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Lasst uns über Akne reden

Warum die Modewelt die Pickel-positive-Bewegung nicht ignorieren darf, erklärt uns Starlie Smith. Das Model hat eine Social-Media-Debatte angestoßen, die längst überfällig ist: zu seinen Pickeln zu stehen.

von Alice Newell-Hanson
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29 März 2017, 2:43pm

Foto: Screenshot von Instagram

Flughafentoiletten. Umkleiden in Klamottenläden. Das eigene Badezimmer. Wie jeder von seiner Haut Besessene weiß, bieten diese Orte die perfekte Kombination aus Spiegel, Ruhe und wenig schmeichelhaftem Licht, damit man jede Pore in der Haut auf Unreinheiten untersuchen kann. Und jeder dieser Orte ist nicht öffentlich. Denn Pickel sind heutzutage immer noch größtenteils verpönt, eine Wirklichkeit, mit der wir uns lieber im Geheimen beschäftigen. Wir widmen uns unseren Pickel alleine im Badezimmer. Wir cremen uns ein und überdecken sie. Und dank zahlreicher Apps können wir sie mit Filtern sogar verschwinden lassen. Und wenn sie dann doch mal in der Öffentlichkeit auftauchen, sind wir bestenfalls genervt (My So-Called Life, Episode "The Zit") und im schlechtesten Fall deprimiert.


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Aber die Dinge verändern sich. Dank einer neuen Generation von jungen Autoren, Künstler und Aktivisten haben sich in den letzten Jahren die gesellschaftlichen Debatten über unsere Körper dramatisch verändert. Fotografin Petra Collins hat einer Bewegung Bedeutung verschafft, die weibliche Körperbehaarung als etwas Natürliches und Schönes darstellen. Models wie Myla Dalbesiom, Barbie Ferreira, Iskra Lawrence und Charli Howard haben dafür gekämpft, dass verschieden Körpertypen in Modekampagnen und auf dem Catwalk zu sehen sind. Und Aktivistin Kiran Gandhi hat die weibliche Periode zu einem Gesprächsthema gemacht.

Anfang März hat Model Starlie Smith ein Foto von ihrem ungeschminkten Gesicht auf Instagram gepostet. Die Bildunterschrift: "Wen interessiert es, dass du Akne hast? Du bist wunderschön (Eine Liebeserklärung an mich & andere, die damit kämpfen) #honest." Das Foto hat zu einer ganzen Reihe von Reaktionen auf Instagram gesorgt, nebenbei über 9000 Likes bekommen und auf der Plattform Reddit zu einer Welle von Akne-Positivismus geführt.

"Vielen Dank dafür", hat ein User unter den Post von Smith geschrieben. "Ich habe auch mit Akne zu kämpfen. Manchmal weine ich deswegen auch, aber du zeigst mir, dass es das nicht wert ist <3". Ein anderer Kommentar: "Als ich das Bild gesehen habe, dachte ich mir 'Wenn eine Göttin wie Starlie Akne haben kann, dann kann ich vielleicht auch schön sein, trotz Akne."

Ist es nicht endlich an der Zeit, dass wir dem Thema Pickel die Scham nehmen, die ihm angehaftet wird? Nicht nur junge Menschen leiden darunter, sondern auch Erwachsene. Aber die Erkrankung trifft nur Menschen, deswegen sind Tests und die Entwicklung von Behandlungen extrem schwierig, obwohl der Kosmetikmarkt mit Anti-Pickel-Produkten Milliarden schwer ist. Kurz gesagt: Pickel verschwinden nicht einfach so, deswegen sollten wir sie nicht länger verstecken.

Starlie stammt aus der stolzen Mormonen-Familie Smith, hat über 108.000 Follower auf Instagram, spielt in der Familienband The Atomics mit und lief in der Fashionshow von Dolce and Gabbana für Herbst/Winter 17. Wie Reddit-User bemerkt haben, war ihre Haut auf dem Laufsteg nicht porentief rein. Trotz einer dicken Make-up-Schicht waren ihre Pickel zu sehen. Ein Model mit Pickeln, mit dem man sich identifizieren kann.

"Ich dachte, dass es denjenigen helfen könnte, die mit Akne zu tun haben", schreibt ein Reddit-User, der das Bild im Subreddit "Skincare Addiction" geteilt hatte. "Ich fühle mich auf jeden Fall besser, nachdem ich das gesehen habe, auch wenn das vielleicht lächerlich klingt." Es ist aber alles andere als lächerlich. Der Thread wurde ein wichtiges Supportforum, in dem Leute über den Einfluss von Akne auf das Selbstbewusstsein, Methoden und Medikamente, um einen Ausbruch zu kontrollieren und die Erleichterung darüber, dass Menschen mit Akne in einem positiven Licht dargestellt werden, geschrieben haben.

Starlie Smith ist nicht das einzige bekannte Gesicht, das perfekte Haut als einen Mythos entlarvt. Petra Collins hat auf ihrem Instagramprofil eine Warnung veröffentlicht: "Wer nicht mit Pickeln, Behaarung oder Dehnungsstreifen klar kommt, also eigentlich alles, das wegretuschiert wird, soll sie entfolgen." Zusammen mit Madelyne Beckles zeigt sie in ihren Aufnahmen oft picklige Gesichter. Schauspielerin und Aktivistin India Menuez hat auf Instagram ein Foto von sich mit einem Vogel und der Bildunterschrift: "Pickel & Sittichen" gepostet. Und auch die Schauspielerinnen Bella Thorne, Zendaya und Selena Gomez haben sich alle öffentlich über ihre Hautprobleme geäußert.

Im letzten Jahr hat die malaysische Designerin Moto Guo ihre neue Kollektion mit Models auf dem Laufsteg präsentiert, deren Gesichter voll mit Akne waren. Die Make-up-Artist Roberta Betti bestätigte später, dass die Pickel echt waren, sie nur mit ein wenig Lippenbalsam betont wurden. Zwar hat Guo die Besessenheit der Modewelt mit Jugendlichkeit gezeigt, gleichzeitig wurde Akne in Artikeln als neuer "Modetrend" gepriesen. Das hat Fragen aufgeworfen, wie ernst es die Modewelt damit meint, echte Menschen zu zeigen.

Wenn die Body-positive-Bewegung mehr als ein Lippenbekenntnis ist, dann müssen wir es um Fragen der Haut – und all ihrer Vielfalt – jenseits des Catwalks und Social Media erweitern. Pickel gehören einfach dazu, sie sind natürlich. Es wird Zeit, dass wir ihnen eine Bühne geben.