5 Bücher, die du lesen solltest, wenn du genug von Sommer-Sonne-Sonnenschein hast

Wir alle haben lange genug auf ihn gewartet und haben die Kälte verflucht. Jetzt ist er endlich da: der Sommer. Und plötzlich wollen wir ihn gar nicht mehr so wirklich haben, sondern verbringen die Tage lieber zu Hause im Kühlen mit diesen Büchern.

von Kai Hilbert; Fotos von Carola Mascheraux
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21 Juni 2016, 9:05am

Bonjour Tristesse, Francoise Sagan
Die frühreife Halbwaise Cécile, zuckersüße 17, verbringt die Sommermonate gemeinsam mit ihrem Vater, dem in die Jahre gekommenen Schwerenöter Raymond und dessen weitaus jüngerer Geliebten Elsa. In der drückenden Hitze der Côte d'Azur bewegt sich Cécile unbeschwert zwischen Villa, Cafés und Strand. Doch das unbeschwerte Dämmerleben erfährt ein abruptes Ende als die beste Freundin ihrer verstorbenen Mutter, die Modedesignerin Anne, auf der Bildfläche erscheint. Ihr erklärtes Ziel: Den Lebemann Raymond zu ehelichen und Céciles Beziehung zum Jurastudenten Cyril zu unterbinden. Cécile, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Abscheu gegenüber dieser Frau von Welt, schmiedet einen gefährlichen Plan. Ihre Zutaten: Eifersucht, Verführung und Schuldgefühle.


Auch auf i-D: Verliebt in den Sommer starten


Francoise Sagan schrieb diesen Roman 1954 innerhalb weniger Wochen – mit nur zarten 18 Jahren. Er machte sie zwar über Nacht zum Star, brachte ihr aber gleichermaßen scharfe Kritik und den Vorwurf der Unmoral und Verdorbenheit ein. Was erlaubt sich auch ein so junges Ding, schamlos in ihrem aufmüpfig geschriebenem Büchlein sexuelles Erwachen gepaart mit weiblicher Selbstbestimmung in einem Plot voller Intrigen zu betten und mit zarter Melancholie zuzudecken?

Der Fremde im Palazzo d'Oro, Paul Theroux
"Das ist meine Geschichte. Jetzt, wo ich sechzig bin, kann ich sie erzählen." So beginnt die Geschichte eines Mannes, der 1962 im sizilianischen Taormina auf der Terrasse des Luxushotels Palazzo d'Oro auf ein Paar trifft, das ihn sogleich in seinen Bann zieht. Fasziniert von der hübschen Gräfin, genannt Griffin, beschließt der junge Amerikaner auf Einladung ihres Leibarztes Haroun, länger als geplant im malerischen Ort zu bleiben.
Die großzügige Einladung geht allerdings mit delikaten Bedingungen einher. Schnell verstrickt sich der unerfahrene Mann in ein gefährliches Spiel voller Leidenschaft; in einen Kampf um Dominanz mit einer durch und durch überlegenen Frau, die ihn sowohl abstößt, als auch seine tiefsten Begierden weckt. Als er sich aus seiner Abhängigkeit zu befreien versucht, wartet Haroun mit einem Geheimnis auf, das alles verändert und sein Leben für immer prägen wird.
Paul Theroux hat einen Roman geschrieben, der den Leser mit einer Mischung aus sprachlicher Eleganz, sinnlicher Erotik und tückischer Intrige für sich einnimmt. So, wie auch der junge Mann, verliert man sich beim Lesen im atmosphärisch gezeichneten Italien der 60er Jahre und dem Glamour der unnahbaren Gräfin.

Heim schwimmen, Deborah Levy
Was macht man, wenn man gerade London entflohen, in seinem Ferienhaus in Nizza eintrifft, und eine rothaarige Schönheit dem hauseigenen Pool entsteigt wie eine Meerjungfrau dem Ozean? Na, man lädt sich natürlich zum Bleiben ein! Ihr Name: Kitty Finch. In der Hitze Südfrankreichs bringt sie das fragile Ferienidyll der Urlaubsgesellschaft rund um die Eheleute Jozef und Isabel Jacobs gehörig durcheinander. Jozef und Isabel haben sich schon lange nichts mehr zu sagen, Tochter Nina befindet sich mit ihren vierzehn Jahren in der Blüte der Pubertät und dann ist da noch das mit den Jacobs befreundete Ehepaar, das kurz vorm finanziellen Ruin steht. Großartige Voraussetzungen also, um entspannt die Seele baumeln zu lassen. Die mysteriöse Kitty kommt traumwandlerisch daher und legt gewollt und ungewollt einer Person nach der anderen den Daumen in die Wunde und streut obendrein noch etwas Salz darauf. Bei sich selbst keine Ausnahme machend, kommt Kitty einer Zeitbombe gleich, deren Sprengstoff aus einem Gemisch aus Erotik und Psychose besteht und deren Zünder das gelüftete Geheimnis ist. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als dass der Schriftsteller Jozef ihr endlich seine Meinung zu dem von ihr geschriebenen Gedicht "Heim schwimmen" kundtut. Ob sie ihm allerdings eine Antwort entlocken kann, während sie mit Josef, um sein Leben bangend im Beifahrersitz, die Serpentinen der Côte d'Azur entlang rast, bleibt abzuwarten.
Auf gerade einmal rund 160 Seiten nimmt uns Deborah Levy mit auf einen Trip voll Unbehagen, Verwirrung, lakonischer Komik und einer Protagonistin, in die man sich zwar verlieben kann, aber dann nicht erwarten darf, nicht daran zu Grunde zu gehen.

Zacharias Katz, Burkhard Spinnen
Wir schreiben das Jahr 1914. Der junge deutsch-amerikanische Journalist Zacharias Katz ist auf der Flucht. Vor wem oder was weiß er selbst nicht so genau. Am wahrscheinlichsten ist jedoch: vor sich selbst. Vor sich, vor den Selbstzweifeln, vor seinem Dasein als wenig begabter Schreiberling ohne Leidenschaft und Dichter ohne poetische Ader und schlussendlich vor der Frage, auf welcher Seite er eigentlich als Deutsch-Amerikaner in Anbetracht des am Horizont aufziehenden Weltkrieges steht. Er schmeißt seinen Job und weil er nicht weiß wohin, betritt er die Präsident, ein kleines deutsches Passagierschiff, das in der Karibik umher dümpelt. Wahrlich nicht die Lösung seiner Probleme, aber eine ihm vor die Füße gefallene und willkommene Möglichkeit, sich nicht mit sich und seiner Identitätskrise auseinandersetzen zu müssen. So sehr er vor seiner eigenen flüchtet – so viele neue, skurrile Identitäten begegnen ihm nun auf dem Schiff. Passagiere kommen und gehen und Zacharias macht es sich zur Aufgabe, jene Persönlichkeiten und ihre Geschichten schriftlich festzuhalten. Er wird somit gewissermaßen zum Logbuchführer der Persönlichkeiten. Das altehrwürdige Passagierschiff wird langsam zu seiner Heimat, einer Heimat die stetig in Bewegung und somit nirgends zu verorten ist. Dem Krieg jedoch sind Begrifflichkeiten wie Heimat und Identität egal. Von Europa her schwappt er über den großen Teich und erreicht schließlich auch die Präsident.
Burkhard Spinnens Roman handelt vom Zerfall geordneter Verhältnisse – gesellschaftlich wie individuell. Zacharias Katz schildert eine Seelensuche im Setting einer trist daliegenden Idylle und nimmt uns dorthin mit. Alle an Bord – Zielhafen: Melancholie.

Ein letzter Sommer, Steve Tesich
Als die drei Freunde Daniel, Billy und Larry ihren Highschool-Abschluss absolvieren, schreiben wir das Jahr 1969. Ihnen steht ein letzter gemeinsamer Sommer bevor – ein Sommer, wie eine Weggabelung auf ihrem Weg Richtung Erwachsenenleben. Sie wissen, dass nach diesem Sommer alles anders sein wird. Alle sprechen davon, dass die Zukunft auf sie warte, aber niemand nennt den vereinbarten Treffpunkt. Und so bleibt für die drei und vor allem für Protagonist Daniel das Wörtchen Zukunft ein Begriff, der zwar voller Verheißung, jedoch bei all den nebulösen Problemen der Gegenwart nicht auszumachen ist. Denn neben den zehrenden Zukunftsängsten wäre da noch Daniels schwierige Familiensituation, allem voran die Hassliebe zu seinem verbitterten und krebskranken Vater, der Daniel den Wunsch auf ein selbstbestimmtes Lebens stetig zunichte macht. Während sich Billy für das ruhige Leben in der Heimatstadt und Larry für die Revolte entscheidet, nimmt das Schicksal Daniel die Entscheidung scheinbar ab: Er verliebt sich in die seltsame Rachel, die für ihn weit mehr ist, als eine hoffnungsschimmernde Sommerromanze. Rachel ist das ersehnte Versprechen auf eine Zukunft fernab vom verschnarchten East Chicago, fernab von Angst, Unsicherheit und Krankheit, fernab vom vertrackt-ambivalenten Verhältnis zu seinem Vater. Doch auch Rachel trägt ihren Rucksack und in diesem befindet sich ein Familiengeheimnis, das Daniel immer tiefer in einen Sog widersprüchlicher Gefühle ziehen wird. Zitat Rachel: "Liebe kann eine richtige Krankheit sein. Und sie kann ein Heilmittel sein, und es wird eine Zeit kommen, da wirst du nicht wissen, ob sie das eine ist oder das andere."

Nicht umsonst wurde Ein letzter Sommer in den USA mit Salingers Der Fänger im Roggen verglichen. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die teils verstörend, teils verträumt, ein Thema von universeller Gültigkeit aufgreift und die Manie der Adoleszenz in schönster Manier darlegt.