„es geht nicht unbedingt um antworten, aber darum, die richtigen fragen zu stellen”: im gespräch mit ottolinger

Im Interview sprechen wir mit den Schweizer Designerinnen über subjektive Schönheit, die Relevanz von Unisex und eine Anti-Haltung, die keine ist.

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März 1 2016, 12:00pm

Keine Referenzen, kein Bullshit, kein Picture-perfect-Konzept—das ist keine Anti-Haltung, das ist Ottolinger. Die Schweizerinnen Cosima Gedient und Christa Bösch lernten sich während ihres Modestudiums an der FHNW in Basel kennen und stellten ziemlich schnell fest, dass sie ihr Sinn für Humor, Ästhetik, Neugierde vereint. Dabei wirken die jungen Designerinnen wie Feuer und Wasser.

Dasselbe lässt sich auch über ihre Entwürfe sagen. Für ihre zweite Kollektion, die sie vor wenigen Wochen im Zuge der VFiles Shows in New York zeigten, spielten sie wortwörtlich mit dem Feuer. Sie zündeten einzelne Teile an und vereinten damit ihre unkonventionelle Interpretation von Couture mit der wohl konventionellsten Form von Punk.

Wir haben das Duo in Berlin zum Gespräch über ihren intuitiven Designprozess, die subjektive Schönheit und die Relevanz von Unisex getroffen.

In New York habt ihr gerade erst eure zweite Kollektion gezeigt. Welchen Fokus hatten eure ersten Entwürfe als Ottolinger, welche Idee stand im Vordergrund?
Die Idee dahinter war eine Neuinterpretation des Couture-Gedankens und -Handwerks. Wir wollten einen Look schaffen, der im Grunde auch als Couture gilt, aber nicht dem allgemeinen Verständnis des Begriffs entspricht. Die Herangehensweise und die Materialien, die wir inhouse produzieren, entsprechen der Couture, der finale Look ist dann aber viel rougher.

Die Frage, ob Mode tragbar sein muss, ist wahrscheinlich genauso alt wie der Begriff Mode selbst. Bedenkt ihr beim Designprozess auch die Alltagstauglichkeit?
Das steht bei unserem kreativen Entwurfsprozess sicher nicht an erster Stelle. Das, was wir selbst tragen möchten, spiegelt sich aber auch stark in unseren Designs wider. Dabei entsteht ein spannender Aspekt, weil wir vieles tragen, das andere nicht unbedingt als tragbar empfinden würden. Man kann sich in unseren Teilen auf jeden Fall bewegen. Es handelt sich nicht um Kostüme und das ist uns sehr wohl wichtig. Ein Kleidungsstück fängt ja auch erst in dem Moment zu leben an, in dem es getragen wird.

Warum lebt und arbeitet ihr heute in Berlin? Die Stadt bietet zwar einen guten Nährboden für Gründer, stellt sich aber gerade für langfristige Erfolge junger Designer immer wieder als schwierige Basis heraus.
Ehrlich gesagt, sind wir größtenteils wegen unserer Freunde und der immer noch sehr günstigen Atelierpreise hier. Außerdem merken wir, dass durch die Digitalisierung und die mit ihr verbundenen Möglichkeiten der Vernetzung es eigentlich egal ist, wo man heute lebt.

Was wäre für euch das größte Kompliment, das euch mit Ottolinger passieren könnte?
In eine fremde Stadt zu reisen und eine uns komplett unbekannte Person mit einem Teil von uns zu entdecken, das wäre das größte Kompliment.

Eure Looks sind auf den ersten Blick wie ein Schlag ins Gesicht—auf eine sehr positive Weise. Möchtet ihr bewusst provozieren?
Wir bevorzugen auf jeden Fall eine extreme Reaktion und möchten nicht, dass unsere Mode als nett eingeordnet wird. Wir spielen mit dem Begriff und der Wahrnehmung von Schönheit. Es geht uns nicht um Perfektion. Vielmehr fragen wir uns ständig „Ist das jetzt noch schön oder nicht mehr? Wie weit können wir gehen?" Wir lieben diese Gratwanderung zwischen total schön und total falsch.

Oft entsteht Schönheit ja genau dort, wo Reibung und Irritation stattfinden.
Richtig schön finden wir auch erst das, was wir nicht ganz verstehen. Wenn wir ein Kunstwerk, einen Film oder eben ein Kleidungsstück mögen, aber es nicht ganz checken, beginnt erst der spannende Moment. Und so sehen wir auch unsere Arbeit. Es geht nicht unbedingt um Antworten, sondern darum, die richtigen Fragen zu stellen.

Welche kulturellen Entdeckungen oder Persönlichkeiten haben euch denn in vergangener Zeit begeistert oder eben positiv irritiert?
Es gibt einige Künstler, Autoren und Filme, die uns total gut gefallen, uns motivieren weiterzumachen und das Rad der Inspiration weiter rollen lassen. Aber um ehrlich zu sein, wollen wir da keine bestimmte Namen nennen.

Wieso?
Wir sind eine Generation der Referenzen. Wenn wir beispielsweise heute eine Buchkritik lesen, hat das leider nur sehr wenig mit einer eigenen Meinung zu tun. Was wir lesen, ist eine Referenz einer Referenz einer Referenz. Damit möchten wir gar nicht erst anfangen. Es macht natürlich Sinn, eine Person durch ihre kulturelle Positionierung und ihre Interessen besser einordnen zu können, aber wenn wir jetzt ein paar Namen nennen, werden wir wahrscheinlich viel zu sehr mit ihnen assoziiert werden.

Ihr seid generell sehr unterschiedlich—euer Temperament und auch wie ihr euch selbst kleidet. Wie vereint ihr das in den Kollektionen für Ottolinger während ihr doch sagt, ihr entwerft viel, was ihr selbst tragen möchtet?
Es ist lustig, unsere Freunde und Menschen, die uns kennen, sagen immer wieder, dass sie in den Entwürfen von Ottolinger gleichermaßen uns beide wiedererkennen.

Beschäftigt ihr euch mit Trends? Damit meine ich jetzt nicht, was in der InStyle steht…
[Lachen] Aber gerade die finden wir eigentlich super. „Wer trägt es besser?" ist eine fantastische Rubrik.

Apropos "wer trägt es besser"—In den letzten Saisons erlebte der Unisex-Gedanke der Neunziger eine neue Renaissance. Habt ihr überlegt, auf den Zug aufzuspringen und genderneutrale Mode zu entwerfen?
Wir haben uns bewusst für Womenswear entschieden, weil wir das gut finden. Natürlich können auch Männer unsere Teile tragen. Das heutige Verständnis von Unisex finden wir, ehrlich gesagt, nicht mal so gut. Irgendwo müssen immer Kompromisse gemacht werden, damit die weiblichen Silhouetten Männern passen und umgekehrt. Genau damit geht dann der Edge verloren, der die Grundidee des Unisex kaputt macht. Und eigentlich so schön ist. 

ottolinger.com
@ottolinger

Credits


Text: Zsuzsanna Toth 
Fotos: AW 16 Kollektion, Runway, via Ottolinger
SS 16 Kollektion, Lookbook, via Marlen Keller