wie zeitgenössische künstler auf unsere übersexualisierte gegenwart reagieren

Pornografie gehört zu unserem Alltag, wie Zähneputzen oder der morgendliche Weg zur Arbeit. Aber wie wird das Thema in der zeitgenössischen Kunst aufgegriffen? Welche Künstler setzen sich wie damit auseinander und warum eigentlich? Wir haben einigen...

von Stefanie Schneider
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16 März 2016, 11:15am

„Lipservice", 114x104x5cm

Pornografie gehörte schon immer zum menschlichen Leben. Das zu sagen, fällt heute leichter denn je. In jeder Sekunde werden zigtausend Pornofilme im Netz verschlungen, ein Viertel aller Anfragen bei Suchmaschinen dreht sich um Pornografie. Das zeigt sich auch in der Kunst: Während Gustave Courbets „Ursprung der Welt", eine Vagina auf Leinwand, über hundert Jahre lang im Keller schmorte, bis es 1988 erstmals in einer Ausstellung öffentlich präsentiert wurde, setzt sich heute eine Performance-Künstlerin mit gespreizten Beinen vor genau dieses Bild im Pariser Museé d'Orsay.

Sex ist längst ein globalisiertes Kunstthema—zu dem einige zeitgenössische Künstler etwas zu sagen haben. Die in Berlin lebende Künstlerin Alex Lebus spielt mit ihrer Fotografie „Lipservice" nicht nur auf den Blowjob an. Tatsächlich gemeint ist das Lippenbekenntnis, die zusammengerollte Zunge, die nur subtil das unterschwellig Sexuelle anspricht. Zum Voyeur wird man bei Lou Hoyers Tuschezeichnung. Ganz nah herangehen und die Augen leicht zusammenkneifen—erst dann zeigt sich, was wirklich passiert, während man bei Andreas Mühes Fotografie nichts zusammenkneifen muss: Zwei Frauen, die miteinander schlafen, links und rechts Kameras, Ton, Mikro, eine Pornofilmproduktion, überraschend sachlich und akribisch von Mühe, der als Lieblingsfotograf Angela Merkels gilt, festgehalten. Katharina Arndt und das mexikanische Künstlerduo Alejandra Baltazares und Helena Hernández Tapia dagegen denken über Sex und unser Verhalten dazu humorvoll nach. Während die deutsche Künstlerin Arndt Schimpfwörter stickt, entdeckten die beiden mexikanischen Künstlerinnen Amateur-Pornografien in einem kleinen Laden in Berlin-Wedding. Daraus resultierte „Go vegan", ein Buch, bestehend aus Illustrationen, Fotos, Frauen mit Gemüse und Rezepten wie den „Vegan Fig Rolls".

Ja, Pornografie ist Teil unseres Lebens. Und dennoch: Trotz aller Normalität—das unbehagliche Gefühl, wenn derart Intimes öffentlich ausgestellt wird, bleibt, oder? Wir haben uns mit den Künstlern über deren Arbeiten und über genau diese Frage unterhalten.

Alex Lebus

Mein Werk steht für …
Lippenbekenntnisse, für das sinnliche Verlieren im Detail, für Reiz, Erregung und Verspieltheit—für die Möglichkeit, Perversion in der Unschuld zu finden.

Ich beschäftige mich in meinem Werk mit Pornografie, weil ...
ich mich nicht damit beschäftige. Es sind die anderen, die das tun. Ich habe bloß die Möglichkeit einer Assoziation geschaffen, die in diese Richtung gehen könnte.

Der Unterschied zwischen Pornografie und Kunst ist ...
riesengroß und hart.

In jeder Sekunde werden weltweit 30.000 Pornofilme im Netz angeschaut. Pornografie ist zum Mainstream und quasi normal geworden, oder?
Für den einen so, für den anderen so—am Ende kann doch keiner wirklich damit umgehen. Das heutige normal ist ja schon ziemlich irrwitzig. Die Kids wachsen da rein und können nichts dagegen tun. Die jüngste Generation wird möglicherweise nur noch schlechten Sex haben.

Und dennoch sind die meisten Menschen bei der Betrachtung pornografischer Bilder angespannt, vor allem in der Öffentlichkeit. Spielt die Kunst mit diesem Gefühl?
Porno zeigt alles, nichts bleibt unberührt und doch berührt es einen nicht. Ganz im Widerspruch zur Intimität. Wird beides verbunden, kommt die Scham. Ich finde es schön, wenn sich der Mensch das Gefühl für Scham noch bewahrt. Meine Arbeit spielt damit.

Wenn du dein Werk betrachtestwirst du manchmal noch rot?
Noch nie, ja, nein, immer, dunkelrot, hellrot, blau.

alexlebus.com

Lou Hoyer

„Das Schattenkabinett des Dr. Schön", 2012, 32x49 cm

Mein Werk steht für ...
Lust und Freude am Körperlichen.

Ich beschäftige mich in meinem Werk mit Pornografie, weil ...
mich das existentiell Körperliche interessiert. Pornografie taucht da immer wieder auf—als Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit Begierde und Sexualität umgeht.

Der Unterschied zwischen Pornografie und Kunst ist ...
eine Innerlichkeit, die im Kunstwerk zum Ausdruck kommt. Die Pornografie dagegen sexualisiert den Körper radikal. Es gibt allerdings auch Mischformen—sehr künstlerische Pornos und rein pornöse Kunst.

In jeder Sekunde werden weltweit 30.000 Pornofilme im Netz angeschaut. Pornografie ist zum Mainstream und quasi normal geworden, oder?
Ja, der Umgang mit Pornografie ist irgendwie alltäglicher geworden. Aber: Ein kopulierendes Paar zu sehen, ist jedes Mal aufregend, weil es den einzelnen in seiner Intimität trifft. Das war immer so. Und wird auch immer so bleiben.

Dennoch sind die meisten Menschen bei der Betrachtung pornografischer Bilder angespannt, vor allem in der Öffentlichkeit. Spielt die Kunst mit diesem Gefühl?
Sicher. Manche Werke auf ganz bewusste Weise, manche weniger. In jedem Fall empfindet der Betrachter Scham, wenn er pornografische Inhalte öffentlich anschaut.

Wenn du dein Werk betrachtestwirst du manchmal noch rot?

Nein, nie.

louhoyer.de

Andreas Mühe

„Das Studio, Jana Bach", 2007, © VG-Bildkunst Bonn, Courtesy Carlier Gebauer

Mein Werk steht für ...
die Inszenierung der Inszenierung.

Ich beschäftige mich in meinem Werk mit Pornografie, weil ...
Pornografie ein Bestandteil unseres Alltags ist.

Der Unterschied zwischen Pornografie und Kunst ist ...
offensichtlich. In der Kunst werden alle Aspekte des Lebens behandelt, wohingegen die Pornografie ein einziges Ziel verfolgt.

In jeder Sekunde werden weltweit 30.000 Pornofilme im Netz angeschaut. Pornografie ist zum Mainstream und quasi normal geworden, oder?
Normal war es schon früher, iPorn und iPhone ist doch dasselbe, wir haben doch alle unseren Channel.

Und dennoch sind die meisten Menschen bei der Betrachtung pornografischer Bilder angespannt, vor allem in der Öffentlichkeit. Spielt die Kunst mit diesem Gefühl?
Klar, die Angespanntheit kommt von der Kontextverschiebung, die seit Duchamp eine gängige künstlerische Praxis ist. Plötzlich wird man auch außerhalb der eigenen vier Wände mit Pornografie konfrontiert.

Wenn du dein Werk betrachtestwirst du manchmal noch rot?
Ja, jeden Tag aufs Neue.

andresmuehe.com

Katharina Arndt

„Schwanzlutscher / Cocksucker", 2009, 50x50cm

Mein Werk steht für … 
meinen Blick auf die westliche Konsumwelt, das Ponyhofleben ... ironisch reflektiert und sehr ernst genommen.

Ich beschäftige mich in meinem Werk mit Pornografie, weil … 
es geil ist. Darf man das so sagen? Pornografie stellt Sexualität dar. Erregung und Sexualität sind elementare Bestandteile des Lebens und durchdringen viele Lebensbereiche—ob in Schimpfwörtern wie Fotze und Schwanzlutscher oder in Form sexualisierter Werbung.

Der Unterschied zwischen Pornografie und Kunst ist, …
dass Pornografie das ausschließliche Ziel hat zu erregen, Kunst kann da viel mehr.

In jeder Sekunde werden weltweit 30.000 Pornofilme im Netz angeschaut. Pornografie ist zum Mainstream und quasi normal geworden, oder?
Ja, der Zugang zu Pornografie ist durch das Internet sehr viel leichter geworden. Trotzdem würde ich Sexualität, wie auch deren Betrachtung, jenseits des Profanen einordnen. Es ist und bleibt Teil der Lust und Genusswelt, wie ein gutes Glas Wein, delikates Essen, etwas Besonderes, was nur dann besonders ist, wenn es nicht Alltag bedeutet. Ich will auf jeden Fall nicht, dass Sex wie Käsebrot essen ist.

Und dennoch sind die meisten Menschen bei der Betrachtung pornografischer Bilder angespannt, vor allem in der Öffentlichkeit. Spielt die Kunst mit diesem Gefühl?
Kunst will berühren, andere Sichtweisen aufzeigen, zum Nachdenken anregen. Da hilft Provokation durch Pornografie schon. Meiner Meinung nach benutzt gute Kunst Provokation allerdings nie ausschließlich zum Zwecke der Aufmerksamkeit, sondern, um die Reflektion über brisante und unangenehme Themen in Gang zu setzen.

Wenn du dein Werk betrachtestwirst du manchmal noch rot? 
Eher bei den Vorlagen für die Arbeiten.

katharina-arndt.com

Alejandra Baltazares & Helena Hernández Tapia

„Go Vegan!", 2015

Unser Werk steht für …
Dialoge, Texte und Ideen, die wir zusammen als ein Gespräch über Interessen entwickeln, die wir teilen.

Wir beschäftigen uns in unserem Werk mit Pornografie, weil …
wir beide von den Bildern, die wir in einem kleinen Pornoladen gefunden haben, absolut fasziniert waren. Unsere Arbeit steht also für die Veränderung von Formen und Inhalten, was uns grundsätzlich fesselt, weil sie damit spielt, wie wir Menschen, Gegenstände, Situationen und Muster sehen, die alle die Absicht haben, das Auge zu stimulieren.

Der Unterschied zwischen Pornografie und Kunst ist … 
Pornografie provoziert und das macht Kunst auch. In beiden Bereichen ist nahezu alles erlaubt. Was nicht bedeutet, dass es moralisch richtig ist. Die  Grenzen sind manchmal unsichtbar oder bestehen einfach nicht.

In jeder Sekunde werden weltweit 30.000 Pornofilme im Netz angeschaut. Pornografie ist zum Mainstream und quasi „normal" geworden, oder?
Pornografie ist noch immer ein Tabu, aber dahinter steckt ein gigantisches Geschäft, das die hohe Nachfrage befriedigen muss. Es sind dieselben Strategien wie in der Werbung: Möglichst viel verkaufen. Durch das Internet ist Pornografie zugänglicher und demokratischer geworden, aber es ist kein offenes Buch.

Und dennoch sind die meisten Menschen bei der Betrachtung pornografischer Bilder angespannt, vor allem in der Öffentlichkeit. Spielt die Kunst mit diesem Gefühl?
Dazu passt eine Situation, die Helena erlebte, als sie einige der Bilder im Copy-Shop ausdrucken ging. Der Mann, der dort arbeitete, war angesichts der Bilder ein wenig irritiert und beschämt und fragte, was es denn damit auf sich hat. Als er es verstand, rief er sichtlich erleichtert: „Ah! Es ist Kunst!"

Wenn ihr euer Werk anschautwerdet ihr manchmal noch rot? 
Am Anfang waren wir fasziniert von den Kompositionen und dem Amateurauge hinter der Kamera. Dann haben wir uns daran gewöhnt, bis wir es irgendwann satt hatten, so viele Brüste, Vaginas und Schwänze zu sehen. Was jedoch immer bleibt, ist die Freude über die Reaktion der Leute, wenn unsere Bilder sie beschämt.

alejandrabaltazares.com
helenahernandez.net

Credits


Text: Stefanie Schneider
Fotos: Alex Lebus, Lou Hoyer, Andreas Mühe, Katharina Arndt, Alejandra Baltazares & Helena Hernández Tapia

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