„ohne depression keine utopie!“ – im gespräch mit regisseur patrick siegfried zimmer

„ANHEDONIA“ ist der Debütfilm von Regisseur Patrick Siegfried Zimmer über die Schwäche und Ohnmacht unserer Generation. Im Interview haben wir mit ihm über die moderne Emotionslosigkeit gesprochen. Und präsentieren dir einen exklusiven Clip aus dem...

von Lola Fröbe
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18 März 2016, 9:15am

Der Ausnahmezustand als Alltäglichkeit: In ANHEDONIA „Narzissmus als Narkose" wird das psychologische Symptom der Anhedonie—die Unfähigkeit, Freude, Lust und Befriedigung zu empfinden—zur Volkskrankheit. Wir befinden uns im Jahr 2020 und rund um den Globus erkranken Millionen von Menschen plötzlich an Anhedonie als Folge der medialen, karriere- und konsumorientierten Reizüberflutung in der digitalen Welt. Auch die Aristokratensöhne Franz (Robert Stadlober) und Fritz Freudenthal (Wieland Schönfelder) fristen eine unvergnügliche Existenz im Schatten exzessiver, sinnentleerter Mediensucht, der sie scheinbar hoffnungslos ausgeliefert sind. Erlösung verspricht nur Dr. Immanuel Young (Dirk von Lowtzow), der Shootingstar der internationalen Psychotherapeutenszene, und die von ihm entwickelte, neuartige Lust-Stimuli-Therapie, der sich beide Charaktere nun in der Nervenklinik Seelenfrieden unterziehen.

Das Regiedebüt von Patrick Siegfried Zimmer ist ein so grotesker wie poetischer Rausch; ein surrealer Trip zu den Abgründen der Absurdität des menschlichen Daseins. Und eine smarte Antwort auf die Frage nach dem Sinn jenseits von Selbstoptimierung, Leistungsdenken und unendlicher Freiheit im Leben 2.0+. Der Film erinnert in seiner Übertreibung, Verzerrung und Maßlosigkeit an eine theatralische Inszenierung, nach deren Regeln bekanntlich auch die digitale Welt funktioniert. Was hier Traum oder Realität, Show oder Gewissheit ist, das können letztlich allenfalls nur die Figuren beantworten, denn die scheinen bei alledem doch noch zu wissen, was sie da tun. Genau dort tut es uns spätestens auch als Zuschauer weh, denn Abstumpfung und Apathie, das kommt uns irgendwie bekannt vor.

ANHEDONIA ist das satirische Bildnis einer hoffnungslos narzisstischen Spaßgesellschaft, die sich dem kapitalistischen Diktat der permanenten Selbstoptimierung unterwirft und zugleich auf der sehnsuchtsvollen Suche nach mehr Tiefe, Glück und Erfüllung im Leben in der Dunkelheit selbstkonstruierter Abgründe verzweifelt umherirrt", so der in Hamburg lebende Regisseur, Musiker und Produzent Patrick Siegfried Zimmer. Von der ersten Zeile auf dem Papier bis zum fertigen Film dauerte es ganze vier Jahre, gedreht wurde 2014 allerdings innerhalb von nur sieben Tagen im Hamburger Jenisch-Haus und Park und auf der nordfriesischen Insel Pellworm. Das Ensemble ist eine Mischung aus Jung- und Theaterschauspielern und Musikern wie Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten, Nick Cave And The Bad Seeds), Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Flo Fernandez und Paul Pötsch (Trümmer). Mit seiner unkonventionellen Ästhetik und Besetzung schafft der Film ein Jahr nach Victoria hoffentlich neue Impulse für das deutsche Kino.

Als Cyber-Dystopie mit Barock-Feeling zeichnet ANHEDONIA ein Bild vom nahenden Hier und Jetzt, das uns im besten Fall nicht nur zum Lachen bringt. Besteht Hoffnung auf ein Happy End? Nun, wir werden sehen. Der Film kommt zwar erst am 31. März in die Kinos, wir haben hier aber bereits einen exklusiven Filmausschnitt mit den beiden Hauptrollen Robert Stadlober und Wieland Schönfelder für euch:

Im Interview hat uns Regisseur Patrick Siegfried Zimmer, der bis 2012 auch unter dem Pseudonym finn. als Singer-Songwriter bekannt war, mehr über die Idee der Anhedonie und den kreativen Schaffensprozess verraten.

Anhedonie ist eine spannende Erscheinung, die unswenn wir ehrlich sindangesichts zunehmender digitaler Beschallung gar nicht unbekannt vorkommt. Entstand der Film aus abgeschwächter, eigener Betroffenheit?
Anhedonie kann dem derzeitigen Forschungsstand nach die Begleiterscheinung vieler Krankheiten und Phänomene wie beispielsweise einer Nahtoderfahrung oder einer Depression sein. Das Wissen um diesen Zustand ist aber noch recht limitiert. Ich persönlich bin von Geburt an schwach und empfinde das als Stärke. Schwach sein macht Spaß, schwach sein macht frei. Stärke ist dumm und obsolet. Man könnte sagen, der Film ist aus glücklicher Schwäche heraus entstanden.

Wie bist du auf das psychologische Phänomen aufmerksam geworden?
Das war glücklicherweise das zufällige Ergebnis einer Recherche- und Assoziationskette. Ich habe mich vor Jahren im Rahmen meines Designstudiums an der HFK Bremen sehr intensiv mit Marshall McLuhans medienkritischem Werk Understanding Media auseinandergesetzt. Über die Maßen inspirierend fand ich den Aufsatz „Verliebt in seine Apparate - Narzissmus als Narkose", dessen Teiltitel ich ganz bewusst im Untertitel von ANHEDONIA zitiere. Darüber hinaus fiel mir wieder ein, dass McLuhan in einem meiner Lieblingsfilme Annie Hall meines absoluten Lieblingsregisseurs Woody Allen einen tollen Cameo-Auftritt hat. Daraufhin recherchierte ich ein wenig mehr zu Annie Hall und stolperte über den Fakt, dass der Film ursprünglich einmal Anhedonia hieß, dann aber auf Drängen der Produktionsfirma, die sowohl den Titel als auch die damalige Schnittversion als zu depressiv und sonderbar bewertete, umgeschnitten und umbenannt wurde. Ich war jedenfalls auf Anhieb verliebt in die Ästhetik und Bedeutung des Wortes. And as you all know: „Talent borrows, genius steals."

Franz und Fritz Freudenthal sind die beiden Hauptcharaktere, Brüder aus einer Aristokratenfamilie. Wie können wir uns beide Figuren vorstellen?
Franz und Fritz verkörpern mehr oder weniger das Grundprinzip des Yin und Yang. Sie stehen für einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte. Das weiße Yang, also hell, hart, heiß, männlich, aktiv, und das schwarze Yin, dunkel, weich, kalt, weiblich, ruhig, stehen sich zum einen radikal gegenüber—aber befruchten sich gleichzeitig auf bizarre und lustige Art und Weise. Wenn ich den beiden zusehe, muss ich immer an den Ausspruch aus Sartres Geschlossene Gesellschaft denken: „Die Hölle, das sind die anderen."

Siehst du beide als überspitzte Stellvertreter unserer Realität?
Ich würde vielmehr behaupten, das ist ein Typus Mensch, den es schon immer gab und immer geben wird.

Aus Anhedonie wird ANHEDONIA. Das klingt eher nach hedonistischer Überhöhung, nach einer Art modernem Gott, als nach einer Krankheit. Sind wir in Wahrheit gerne Opfer von Emotionslosigkeit und Apathie?
Ich würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass der Mensch gerne leidet, aber ich glaube dennoch, dass das Leid an sich ein unausweichlicher existentieller Bestandteil und sogar eine Notwendigkeit ist. Ohne Depression keine Utopie.

Hattest du schon von Beginn an eine genaue Vorstellung von der Besetzungunter der sich ja auffällig viele Musiker der Hamburger Schule finden oder ergab sich das erst im Nachhinein?
Ich hatte von Anfang an ganz konkrete Vorstellungen. Ich finde es bedeutend einfacher, eine Rolle auf eine tatsächliche Person zu schreiben. Zu ungefähr 70 Prozent hat sich meine ursprüngliche Traumbesetzung auch realisiert und bei den anderen 30 spreche ich im Nachhinein von göttlicher Fügung.

Haben dich manche Darsteller während des Drehs überrascht?
Permanent! Sich etwas auszudenken, aufzuschreiben und dann tatsächlich zum Leben erweckt zu sehen und zu hören, war und ist einer der magischsten Momente, die ich bisher erleben durfte. Ich bin überglücklich und zufrieden mit der Leistung aller Beteiligten und hege eine tiefe Liebe zu diesem, unserem Film. Grandiose Schauspieler und Schauspielerinnen und ein ganz tolles Team, bis in die hintersten Reihen.

Robert Stadlober ist nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Co-Regisseur und Co-Produzent. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Robert und ich sind seit Jahren befreundet und als Bewunderer seiner Kunst war es mir von Anfang an ein großer Wunsch, mit ihm zusammenzuarbeiten. Dass er mir tatsächlich die Ehre zuteilwerden ließ, weiß ich über die Maßen zu schätzen. Das ganze Projekt hat unbeschreiblich viel durch sein schauspielerisches Können, seine Set- und Regieerfahrung und natürlich sein großes Engagement als Produzent profitiert und gewonnen. Herzlichen Dank, lieber Robert.

Der Film erinnert in seiner Groteske mehr an Theater als an Kino. Findest du, dass dem deutschen Kino derlei neue Blickwinkel fehlen?
Ich finde, das Kino dürfte generell bedeutend experimentierfreudiger, mutiger, verspielter, fantasievoller, politischer sein. Der deutsche Film explizit wirkt auf mich oft verkopft, ängstlich, plagiathaft und leider sehr stark erfolgs- und profitorientiert—und -motiviert.

Lassen wir alle stilistische Übertreibung beiseite denkst du, dass Anhedonie in naher Zukunft tatsächlich zu einer Art Volkskrankheit werden könnte?
Absolut. 

Credits


Text: Lola Fröbe
Fotos: Flo Fernandez und Filmstills und Anja Boxhammer

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