the beautiful boy

„Wieso sehnen wir uns in einem Land mit so viel Freiheit stetig nach mehr Freiheit oder Möglichkeiten? Ist denn der Himmel nicht ohnehin schon unendlich?“ Der Künstler und Fotograf Gogy Esparza hat sich den Antworten auf diese Fragen in Berlin genähert.

von i-D Staff
|
23 Mai 2016, 1:55pm

„The Beautiful Boy ist eine Kollaboration aus Sam Jarou, Justin Scottin und mir. Wir wollten mit diesem Projekt unsere tiefsten Emotionen abbilden, die Einsamkeit und ihre Vielfalt an Emotionen darstellen, die Schönheit ihrer Entwicklung. Wir wollten auf dem Bildern Kraft, Resilienz und Anmut reflektieren. Beim Styling haben wir uns auf den Stoff und dessen Anpassung an den Körper konzentriert. Justins Gestik und Mimik sollten das Zusammenspiel von seinem Charakter und seiner romantischen, zwanglosen Mühelosigkeit zeigen.

Wir wollten Poesie in jedem Bild und im Zusammenhang untereinander schaffen.

Dabei hat uns der Schriftsteller James Baldwin stark beeinflusst. Ich habe sein Werk vor einiger Zeit durch einen Freund besser kennengelernt. Seitdem sind seine Texte, aber auch sein Geist und Energie immer wieder in meinem Leben aufgetaucht. Ich hatte das Gefühl, dass endlich jemand zu meinen Freunden und mir spricht. Ich habe endlich gefühlt, dass es in Ordnung ist, unsere Identitäten als Minderheiten in Amerika zu haben und dass wir auch das Recht darauf haben. Mir wurde klar, dass es wichtig ist, mit der Isolation in unserer Gesellschaft nicht einverstanden zu sein. Irgendwann haben wir Fotos von Baldwin aus seiner Zeit in Paris gefunden. Man konnte diese Sehnsucht nach Neuem spüren—nach neuem Dialog untereinander, nach neuer Kunst und neuer Tiefe, nach neuen Erfahrungen, die außerhalb der eigenen Komfortzone passieren.

In unserer Arbeit wollten wir die Schönheit—die Schönheit, die uns gebührt—und eben diese Sehnsucht nach Neuem zeigen."

Wie hast du die Anderen kennengelernt?
Durchs Haare schneiden. Meine Tante leitet bis heute einen Unisex Friseurladen. Mit 13 Jahren habe ich angefangen, dort zu arbeiten, meine Brüder und Cousins auch. Eines Tages ist Sam mit einem gemeinsamen Freund von uns in den Laden gekommen, ich habe seine Haare geschnitten und er war sehr zufrieden. Seitdem arbeiten wir zusammen. Wir haben sofort unsere gegenseitige Energie verstanden. Dank ihm ist es mir möglich gewesen, im Comme Des Garçons BLACK Store in Berlin auszustellen. Er hat schon immer an mich geglaubt und meine Arbeit von Anfang an gepusht, damit sie gesehen wird. Deshalb konnte ich in der Galerie ausstellen. Während der Zeit in Berlin sind wir sehr zusammen gewachsen, wie Brüder. Justin und ich haben uns downtown kennen gelernt, wir hatten gemeinsame Freunde. Später hat auch er angefangen, seine Haare bei mir schneiden zu lassen. Ich genieße die Atmosphäre des Friseurladens. Durch unsere tiefen Gespräche dort ist eine feste Verbindung zwischen uns entstanden.

Du arbeitest in den Bereichen Fine Art, Fotografie und Video. Wie verbindest du diese unterschiedlichen Bereiche miteinander?
Ich drücke mich auf viele Arten und Weisen aus. Dafür brauche ich diese ganzen Medien und sie brauchen sich gegenseitig auch. Ich kann mich nie mit nur einem Medium ausdrücken. Ich mache Installationen, die das alles kombinieren. Ich will die Gefühle des Betrachters, ich will sein Herz.

Wie war es für dich, in Berlin zu fotografieren?
Wir haben viel darüber nachgedacht und uns die Frage gestellt, wieso jemand—in diesem Falle jemand mit afroamerikanischen Wurzeln—nach Europa ziehen wollte. Was ist der Anlass dafür? Meine Eltern kommen aus Ecuador. Sam ist Deutscher, geboren in Marokko. Justin ist Afroamerikaner. Wieso kann man sich überhaupt in seinem eigenen Land isoliert fühlen? Oder in Städten wie New York City? Wieso sehnen wir uns in einem Land mit so viel Freiheit stetig nach mehr Freiheit oder Möglichkeiten? Ist denn der Himmel nicht ohnehin schon unendlich? Für mich haben Gefühle weder Geschlecht noch Nationalität. Wie schon erwähnt, hat uns James Baldwin in dieser Hinsicht sehr inspiriert. Er definiert Komplexitäten und Nuancen des menschlichen Daseins auf eine Art und Weise, wie nur er es kann. Er konnte nicht anders, irgendwann musste er einfach New York verlassen. Ich bin mir sicher, dass sich seine Arbeit nie so weit hätte entwickeln können, hätte er es nicht mit einer Sicht aus Europa versucht. Er war auf der Suche nach sich selbst und dem Schreiben abseits des afroamerikanischen Kontextes. Damals waren Paris und die dortigen Erlebnisse perfekt für ihn. 2016 scheint Berlin die perfekte Stadt für uns zu sein. Die kalte, brutale Realität der Berliner Geschichte, die Architektur, der Stand der Kunst und die vielfältige Bevölkerung—alles ist so einzigartig. Die Meinungsfreiheit und das Lebensumfeld lassen einen nahrhaften Boden für Akzeptanz und Durchbruch entstehen. Wir wollen bluten und unsere Emotionen ausleben, auf eine Art und Weise, die unsere Kultur noch nicht gewohnt ist und dabei nicht verstecken, wer wir wirklich sind—und auch nicht, was wir tun. Mit dieser Arbeit wollen wir James Baldwin und alle anderen einzigartigen Denker ehren. 

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Als ich 18 Jahre alt war, habe ich einem Fotografen assistiert. Ich denke aber, dass er mich nur wegem meinem Enthusiasmus eingestellt hat. Über Kameras wusste ich nichts, als ich ihn kennengelernt habe. Eigentlich war ich ein echt miserabler Assistent und so fing er an, mich stattdessen als Haarstylist bei seinen Shoots zu engagieren. Irgendwann sagte zu mir, dass ich unbedingt eine Kamera brauchte. Er dachte, dass es gut für mich wäre. Also habe ich mir eine Canon Kamera gekauft, einen Kurs für analoge Fotografie an NYU belegt und mich mehr und mehr in das analoge Fotografieren verliebt. 

Wonach hast du die unterschiedlichen Orte ausgewählt?
Dafür ist Sam verantwortlich. Durch ihn ist diese Idee real geworden, durch ihn konnte sie aufblühen. Wir haben gemeinsam viele Moodboards erstellt und alles immer wieder hin und her geschoben. Wir haben sehr viel über die Atmosphäre des Shoots gesprochen, über die Sentimentalität. Sam lebt in Berlin und dementsprechend kennt er die Stadt auch. Er hat Orte ausgewählt, die eine Geschichte mit sich tragen und ihren Charakter verkörpern. 

Ab wann ist ein Foto poetisch für dich?Wenn man den Moment darauf definieren kann. Wenn etwas, das du betrachtest, liest oder berührst übersetzen kann, wie du dich gerade fühlst.

Credits


Text & Fotos: Gogy Esparza
Interview: Tereza Mundilová
Styling: Sam Jarou mit Comme Des Garçons Shirt and Black
Model: Justin Scott
Produktion: Sam Jarou