aus dem fototagebuch einer essgestörten, depressiven fotografin

Die britische Fotografin Alice Joiner hat mit einem Fototagebuch ihre Essstörung, Drogenabhängigkeit und Depression sowie die anschließende Therapie festgehalten. Für uns hat sie in einem sehr persönlichen Essay ihre Geschichte aufgeschrieben. Denn: Es...

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Jan. 24 2017, 2:55pm

„Mit einer psychischen Erkrankung leben zu müssen, gehört zu den schrecklichsten und einsamsten Erfahrungen, die man im Leben machen kann. Ich weiß worüber ich rede, weil ich für fünf Jahre unter einer Essstörung sowie unter Depressionen, Angstzuständen und einer lähmenden Drogenabhängigkeit gelitten habe, die mein ganzes Leben bestimmt haben. Eher unbewusst habe ich in der Zeit einen Weg gefunden, um der Welt zu zeigen, dass es mir nicht gut geht. Auch wenn ich die Fotografien, die ich in all den Jahren gemacht habe, nicht mit anderen geteilt habe, habe ich mir damit über die Jahre etwas aufgebaut, das mich seit meiner Genesung und bis heute begleitet. Es hat alles geprägt, was ich als Künstlerin und als Frau während des Erholungsprozesses alles geschaffen habe.

Ich bin 23 Jahre alt und seit bald vier Jahren geht es mir wieder gut. Ich habe als Teenager im Internat in Brighton mit dem Fotografieren angefangen. Ich habe es geliebt, mich stundenlang in der Dunkelkammer zu verstecken und über den Auszügen und den Negativen zu sitzen. Das hat mich beruhigt und ich konnte mich während der schlimmsten Zeit in meinem Leben in meinem eigenen Safe Space verkriechen. Meine Erkrankung habe ich zu diesem Zeitpunkt dokumentiert, aber diese Bilder mit niemanden geteilt.

Zu der Zeit war ich so von meiner Erkrankung eingenommen, dass ich nicht verstanden habe, wie schlecht es mir wirklich ging. Ich konnte es zwar noch nicht sehen, aber ich wusste sehr gut, dass irgendwas nicht stimmt. Ich habe mich in meinem Körper so unglücklich gefühlt. In der Schule wurde nie mit uns über Essstörungen oder psychische Erkrankungen geredet. Ich wusste nicht, dass man sich deswegen behandeln lassen kann. Mit Sicherheit habe ich nicht gedacht, dass ich unter einer seit Jahren gelitten hab.

Ich habe in einer Welt gelebt, in der es nur Schwarz und Weiß gab. Ich habe große Schwarz-weiß-Bilder gezeichnet. Ich habe Schwarz-weiß-Fotos geschossen und ich habe die meiste Zeit schwarze Kleidung getragen. Das Zeichnen und das Entwickeln in der Dunkelkammer erfordern viel Arbeit, Hingabe, Geduld und Zeit. Seitdem es mir besser geht, habe ich nicht mehr das Verlangen, mit diesen Medien zu arbeiten, weil sie für mich immer mit Kontrolle und Sich-verstecken zusammenhängen. Das heißt nicht, dass ich es nie wieder versuchen werde, aber momentan können sie mir nicht das geben, was ich brauche. Ich kann die Bilder aber wegen ihrer Schnappschuss-Qualität, ihrer Spontanität wertschätzen, sie stehen für mich mehr denn je für Stärke und Bewusstsein.

Gerade am Anfang von meiner Genesung haben Licht und Farbe für mich eine besondere Anziehung ausgeübt, weil ich sie faszinierend und als sehr heilsam empfunden habe. Wenn man so viele Jahre im Chaos gelebt hat, und plötzlich lernt, einen Gang herunterzuschalten, sieht man, was direkt vor einem liegt. In meinem Fall bedeutet das, dass ich vorher nicht in der Lage war, Freude am Leben zu spüren. Ich habe selbst sehr genau kennengelernt und ich konnte es als Ergebnis wieder zu lassen, verletzlich zu sein und mehr Leute in mein Leben zu lassen.

In den letzten Jahren habe ich wieder gelernt, mich zu öffnen und die zyklische Natur meines Lebens besser zu verstehen, dass es eben aus Lust, Schmerz, Liebe, Angst, Erwachen und Leiden besteht und das alles, was ich tue oder fotografiere, einen Sinn hat. Zwischenmenschliche Interaktionen, die weibliche Sexualität, Frauen, Beziehungen, Intimität und Heilung sind Dinge, die mich bei dem, was ich tue, antreibe. Ich werde immer davon fasziniert sein, was diese Dinge konkret in meinem Leben bedeuten. Meine eigenen Erfahrungen mit Schmerz, Trauma sowie der Umgang und die Beherrschung spiegeln sich nicht nur in meinen Arbeiten wider, sondern auch in jede Entscheidung, die ich heute treffe.

Wir leben in einer Welt, in der Frauen gesagt wird, dass sie sich als Konkurrentinnen sehen sollen; dass sie im Wettbewerb zueinander stehen. Uns wird gesagt, dass wir so und so aussehen müssen; dass wir ein besonderes Produkt besitzen müssen; dass wir viel Geld haben müssen; und dass wir die richtigen Leute kennen müssen, die uns glücklich und erfolgreich machen. Die Medien diktieren uns ein Frauenbild, nach dem wir schön, schlank, trainiert und ohne Haare sein müssen. Wir werden dazu ermuntert, an unsere Unterschiede zu denken, anstatt an die Solidarität zu glauben. Und das zu einer Zeit, in der wir Einheit und Solidarität unter Frauen mehr denn je brauchen. Wir projizieren auf andere das, was wir selbst für uns wollen, und wir konzentrieren uns bei uns selbst auf das, was wir nicht haben. Das trennt uns noch mehr. Im Internet begegnen wir oft schädlichen Online-Identitäten von Leuten, die mit ihren Social-Media-Profilen ein Bild von sich entwerfen, das in Wahrheit gar nicht existiert - und wir glauben es zu oft auch noch.

Als Fotografin war es meine Pflicht, mir selbst treu zu bleiben und meinen Fokus auf dem Körperlichen, dem Intimen und zwischenmenschlichen Interaktionen zu behalten. So wie ich mich im Laufe der Behandlungen verändert habe, so haben sich auch meine Arbeiten verändert und mit ihnen meine Selbstwahrnehmung. Ich habe begonnen, meinen Körper zu fotografieren. Für mich ein Mittel, um mich aus einer Außenperspektive betrachten und meinen Körper akzeptieren zu können. Ich habe angefangen, mich gesünder, sexyer, femininer und leichter zu fühlen und ich habe gelernt, dem Prozess zu vertrauen. Wenn ich mich heute selbst fotografiere - das passiert nicht mehr so oft -, dann zelebriere ich damit immer etwas.

Mein Körper erzählt eine Geschichte und darauf bin ich stolz. Ich entscheide mich bewusst dafür, meinen Körper und mich selbst nicht zu kritisieren, weil ich hart dafür gekämpft habe, heute da zu sein, wo ich bin. Ich stand deswegen sprichwörtlich schon einmal am Abgrund. Mein Körper hat mich durch so viele harte Zeiten begleitet. Warum sollte ich meinen Körper also hassen? Wenn ich nicht in diesem Körper wäre, wer wäre ich dann überhaupt? Ich habe mich noch so emanzipiert und so schön gefühlt wie heute. Ich kann heute mein Wissen und meine Fotos mit anderen teilen, in der Hoffnung, dass ich damit etwas an dem Stigma rund das Thema psychische Erkrankungen und das Frauenbild in unserer Gesellschaft ändern kann.

Frauen sind von Natur aus kreative Geschöpfe. Es ist doch ein Privileg, dass ich kreativ bin und damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Gleichzeitig sorge ich mit meinen Fotos dafür, dass sich der Fokus der Diskussionen über uns als Menschen und als Frauen ändert. Durch eine Verlangsamung und das Finden der innere Ruhe habe ich zu meiner Kreativität entdeckt, von der ich vorher gar nicht wusste, dass sie existiert. So etwas steckt in jedem von uns, man muss sich nur trauen und es annehmen. Wenn ich etwas in der Zeit über Selbstakzeptanz gelernt habe: Es gibt nichts da draußen, dass einen langfristig nicht glücklich machen kann. Keine Person, keinen Gegenstand, keine Begegnung oder Erfahrung kann einem mehr geben, als man ohnehin schon selbst in sich trägt.

Auch durch die Fotografie habe ich das gelernt: Sie sorgt dafür, dass ich aufmerksam im Jetzt lebt. Das ist eine schöne Art zu leben, weil plötzlich alles, das außerhalb des eigenen existiert, zur besten Ergänzung dessen wird, was man bereits im Innersten ist. Alles, was man braucht und möchte, trägt man bereits in sich. Wenn es eine Stimme in dir gibt, die dir sagt, dass es besser wird, dann höre ihr zu, vertraue ihr und handle danach. Es ist OK, denn es wird besser. Es geht darum, nach Hause zu kommen, die Ängste hinter sich zu lassen und sich an Liebe zu erinnern."

Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest, es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die örtlichen Kinder- und Jugendnotdienste oder die Nummer gegen Kummer.

Credits


Text und Fotos: Alice Joiner