kinder, mit denen wir etwas schaffen ", erklärt Eva Sichelstiel. Insgesamt haben um die 100 Jugendliche im Alter von 13 bis 27 bei der Erstellung der Edition mitgewirkt. Die Gruppen bestanden immer aus 10-12 Helfern. „Es war sehr unverbindlich. Du weißt nicht, wo es die Kids hintreibt, auch wenn sie dir sagen, dass sie morgen wiederkommen werden, kann es sein, dass sie nie mehr auftauchen. Jedoch haben wir auch Jugendliche dabei gehabt, die uns wirklich ans Herz gewachsen sind und immer und immer wiederkamen. Ein Mädchen wurde zur sozialer Arbeit verurteilt und arbeitete ihre Strafe bei uns ab. Sie hatte so viel Spaß, dass sie jetzt ein Praktikum bei uns macht", führt das sympathische Designer-Duo weiter aus. 

Einsatz und eine gute Idee zahlen sich aus. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat People Berlin im Juli mit dem BKM-Preis der Bundesregierung 2015 für Kulturelle Bildung ausgezeichnet. „Junge Menschen, drogengefährdet oder suchtkrank, haben in Berlin mit unterschiedlichen Partnern ein Modelabel aufgebaut. Sie leben auf der Straße und zu großen Teilen ohne finanzielle Absicherung. Durch die direkte Beteiligung der betroffenen Jugendlichen und ungewöhnliche Kooperationen mit Organisationen der Zivilgesellschaft, der Gesundheitsverwaltung, mit Krankenhäusern, der Jugendhilfe, Unterstützern aus der Autoindustrie, der Filmwirtschaft sowie Kultur- und Kunstschaffenden ist die Marke „People Berlin" entstanden", liest sich der Nominierungstext des Ministeriums - berechtigt, wie wir finden. 

Neben Kleidung haben die Designerinnen auch Ringe, Vasen und die ganze Einrichtung für den Showroom zusammen entworfen. Bald geht es auch schon an die Arbeit für die nächste Edition. Bis dahin kann man die Kreationen noch in ihrem Showroom in Berlin und vielleicht auch bald online erstehen. 

peopledesign.de

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Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Bilder der Kollektion: Jan Philip Welchering 
Mood Bilder: Marcel, Anne Marie, Chantal, Anne Maria, Chantal