„all this panic“ ist der film über mädchen in der pubertät, in dem es nicht um jungs, sex oder alkohol geht

Die Dokumentation von Jenny Gage und Tom Betterton zeigt den Alltag einer Mädchenclique in New York, wie er wirklich ist.

von Colin Crummy
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31 März 2017, 3:00pm

Mit All This Panic ist Regisseurin Jenny Cage und Produzent Tom Betterton eine Dokumentation gelungen, in der die typischen Klischees vom Teenagerleben vermieden werden. Drei Jahre lang haben sie eine Gruppe junger Mädchen aus Brooklyn begleitet und deren Erwachsenwerden festgehalten, ohne das übliche Drama, das solchen Filmen gerne anhaftet.

Natürlich gibt es in All This Panic auch Drama, aber das konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen den Mädchen selbst. Als Lena aufs College geht, fühlt sich ihre beste Freundin Ginger vernachlässigt. Olivia outet sich vor der Kamera, aber nicht vor ihren Eltern. Sage steht ein Harvard-Stipendium offen, wenn sie ihre rebellische Seite kontrollieren kann. Ivy scheint wie das ultimative New Yorker It-Girl, aber nichts ist so, wie es scheint.

Das sind New Yorker Girls, die immer irgendwo sein müssen. Sie sind immer makellos gekleidet, so wie wir aus den Spaziergängen in Girls oder Search Party gewohnt sind. All This Panic ist visuell opulent und verträumt. Dass die Filmemacher einen Modehintergrund haben, merkt man. Ihre Fotografien sind in W, Vanity Fair und der italienischen Vogue erschienen.

Das Auge des Duos hat die echten Meilensteine im Leben von jungen Frauen genauso gut eingefangen, wie sie sonst den Teenage-Style in Szene setzen. Wir haben uns mit ihnen über diese sehenswerte Dokumentation unterhalten.

Wie habt ihr euch auf den Titel All This Panic geeinigt?
Jenny: Ein Freund von uns hat das aus einer Zeile im Film genommen. Der Titel spielt darauf an, was die Mädchen in diesem Moment fühlen, wie Erwachsene Mädchen in diesem Alter sehen (die haben auch Panik!) und auf den Alltag von Teenagern. Zum Beispiel: Was zieht man am ersten Tag zur Schule nach den Ferien an? Das ist eine große Sache für die Mädchen.

Ist der Titel auch ironisch gemeint? Weil der Film Mädchen zeigt, die genau die Sachen tun, die andere Generationen schon vor ihnen getan haben. Sie sind nicht besonders.
Jenny: Ja, das stimmt. Als wir jünger waren, dachten wir, dass Teenager so anders sind. Am ersten Tag, als wir mit ihnen am Columbus Circle drehen wollten, sagten sie uns, dass sie in die Mall shoppen gehen wollen. Ich dachte mir nur „Wo ist diese Mall in New York City? Fahren wir nach New Jersey? Sie meinten das Time Warner Building, da gibt es die Bouchon Bakery und einen Sephora Store. Sie sitzen am Tisch, legen Geld zusammen und teilen sich zu sechst einen Muffin. Sie werden rausgeworfen, weil sie den ganzen kostenlosen Tee getrunken und das ganze kostenlose Make-up ausprobiert haben. Genau das Gleiche habe ich vor 30 Jahren auch gemacht.
Tom: Wir haben angefangen, sie zu filmen, als sie Mädchen waren. Die Leute haben Jugendliche erwartet, die außer Kontrolle geraten sind. Gegenüber jungen Menschen herrscht eine gewisse Erwartungshaltung. Je mehr wir sie gefilmt haben, desto mehr haben wir begriffen, wie intensiv sie über Dinge nachdenken und was das für eine schwierige Zeit für sie ist.

Inwiefern hat sich euer Modehintergrund auf den Film ausgewirkt?
Tom: Die Mädchen waren unglaublich cool und gut angezogen. Wir waren eher daran interessiert, warum man sich auf eine gewisse Weise anzieht. Das hat wahrscheinlich mit unserem Fotografiehintergrund zu tun.
Jenny: Wir wollten von Anfang an eine schöne Dokumentation daraus machen. Schönheit besitzt einen Wert. Und diese jungen Frauen befinden sich in einer Lebensphase, in der man sich wie der Star im eigenen Film fühlt. Wir wollten etwas umsetzen, das sie sich auch selbst gerne über sich anschauen. Der Film hat eine gewisse Magie und Schönheit.

Oberflächlich betrachtet scheinen die Mädchen ein privilegiertes Leben zu führen. Sie leben in New York in schönen Wohnungen und tragen Markensachen. Habt ihr darüber nachgedacht, dass sich das Publikum dadurch nicht ausgegrenzt fühlen könnte?
Jenny: Es ging uns mit dem Film darum, einen Freundeskreis zu zeigen. Wir hätten daraus eine Doku über diese Art von Mädchen mit diesem Hintergrund drehen können, aber wir wollten uns bewusst auf den Freundeskreis konzentrieren. Das war uns am Wichtigsten.
Tom: Es spielt keine Rolle, wo man herkommt, wenn man genauer hinsieht und an eine Geschichte glaubt, dann findet man etwas Universelles darin. Vielleicht ist es auch ein Statement, dass man sich nicht genau das heraussucht, von dem man weiß, dass es für eine Doku besser wäre. Dass wir das nicht gemacht haben, hat sich schon wie ein Statement angefühlt. Außerdem ist nichts so, wie es zuerst scheint. Oberflächlich betrachtet, scheint alles OK zu sein, aber wie die Leben dieser Menschen tatsächlich aussehen, ist eine ganz andere Sache. Man sieht diese Art von Mädchen überall in Metropolen wie London oder New York und denkt sich: Sie sind gut gekleidet, sie sind cool …
Jenny: … ihre Leben laufen geordnet ab.
Tom: Aber dann schaut man genauer hin und entdeckt, dass diese Mädchen viele Gesichter haben. 

Credits


Text: Colin Crummy
Fotos: Tom Betterton

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