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„heroines of sound“ feiert die pionierinnen der elektronischen musikszene

Wir haben die Macher des Festivals zum Gespräch getroffen.

Alexandra Bondi de Antoni

Alexandra Bondi de Antoni

Wir alle haben unsere Heldinnen. Frauen, zu denen wir aufschauen und die unseren Lebensweg begleiten. Die ihren Weg gegangen sind und uns dazu inspirieren, auch unseren eigenen Weg zu gehen und uns nicht unterkriegen zu lassen. Sei es in der Politik, der Literatur oder in der Musik—die Heldinnen warten darauf, von neuen Generationen von Mädchen entdeckt zu werden. Um die Frauen in der elektronischen Musikszene einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und die Kompositionen und das Können von Frauen zu feiern, haben die Macher von Heroines of Sound ein Festival ins Leben gerufen, bei dem ausschließlich Frauen auftreten und ihre Kunst in Form von Liveauftritten, Performances und Vorlesungen präsentieren. „Die Ausgangsidee war, die bis heute kaum bekannten Pionierinnen elektronischer Musik einer breiteren Öffentlichkeit zu erschließen und mit einem genreübergreifenden Programm die Verbindungen zu den Musikerinnen und Komponistinnen zeitgenössischer Musik, avanciertem Pop und elektronischer Performance zu eröffnen", erklärt die Gründerin Bettina Wackernagel ihr Anliegen. Das Line-up bringt Vorreiterinnen der Branche mit jüngeren Musikerinnen zusammen und zeigt so ein breites Spektrum an (weiblicher) Musikgeschichte. Bevor es am Donnerstag losgeht, haben wir zwei der drei Organisatoren, Mo Losschelder und Bettina Wackernagel, zum Gespräch getroffen. Sie haben uns erklärt, warum Berlin so ein Festival braucht und was wir gegen die Unterrepräsentation von Frauen in der elektronischen Musikszene tun können. 

Warum ist Berlin der perfekte Austragungsort für das Festival?
Berlin zeichnet sich durch eine vielfältige und internationale Musikszene aus. Die Musiker in dieser Stadt sind sehr aktiv und seit Langem fest verankert. Zudem arbeiten heute viele Künstler spartenübergreifend. Und nicht zuletzt gibt es hier ein breites Publikum, das wir mit dem genreübergreifenden Programm von Heroines of Sound erreichen können.

Warum braucht es so ein Festival?
Sowohl in der Performance- und Videokunst wie in der elektronischen Musik gab es viele Künstlerinnen, die Maßstäbe gesetzt haben, deren Rezeptionslinien jedoch abgebrochen sind. Und wir fragen warum? Zudem sind wir überzeugt, dass die Experimentierfreude und die künstlerische Qualität der Komponistinnen und Musikerinnen der Heroines of Sound verbunden mit der historischen Perspektive des Festivals das Publikum inspiriert und hier neue Horizonte eröffnet. Bis heute sind Künstlerinnen, Komponistinnen und Regisseurinnen in der Musik, der Bildenden Kunst und im Film unterrepräsentiert. Das ist kein Geheimnis, sondern derzeitiger Status quo, an dem auch die Quotendiskussion bislang kaum etwas geändert hat. Heroines of Sound möchte das facettenreiche Schaffen der Komponistinnen und Musikerinnen, die vielen aufregenden und—wie wir denken—stilprägenden Arbeiten mit geballter Wucht präsentieren.

Ich hatte vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch mit den Machern von Creamcake und den Frauen hinter Diskwoman und sie meinten alle einstimmig, dass Frauen vor allem in der elektronischen Musikindustrie immer noch unterrepräsentiert sind. 
Im Jahr 2013 wurde über die Plattform female:pressure eine umfassende Recherche zum Thema Frauenquote bei internationalen Festivals erstellt. Das erschreckende Resultat lag bei 10 Prozent. Wenn man die Festivals Neuer oder -Computermusik mit einrechnet, sind es sogar maximal 5 bis 10 Prozent. Dabei begegnen wir häufig dem Argument männlicher Veranstalter, sie könnten für ihr Programm keine oder nicht genügend viele Musikerinnen elektronischer Musik finden, so dass die wenigen Künstlerinnen, die es in die Headlines von Festivals schaffen, als erstaunliche Ausnahmeerscheinungen gesetzt werden. Dieser Haltung möchten wir mit einer Fülle von weiblicher elektronischer Musik begegnen.

Wie weit sind wir bei der Akzeptanz von Frauen in der elektronischen Musikszene schon gekommen? Und was muss noch getan werden?
Gegenwärtig gilt zwar die Devise nicht mehr, dass Komponieren eine männliche Domäne sei, speziell aber für Komponistinnen, die aus dem traditionellen Rahmen der Instrumentalmusik fallen, ist der Zugang zu Konferenzen, Konzerten und Festivals der Computermusik erschwert. Als weiblich konzipiertes Format kooperiert Heroines of Sound mit anderen internationalen Festivals und Partnern. Wir wollen auf diese Weise langfristig den Anteil der weiblichen Künstlerinnen innerhalb des Musikbetriebs stärken. Feminismus ist chic, er wird in Lifestyle-Magazinen diskutiert und die T-shirts, auf denen I am a Feminist steht, sind ein Kassenschlager. Es wird spannend zu beobachten, ob und wie sich diese Phänomene auf die gesellschaftliche Agenda auswirken. Wenn allerdings einem Weltstar wie Björk noch im Jahr 2015 von der Presse nachgesagt wird, ihr mit Acra gemeinsam produziertes Album Vulnicura sei dessen alleiniges Werk, dann haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Wie habt ihr das Program zusammengestellt? Was macht eine Heroine of Sound zu einer Heroine of Sound?
Entscheidendes Kriterium für die Auswahl der Künstlerinnen ist der experimentelle Ansatz und die Qualität ihrer Arbeit. Uns interessieren Künstlerinnen, die stimmlich, musikalisch und kompositorisch die Möglichkeiten elektronischer Klangumformung ausdeuten, akustische Visionen entwerfen, und dabei Kategorien gängige Genregrenzen überschreiten. Bereits die Pionierinnen der frühen elektronischen Musik setzten sich über Genregrenzen hinweg. Sie komponierten Klangbilder für Hörspiel, Film und Fernsehen, nebst Konzertwerken, den Plop für Coca-Cola (Suzanne Ciani), sie gründeten Studios (Pauline Oliveros, Francoise Barrìere, Daphne Oram, Else Marie Pade), erfanden Musiksoftware (Laurie Spiegel), erforschten Verbindungen von Musik und Bild wie Daphne Oram mit Oramics, der Entwicklung eines visuellen Synthesizers. Ausgehend von elektronischen Pionierinnen entwickeln wir ein Programm, das strukturelle Bezüge für das Publikum eröffnet. 

Gibt es eine Performance, auf die ihr euch am meisten freut?
Wir freuen uns in diesem Jahr sehr, dass die Pionierinnen Beatriz Ferreyra und Christine Groult persönlich vor Ort sein werden und ihre Musik interpretieren, die vor allem in Deutschland noch immer ein Geheimtipp ist. Allgemein müssen wir einfach sagen: alle beteiligten Künstlerinnen sind fantastisch. Mit dem diesjährigen Festivalprogramm möchten wir Bezüge zwischen ihren verschiedenen Werken eröffnen und denken, dass die Musik für sich selbst spricht.

Wer sind eure persönliche Heldinnen?
Es gibt erfreulicherweise sehr viele Künstlerinnen, nicht allein in der Musik, sondern selbstverständlich auch in der Literatur, dem Film, der Performance, der Wissenschaft, aber auch mutige Aktivistinnen, wie etwa die Frauen des Arabischen Frühlings, die uns beeindrucken. Einen besonderen Tribut zollen wir der dänischen Pionierin Else Marie Pade, die leider Anfang 2016 verstorben ist. Pade engagierte sich mit 18 Jahren im dänischen Widerstand, wurde 1944 von der Gestapo verhaftet und deportiert. 1954 komponierte sie ihr erstes elektronisches Stück und war die erste Vertreterin elektronischer Musik in Dänemark überhaupt. 

Heroines of Sound findet vom 08. bis 10 Dezember in Berlin statt. Mehr Informationen findest du hier

heroines-of-sound.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Foto: Laurie Spiegel © Louis-Forsdale