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fotografie-ikone elfie semotan definiert eine andere art von schönheit

Wir haben die Fotografie-Ikone Elfie Semotan zum Gespräch über den Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Blick, Reife, die durchs Alter kommt, und die Selfiekultur getroffen.

von Alexandra Bondi de Antoni
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05 Oktober 2016, 8:35am

naomie campell für i-D

Wenn man Elfie Semotan danach fragt, was sie dazu sagt, dass viele Leute zu ihr aufschauen und sie als Vorbild sehen, zeichnet sich ein Lächeln um ihren Mund ab. „Schauen Sie, natürlich gibt es Leute, die diesen Begriff für mich verwenden, aber ich kümmere mich nicht wirklich darum, das würde mich verrückt machen!" Verrückt ist auch ein Wort, das man ohne Zweifel für ihr Leben verwenden kann: Mit 20 ist sie von Wien nach Paris gezogen, um dort als Model zu arbeiten, was ihr aber schnell zu langweilig wurde. Durch einen Freund entdeckte sie die Fotografie für sich—das Medium, mit dem sie bis heute noch arbeitet. Sie hatte sie alle vor der Kamera: von den größten Schauspielern über Models bis hin zu Politikern und Musikern. Auch ihre zwei Männer, die beiden Künstler Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger, die beide viel zu früh starben, so wie ihr enger Vertrauter Helmut Lang haben ihr immer wieder als Models gedient. In den 2000ern veröffentlichte sie auch regelmässig in i-D. „Terry war ein einzigartiger Chef. Er hat einem so viele Freiräume gelassen. Das war sehr unüblich. Ich habe die Zusammenarbeit immer sehr genossen", blickt sie zurück. Mittlerweile fotografiert die 75-Jährige vor allem Still Lifes und hat gerade eben ihre Autobiografie Eine andere Art von Schönheit auf den Markt gebracht. Wie sich ihr Blick auf Fotografie und Weiblichkeit in den Jahren ihres Schaffens verändert hat und was sie von der Selfie-Kultur hält, hat sie uns im Gespräch verraten. Zusätzlich hat sie uns einen Einblick in ihr Archiv aus Arbeiten für i-D in den 2000ern gegeben. 

Denken Sie, dass es so etwas wie den weiblichen Blick überhaupt gibt?
Jeder hat einen Blick auf die Dinge, der natürlich von der Genderposition geprägt ist. Ich habe mir schon oft darüber Gedanken gemacht und wollte einmal ein Buch darüber herausbringen, wie unterschiedlich Männer und Frauen arbeiten. Frauen agieren viel ganzheitlicher, sie haben immer alles im Blick und sie wissen, was um sie herum vorgeht. Der männliche Blick ist viel sexueller. Ich habe mich oft gefragt, wie ich damit umgehen soll. Ob ich Männer beneiden soll, die in ihren Fotografien und mit dieser Sexualität im Kopf gewisse Dinge zeigen, die mir als Frau zu wenig wären, weiß ich nicht. Es scheint aber vollkommen auszureichen. Als Frau könnte oder sollte man das so gar nicht machen. Es hat damit zu tun, dass Männer sich historisch gesehen für ihre Ansichten nie so rechtfertigen mussten, wie Frauen es bis heute noch immer tun.

Glauben Sie wirklich?
Also ja, man kann es schon. Ich frage mich aber wirklich wie? Das ist eine spannende Problematik. Es ist interessant, wie die Gesellschaft diesen männlichen Blick akzeptiert und wir uns alle darüber einig sind. Der weibliche Blick muss vielleicht genau deshalb mehr sehen und mehr aufnehmen. Ich sehe, wenn ich eine Frau anschaue, genau das Gleiche, wie wenn ich einen Mann anschaue. Ich erkenne, ob sie erotisch ist oder schön. Das, was man sieht, hat ja nicht gleich etwas damit zu tun, was man leben oder selber sein möchte. Es geht um eine Feststellung. Wenn man das Thema also so betrachtet, muss ich mir eingestehen, dass ich keine Antwort darauf habe, ob es einen männlichen oder weiblichen Blick gibt. Was man aber sagen kann, ist, dass es eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz und Erfahrung damit gibt.

Kann es sein, dass diese Idee vom männlichen Blick so in die Gesellschaft eingebrannt ist, sodass es gar keinen wirklichen Platz für den weiblichen gibt und dass das Thema deshalb nicht so allgegenwärtig ist?
[Überlegt kurz] ... Also ich muss mich schon damit auseinandersetzen. Es hat viel mit der allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz zu tun, wie damit umgegangen wird. Wie man etwas betrachtet, ist etwas sehr persönliches. Haben Sie das Gefühl, dass ihr Blick weiblich ist?

Ich finde, dass man das auf keinen Fall pauschalisieren kann. Jede Frau hat männliche Aspekte, jeder Mann weibliche. Würde man nun im Klischee denken, kann man sagen, dass Männer vielleicht eher dazu neigen, das zu verleugnen und deshalb leichter sexualisieren können ...
Absolut! Vielleicht kann man sagen, dass der männliche Blick nicht so sensibel ist. Aber genau das ist der Punkt, an dem ich schon wieder nicht sicher bin, da ich so viele Männer kennen, die ganz einfühlsam sind und auch in ihrer Fotografie ganz viel festhalten.

Glauben Sie, dass sich die Diskussion über dieses Thema verändert hat, seitdem Sie zu fotografieren begonnen haben?
Das ist ganz sicher ein größeres Thema als damals. Vor allem die jungen Leute setzen sich immer mehr damit auseinander. Der Grund sind soziale und wirtschaftliche Entwicklungen. Frauen sind selbständiger, machen mehr den Mund auf und wollen mehr. Alles wird in Frage gestellt. Wenn man unabhängig ist oder sein muss, betrachtet man die Dinge anders.

Wann haben Sie das erste Mal über Ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft nachgedacht?
Als ich aufgewachsen bin, war das kein Thema. Auf dem Land hat man darüber nicht gesprochen. Mein Vater war nicht sonderlich stark, bei mir waren es die Frauen, die ich als stark erlebt habe. Ich habe mich gar nicht mit meiner Position auseinandergesetzt, da diese sowieso klar war. Das erste Mal, als es mir richtig bewusst geworden ist, dass es doch einen Unterschied gibt, war, als ich mit 20 von Wien nach Paris gezogen bin und gemerkt habe, dass ich nicht einfach mit Männer befreundet sein kann. Ich wollte keine Liebschaften, das war alles so kompliziert und überfordernd. Es war praktisch nicht möglich, nur befreundet zu sein, was wirklich hart war. Ich habe nicht verstanden, wie eine Beziehung zu einem Mann nur sexuell sein kann. Dabei gibt es so viele andere Möglichkeiten, sich auszutauschen, zu existieren. Ich wurde in eine Rolle gedrängt, in der ich immer aufpassen musste. Alles musste eindeutig sein, man musste sich immer genau definieren, was, wenn man so jung ist, nicht immer geht.

Hat sich das geändert, als Sie begonnen haben zu fotografieren?
Also auf der einen Seite bin ich einfach erwachsener geworden. Diese Veränderung hat aber auch schon begonnen, als ich noch selbst gemodelt habe. Ich habe jedoch schnell wieder aufgehört, weil mir Modeln zu passiv war. Ich konnte mich damit nicht abfinden. Ich verstehe allgemein nicht, wie man nicht aktiv für sein Leben verantwortlich sein kann. Für mich ist das nichts, sei es in Partnerschaften, im Job ... Wobei dieser passive Gedanke wiederum mit der klassischen Frauenposition assoziiert wird, mit der ich mich nicht in Verbindung setze.

Was bedeutet Feminismus für Sie?
Dinge genauer zu hinterfragen. Jeder moderne Mensch muss auch Feminist sein. Das hat auch nicht nur mit Frauen zu tun. Hier geht es um Gleichberechtigung. Nicht nur sollten alle Religionen und Ethnien gleich behandelt werden, auch Frauen sollten gleich behandelt werden. Ich weiß ehrlich nicht, wie man heutzutage nicht Feminist sein kann. Feminismus hat immer noch diesen Geruch, dass man gegen Männer ist und dass man nur streiten will. Diese Vorurteile sind einfach schrecklich. Was hat das damit zu tun? Natürlich bin ich nicht gegen Männer, warum sollte ich das sein? Das wäre doch blöd.

Und Weiblichkeit?
Mir fällt es sehr schwer, das zu beantworten, und ich will auch gar nicht sagen, dass alle Frauen so sind und alle Männer so. Allgemein glaube ich jedoch schon, dass Frauen anders sind, anders sein müssen, da wir Kinder gebären ...Weiblichkeit bedeutet für mich ein aufmerksames Beobachten und Verantwortung übernehmen für das, was rund um einen herum passiert.

Denken Sie, dass heutzutage jeder Fotograf sein kann?
Natürlich kann jeder Fotograf sein, der Fotos macht. Immer, wenn man fotografiert, macht man auch ein Statement, darüber, wie man die Welt sieht und wie man sie sehen möchte. Menschen sind von Geburt an visuell. Wir schauen uns um, wir sehen alles. Ich sehe, wie Sie ihr Gesicht bewegen; ich kann ablesen, wie Sie sich fühlen. Wir erkennen dadurch, wo wir in Beziehung zu anderen stehen. Die Fotografie ist sozusagen die Fortsetzung dieser Beobachtungen. Sie ist schnell und spontan. Im Gegensatz dazu, wenn man z.B. einen Satz schreibt, muss man sich hinsetzen und denken. Und dann wird es für viele schon schwierig.

Vielleicht kann man dann sagen, dass genau die Menschen, die sich dieser Mechaniken bewusst sind, echte Fotografen sind?
Natürlich, das ist der Fotograf, der andere Dinge fotografiert, sich mit Dingen auseinandersetzt und nicht ständig sich selbst fotografiert.

Machen Sie Fotos mit ihrem Handy?
Ja, aber nicht, um sie wegzuschicken und auch nicht von mir selber. Wofür denn? Haben Sie so viel Zeit, sich die ganze Zeit zu fotografieren? Es ist ja wirklich öd. Ich sehe darin nichts. Also verstehen Sie mich nicht falsch, ich fotografiere gerne unwichtige, total unbedeutende Dinge, wenn sie sich in einer besonderen Situation darstellen. Gerade arbeite ich an vielen Still Lifes. Still Lifes von nichts sozusagen. Aber diese Handyfotos sind nur Alltag, da bleibt einem ja nichts mehr vom wirklichen Leben über.

Ich denke, dass viele Menschen wissen, dass ihr Leben einfach so banal ist, dass sie dieser Banalität eine Bedeutung geben müssen, indem sie es auf ein virtuelles Podest heben ...
Absolut. Es hat sicher den Zweck, sich in dieser Gesellschaft als Person zu etablieren, die etwas bedeutet. Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem man das einsieht, oder man verzweifelt immer mehr. Alles hat einen Grund, den man besprechen sollte, und Auslöser, die einen dazu veranlassen, etwas zu tun. Beides findet man aber nicht, wenn man auf sein Handy starrt. Die Welt und die Menschen werden dadurch auch immer schneller. Aber ist das gut? Ich bezweifle es. Ich finde, man kann schnell denken, aber man muss auch realisieren, dass viele Dinge Zeit brauchen, da bringt Schnelligkeit nichts.

Haben Sie einen Tipp für angehende Fotografen?
Man muss immer sehr genau schauen und herausfinden, was man sagt und sagen möchte. Alles ist ein Statement. Man muss eine Sprache finden dafür, was man mit den Fotos kommunizieren möchte. Außerdem ist es wichtig, die vertraute Heimat zu verlassen, um für sich selbst zu existieren. Man sollte sich mit Dingen auseinandersetzten, die einem unbekannt sind.

Haben Sie ihre Sprache gefunden?
Die entwickelt sich ständig. Wäre ja langweilig sonst.

Ihre Werbungen für den Unterwäschehersteller Palmers waren bei der Erscheinung ein kleiner Skandal, heute ist es nichts Besonderes mehr, halbnackte Frauen zu sehen. Wie denken Sie darüber?
„Ja was machen wir jetzt?", denke ich. Damals hatte man noch nie große Plakate mit Frauen in Unterwäsche gesehen, die nur für sich gestanden sind, ohne eine erklärende Verzierung rundherum. Heutzutage sind schöne, junge Frauen in Unterwäsche einfach egal. Heute beschäftige ich mich mit anderen Fragestellungen.

Welche wären das?
Meiner Meinung nach ist es nicht genug, einfach dickere oder ältere Leute zu fotografieren. Es muss ein Umdenken stattfinden. Es gibt schon diese Strecken, in denen nur Übergrößenmodels gezeigt werden, diese werden aber in diese allgemein geltende perfekte Ästhetik gepresst und ich frage mich, warum muss das sein? Das ist ja wieder genau das Selbe. Es geht mehr darum, zu akzeptieren, dass wir keine perfekten, ästhetischen Kreaturen sind. Dass wir Kanten und Ecken haben, was nicht bedeutet, dass wir hässlich sind.

Haben Sie schon etwas von der Body-Positivity-Bewegung gehört? Bei der geht es ja genau darum. Frauen rufen vor allem in den Sozialen Netzwerken zu mehr Respekt vor dem eigenen Körper auf und ernten nicht gerade nette Kommentare. Gleichzeitig verbieten Instagram und Facebook Bilder von weiblichen Nippeln und löschen regelmäßig Seiten und Bilder.
Das ist alles sehr interessant. Die Bilder werden gelöscht? Das ist ja richtig lächerlich. Wir sind immer von solchen Ungeheuerlichkeiten umgeben, da können wir das schon vertragen ... Man zeigt seinen Bauch und seine Pickel und integriert sie so mit all dem, was man angeblich fehlerhaft findet, in die Gesellschaft. Ich finde es ganz wichtig, dass man sich darüber Gedanken macht, warum man so aussieht, wie man aussieht. Der Körper kann und muss nicht perfekt sein. Dass diese Männer dann blöde Kommentare schieben, zeigt wieder einmal, dass wir als Frauen gefallen sollten. Ich meine: Hallo? 

„Eine andere Art von Schönheit" ist bei Brandstätter erschienen. 

semotan.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Mit der freundlichen Genehmigung von Elfie Semotan 

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