joy wellboy über ihr neues album, berlin und künstlerische freiheiten

Wir waren mit dem in Berlin lebenden Duo Joy Wellboy Kaffee trinken und zeigen dir exklusiv auf i-D.co das Video zur Single „Magic“.

von Moritz Gaudlitz
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17 Juni 2015, 3:20pm

Joy und Wim bilden zusammen die belgische Band Joy Wellboy: er sehr ruhig, sie das komplette Gegenteil. Vor gut einem Monat ist ihr neues Album „Wedding" erschienen. Obwohl die beiden Musiker auch ein Paar sind, hat der Titel nichts mit Heiratsplänen zu tun, sondern mit dem Berliner Stadtteil, in den immer mehr Kreative ziehen. 

Joy ist eigentlich Grundschullehrerin und Wim ist Fotograf. Vor einigen Jahren haben sie aber aus Liebe zur Musik und aus Liebe zueinander beschlossen, richtig gute Musik zu machen. Ihr neues Album Wedding, das beim Berliner Label B-Pitch Control erschienen ist, ist ein ausgewogenes, feines Popalbum: keine Genre-Einschränkung, direkte Dialoge zwischen den beiden Musikern, direkt an die Zuhörer gerichtet, Gitarrensounds, abwechslungsreiche Drums und komplexe Synthesizer.

In einem Café in Berlin Mitte haben wir sie getroffen. Das Gespräch ist wie ihre Musik auch: ziemlich dynamisch. Sie haben Visionen, eine schöne Haltung zu ihrer Musik und sind enorm sympathisch. Ab und zu drehen sie sich zueinander und suchen auf Flämisch nach einem englischen Wort. Süß, aber trotzdem sehr reif.

Ihr zwei kommt aus Belgien, wie hat das bei euch angefangen?
Wim:Wir kennen uns jetzt seit 15 Jahren, weil wir uns immer mal wieder in unserem Leben begegnet sind.
Joy: Wir haben gleiche Freunde. Und waren sehr sozial und deshalb kannten wir uns irgendwann und fanden zueinander.
Wim: Naja, also mindestens einer von zweien musste sozial gewesen sein. Ich war es weniger, eher Joy. Deshalb hat sie mich gefunden. Ich bin nicht der, der kommt und sofort die Hand schüttelt.
Joy: Das erste Mal, als ich in sein Studio kam, kam ich wegen einer Geschichte, die ich geschrieben habe und jemanden gebraucht habe, der meine Geschichte illustriert. Ich hatte ein tolles Gefühl und dachte, wir werden in der Zukunft wieder aufeinander treffen.

2009 habt ihr dann angefangen, Musik zu machen. Ihr seid aber auch ein Paar. Was war zu erst da? Die Liebe oder die Musik?
Joy: Erst war die Musik da. Ich habe mit meinen Ex-Freund Schluss gemacht und wollte nur noch Musik machen, ich hatte so eine Energie. Dann haben Wim und ich uns aber doch verliebt. Es passiert meistens, wenn man es nicht denkt. Ich war bereits sehr an ihm interessiert. Ich mochte es, wie er alles umsetzt. Im Leben und vor allem in der Musik. Belgier warten immer und lassen sich Zeit. Wim war anders.
Wim: Hör zu, wie sie sagt: „Er war anders" (beide lachen). Wenn es um die Musik geht, muss man sich wirklich vertrauen. Denn zusammen leben und gemeinsam Musik machen ist schon eine Herausforderung.
Joy: Aber wenn Probleme auftreten, dann kann man darüber schreiben und es in der Musik aussprechen.

Ihr seid vor zwei Jahren aus Belgien nach Berlin gezogen.
Joy: Wir sind beide Belgier, haben in Antwerpen und Brüssel gelebt. Ich hatte mir immer vorgenommen, dass, bevor ich 30 bin, ich woanders leben werde. Brüssel ist sehr cool, aber es hält dich auch auf, was die Kreativität angeht. Ich komme da nicht weiter. Es ist sehr chaotisch, aber zugleich ruhig dort. Es gibt nicht wirklich einen Prozess, aber ich liebe es trotzdem.
Wim: Und es gibt auch keinen Platz. Die Stadt ist so eng, alles liegt dicht beieinander, da bekommt man kaum Luft. Dreckige Orte neben sauberen.

War Berlin die einzige Lösung für euch als Musiker?
Joy: Ich wollte einfach raus aus Brüssel und wollte in eine Stadt, die uns mehr bieten konnte. Außerdem brauchte ich einen klaren Klopf und neuen Input für die Musik, die ich schreibe. Berlin war dann irgendwie in unserem Kopf. Wir sind unseren Instinkten gefolgt und die haben uns nach Berlin geschickt. Ellen Allien hat uns in der Zeit kontaktiert, weil sie Videos gesehen hat, die wir in Kalifornien gemacht haben. In Berlin haben wir uns dann auch getroffen, es hat geklickt und wir haben uns dann auch entschlossen, endlich mit einem Label zu arbeiten.

Es ist ja sicherlich auch nicht schlecht, in der gleichen Stadt zu leben, in der euer Label B-Pitch Control seinen Sitz hat, oder?
Wim: Ja, es ist definitiv perfekt. Auch, weil wir ja noch diese Sprachbarriere haben, denn Deutsch ist nicht dasselbe wie Flämisch. Wir lernen es hier immer besser, obwohl die Kommunikation auf Englisch ist. Wenn es ein Problem gibt, können wir uns immer gleich treffen. Das ist sehr wichtig.
Joy: In unserer Zeit ist es so wichtig, Menschen zu treffen, Gesichter und Ausdrücke zu sehen, sich gegenüberzustehen, die Stimme zu hören. Man kann geschriebene Sprache so schnell fehlinterpretieren.

Ich würde sehr gerne über eure aktuelle Platte „Wedding" sprechen. Sie hört sich so an, als hättet ihr euch etwas gesettelt. Man hört, dass ihr schon seit langer Zeit Musik macht und zusammen seid. Diese Dialoge zwischen euch sind ein bisschen wie damals die von Serge Gainsbourg und Jane Birkin.
Wim: Ich denke, dass du Recht hast. Wenn man zusammenarbeitet, kann es sich so anhören wie einst bei Jane Birkin und Serge. Sie hatten dieses sexuell-freie in ihrer Musik und musikalisch war es auch ähnlich. Wenn wir jemals so weit kommen sollten, wäre das fabelhaft. Das ist aber 30 Jahre her. Die Musik war progressiv. Die Basslines, die musikalische Struktur... Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich ihn jeden Tag höre, aber er ist definitiv ein Einfluss.

Als ich den Albumtitel zuerst las, dachte ich an Heirat und dann erst an den Stadtteil. Ist das ein Wortspiel?
Joy: Es ist eigentlich kein Witz oder Wortspiel. Der kommt vielleicht danach. Es ist ganz einfach: Das Album musste einfach so heißen, wir haben nicht danach gesucht. Es ist dort entstanden und über die Doppelkonnotation habe ich überhaupt nicht nachgedacht. Es ist eine Ode an Wedding.
Wim: Ein Album zu machen, ist eine Heirat. Man arbeitet mit Menschen zusammen, die zusammenwachsen. Man muss immer Vertrauen und Glauben zueinander haben. Es geht nicht um den Ring und die Zeit, sondern um 2 Kräfte, die vereint sind.

In welchen Zeitraum ist euer zweites Album entstanden?
Wim: Nach der Veröffentlichung unseres ersten Albums sind wir viel getourt und haben dann nach der Tour eine Menge Material angesammelt. Im Sommer haben wir die Songs dann aufgenommen. Im September hatten wir ein neues Album, das wir mixen konnten. Das ging alles ziemlich schnell, aber wir sind sehr zufrieden.
Joy: Man muss weitermachen, sonst funktioniert es nicht. Natürlich muss man auch mal ausruhen, aber es kommt immer Input...

Schau dir auf Noisey noch mehr Musikvideos von dem Duo an.

Eure Musik ist klingt sehr roh und direkt. Als ob eure Dialoge und eure Stimmen die Zuhörer direkt aus den Musikboxen oder Laptops ansprechen wollten.
Wim: Danke für das Kompliment, denn das ist genau das, was wir mit dem zweiten Album erreichen wollten. Die Vocals haben diese narrative Energie - direkt in deine Ohren. Das geht mir auch so, wenn ich das Album höre. Joy und ich kommunizieren miteinander, wir versuchen aber, die Menschen miteinzubeziehen.
Joy: Ich möchte keine Lücke zwischen den Zuhörern und uns schaffen, auch auf der Bühne nicht.

Außerdem klingt die Musik auf eurem Album so, als wäre es euch nicht wichtig, wie etwas entsteht und ob es in ein Raster passt, sondern als ob ihr genau das umgesetzt habt, worauf ihr Lust hattet.
Wim: Du hast so Recht! Ich denke, es ist wichtig eine Geschichte zu erzählen, mit Musik und Stimme. Es geht nicht um die Tools, es geht nicht um die Gitarre. Gib mir irgendein Instrument und ich versuche, Sound damit zu machen. Dann öffnen sich neue Wege.
Joy: Wir wollen nichts Massives schaffen, wir wollen Geschichten erzählen. Wir arbeiten derzeit intensiv daran, Bilder zu unserer Musik in Form von Videoclips zu schaffen. Wir haben oft diese tollen Ideen, aber wir fangen dann mit einfachen Ideen an.

Die Gretchenfrage: Hört ihr selbst noch Musik? Ich kenne viele Musiker, die selbst keine Musik mehr hören wollen.
Wim: Ich muss andere Musik hören, ich wäre sehr gelangweilt, wenn ich es nicht täte. Es ist egoistisch, wenn du diese Produzentenschiene fährst und dich einsperrst. Du kannst die Welt nicht in deine Musik bringen, wenn du dich einsperrst. Es wird sich nicht gut anhören, wenn dein Herz oder deine Gedanken nicht offen sind. Das heißt nicht, dass Isolation nicht gut sein kann. Man muss sich auch mal einsperren, wenn man aufnimmt.
Joy: Bei mir ist es ähnlich. Ich kann mich total öffnen in einer Phase, in der anderen muss ich mich zurückziehen.

Man kann euer Album und eure Musik nicht einem bestimmten Genre zuordnen, das ist spannend und macht die Platte zeitlos.
Wim: Ich bin schnell von Alben gelangweilt, die monoton klingen. Gerade heutzutage in der Produzentenzeit. Ich höre immer dieselben Wiederholungen, daran bin ich nicht interessiert. Wir sind als Künstler frei und können machen, was wir wollen. Das ist so schön.
Joy: Außerdem fängt es bei uns mit einer Geschichte an. Wenn die Geschichte einen punky Vibe braucht, dann kommt das auch. Manche Songs brauchen ein bestimmtes Tempo, die anderen müssen langsam sein.

Ich persönlich bin auf euch über euren Dixon-Remix von „Before the Sunrise" aufmerksam geworden, wie vielleicht viele andere auch. Wie ist es für euch, bei einem der besten Indie-Electronic-Labels - B-Pitch Control - zu sein, wo doch eure Musik nicht elektronisch ist?
Wim: Die sind total offen und sie haben uns gefunden. Das ist das Beste, dass wir dort veröffentlichen können. Wir arbeiten aber auch eng zusammen. Ellen Allien ist musikalisch total offen! Ich bin nicht so der Techno- und House-Typ, aber wenn man sich manche Sachen anhört, bin ich echt begeistert.
Joy: Das gute ist, dass wir bereits vor dem Label-Sign wussten, was wir machen wollen und wo es hingeht. Die haben uns unsere Freiheit gelassen, weil sie unseren Stil mögen. Sie sind froh, wenn wir mit einem neuen Video kommen. Die andere Seite, die ich an dem Label mag, ist die Dancefloor-Seite. Wir mögen die Musik, kommen aber eigentlich aus einer ganz anderen Richtung und dann hören wir unsere Musik im Dixon-Remix im Berghain auf einer fetten Anlage - das ist echt cool.

@JoyWellboy

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Credits


Text und Interview: Moritz Gaudlitz 

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