Quantcast

„women who draw“ ist das neue kreative zuhause für illustratorinnen aus der ganzen welt

Das Frauenkollektiv stellt Künstlerinnen weltweit eine Plattform zur Verfügung, über die man die Möglichkeit hat, Kreative nach Ethnie, Wohnort und sexueller Orientierung gezielt zu suchen. Wir stellen euch vier queere Illustratorinnen vor und haben...

Juule Kay

Juule Kay

Es existieren unzählige Kollektive in den Weiten des Internets, doch keines von ihnen lässt sich mit Women Who Draw vergleichen. Gegründet wurde es von einer Gruppe Künstlerinnen mit dem Gedanken, die Sichtbarkeit von Illustratorinnen zu verstärken und Creatives of Color und Menschen aus der LGBTQi-Community eine Plattform zu geben. Talente sollen gefördert, entdeckt und einem breiten Publikum vorgestellt werden. Mit Hashtag-Kampagnen ruft das Netzwerk immer wieder dazu auf, die eigene Geschichte mit der Welt zu teilen und persönliche Erfahrungen in Zeichnungen und Illustrationen zu verarbeiten. Wir wollten mehr über die Plattform und ihre kreativen Mitglieder erfahren und haben vier queere Künstlerinnen Rede und Antwort stehen lassen.

Saskia, New York

Warum bist du ein Teil des Kollektivs Women Who Draw? Was ist das Besondere an dieser Plattform?
Ich mag, dass es wie ein Inhaltsverzeichnis funktioniert. Für Artdirektoren und Marken ist es so leichter, sich einen Überblick über verschiedene zeitgenössischen Stile und Künstlerinnen zu verschaffen und diese direkt zu kontaktieren. Das Konzept finde ich sehr originell und hoffe, dass mehr solcher Verzeichnisse im Netz entstehen.

Wie bist du zum Illustrieren gekommen?
Ich zeichne, seitdem ich einen Stift halten kann, um meine Gedanken, Träume und Gefühle zu visualisieren. Durch das Studium habe ich Illustration dann auch als einen möglichen Karriereweg entdeckt. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich meinen Berufswunsch in die Tat umzusetzen konnte und durch die neuen Medien ist mir das langfristig gelungen.

Wie würdest du die queere Kunstszene in deinem Land beschreiben?
Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir als Erstes ein schillernder Regenbogen ein. Durch bunte Illustrationen kann man Tabus wie Sexualität öffentlich ansprechen, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksamzumachen und neue Lösungswege zu finden.

Was bedeutet es für dich, heutzutage eine Frau zu sein? 
Ich kann mir meine eigene Identität nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen und beruflich und privat verwirklichen. Das ist manchmal verwirrend. Das ist aber immer noch besser, als kein Mitspracherecht zu haben.

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Arbeiten vermitteln?
Es kommt auf das jeweilige Projekt oder die Idee an. Als Illustratorin verdiene ich mein tägliches Brot mit der Fähigkeit, Inhalte aus neuen Blickwinkeln zu betrachten und zu beleuchten. Thematisch interessieren mich hauptsächlich authentische Momente mit Humor.

@saskdraws

Violeta, Barcelona 

Warum bist du ein Teil des Kollektivs Women Who Draw? Was ist das Besondere an dieser Plattform?
Es ist ein einfaches Konzept, dass großartig ausgeführt wird. Die Website bietet die Möglichkeit, sich miteinander zu vernetzen und Gleichgesinnte zu finden, als auch gefunden zu werden. Außerdem ist es ein toller Weg zu sagen: „Wir sind hier und wir sind viele". Auch die Reihenfolge der Künstlerinnen wechselt jeden Tag. Das Besondere ist gerade diese Einfachheit, auch was die Teilnahme betrifft. 

Wie bist du zum Illustrieren gekommen?
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich kleines Kind nie meine älteren Bruder in Ruhe gelassen habe, weil mir ständig langweilig war. Er hat mir einen Stift und Papier in die Hand gedrückt und mir gezeigt, wie man Strichfiguren malt. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich bis heute nicht damit aufgehört habe. 

Wie würdest du die queere Kunstszene in deinem Land beschreiben?
Komisch und schön. 

Was bedeutet es für dich, heutzutage eine Frau zu sein?
Extra Aufwand. 

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Arbeiten vermitteln?
Gerade konzentriere ich mich mehr darauf, Frauen als Subjekte zu porträtieren und nicht mehr so viele Objekte zu zeichnen.

@violetanoy

Sarah, Georgia

Warum bist du ein Teil des Kollektivs Women Who Draw? Was ist das Besondere an dieser Plattform?
Es ist eine fantastisches Mittel, um neue Illustratorinnen zu finden — und zwar konzentriert an einem Ort. Man muss nicht mehr stundenlang im Internet herumsuchen, vor allem wenn man bedenkt, wie riesig die Auswahl an Illustratoren heutzutage ist. Außerdem ist es großartig, dass wir mit Tags darauf aufmerksam machen können, als was wir uns selbst identifizieren. Das wird nicht immer offengelegt, wenn du dir eine Illustration anschaust. Es ist ein gutes Gefühl, wenn es eine Community in einem Bereich gibt, in dem vor allem Einzelgänger unterwegs sind, und dass man seine eigenen Arbeiten im Kontext anderer sehen kann.

Wie bist du zum Illustrieren gekommen?
Ich war eines dieser Kinder, das ständig gemalt hat. Uns wurde schon früh beigebracht, wie wir unsere eigene Kleidung nähen und haben Menükarten für ausgedachte Restaurants illustriert. Ich bin in einem sozialen Umfeld aufgewachsen, das diese kreativen Fähigkeiten sehr wertgeschätzt hat. Wäre das alles nicht gewesen, würde ich wohl heute als Buchhalterin arbeiten (Strukturen in Zahlen zu erkennen, ist wirklich etwas Schönes für mich). Acht Jahre später habe ich meinen Master in der Tasche, meinen eigenen Onlineshop und einen Blog, den ich zwar nicht mehr nutze, der mich aber dort hingebracht hat, wo ich heute stehe. 

Wie würdest du die queere Kunstszene in deinem Land beschreiben?
Unterstützend, obwohl das ganze kreative Feld rund ums Illustrieren eine unglaublich schöne Community ist. 

Was bedeutet es für dich, heutzutage eine Frau zu sein?
Für mich persönlich bedeutet es Sichtbarkeit, Solidarität, meine eigenen Privilegien zu erkennen und mich als Verbündete für andere einzusetzen. Unterstützende Netzwerke und Communitys spielen dabei eine große Rolle. Es ist eine neue Art von Stärke, die nicht auf dem Mangel von etwas oder einem hierarchischen, kontrollierenden System basiert.

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Arbeiten vermitteln?
Dass man ehrlich und schräg sein kann. Ich hoffe, dass meine Arbeiten sich direkt, einfach und bestätigend anfühlen. 

@thesmallobject

Sonia, El Salvador

Warum bist du ein Teil des Kollektivs Women Who Draw? Was ist das Besondere an dieser Plattform?
Es werden Frauen aus der ganzen Welt zusammengebracht, die die gleiche Leidenschaft teilen. Women Who Draw ist ein Ort, den wir schon lange gebraucht haben. Schließlich wird die Kunstwelt, wie viele andere Dinge auch, immer noch größtenteils von Männern dominiert. Die Plattform funktioniert wie ein Verzeichnis, über das man die Künstlerinnen unter anderem nach Ethnie, Wohnort und sexueller Orientierung filtern kann. Auf diese Weise findet sich schnell die passende Illustratorin für ein bestimmtes Projekt. 

Wie bist du zum Illustrieren gekommen?
Ich mochte es schon immer zu zeichnen, auch wenn ich es nie wirklich ernst genommen habe, weil ich nie an mein Talent geglaubt habe. Ich habe mein Produktdesignstudium nach zweieinhalb Jahre  abgebrochen und bin zum Grafikdesign gewechselt. Ab diesem Zeitpunkt habe ich jeden Tag gezeichnet und damit meine Gefühle ausgedrückt. Als ich gemerkt habe, dass meine Arbeiten ankommen, habe ich angefangen als Freelancerin zu arbeiten und meine eigene Marke zu etablieren. 

Wie würdest du die queere Kunstszene in deinem Land beschreiben?
Es muss noch einiges getan werden! Vor allem im Illustrationsbereich gibt es nur sehr wenige queere Projekte. Dazu kommt, dass die meisten queeren lllustratoren überwiegend Männer sind. Allgemein ist El Salvador noch immer ein sehr intolerantes und religiöses Land, deshalb glaube ich, dass sich die Szene zwar weiterentwickeln wird, aber eben nur sehr langsam. 

Was bedeutet es für dich, heutzutage eine Frau zu sein?
Für mich gibt es mehr Freiheiten als noch vor einigen Jahren. Trotzdem ist Sexismus immer noch weit verbreitet. Wir kämpfen für soziale und ökonomische Gleichberechtigung und dafür, dass falsche und ungesunde Schönheitsideale ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und mit Konkurrenzgehabe aufhören. Es geht darum nach unserer eigenen Selbstverwirklichung zu suchen.

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Arbeiten vermitteln?
In meine Arbeiten beziehe ich mich in erster Linie auf den Feminismus, Geschlechteridentitäten und sexuelle Orientierung. Ich möchte mit meinen Illustrationen dazu beitragen, dass die Klischees der Vergangenheit angehören und wir uns gegen Geschlechterrollen wehren. Die Charaktere in meinen Zeichnungen sind stark, leidenschaftlich, unabhängig, sehr sensibel und emotional, aber dabei nie schwach. 

@sonialazo

Credits


Text: Juule Kay
Titelillustration: Sarah Neuburger