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„keine tunten bitte!“ – tuntenphobie unter schwulen

Wenn affektiertes Verhalten nur aufgesetzt ist, dann ist doch Männlichkeit auch nur aufgesetzt, oder?

von Scottee Scottee
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18 Mai 2016, 10:25am

Im britischen Fernsehen lief vor einigen Wochen eine Folge der beliebten Serie First Dates von Channel 4 (der Sender, auf dem mit Queer as Folk Ende der 90er schwule Fernsehgeschichte geschrieben wurde), in der zwei Männer beim Blinddate gefilmt wurden: Daniel und die junge Tunte Pablo. Daniel trug ein schwarzes Paillettenjacket und eine leicht ausgewaschene Jeans. Pablo dachte, dass es zwischen beiden etwas werden könnte. Aber nach etwa der Hälfte des Dates sagte Daniel Pablo, dass er keinen Mann daten könne, der High Heels trägt. Das sei nicht natürlich und nicht normal. Pablo entglitt das Gesicht, er bestellte sofort die Rechnung und das Date war vorbei.

Daniel, selbst ernannte Reality-TV-Persönlichkeit und Möchtegern-Social-Media-Star veröffentlichte daraufhin auf seinem Facebook-Profil eine Entschuldigung. Die Macher von First Dates hätten die Szenen so zusammengeschnitten, um ihn schlecht aussehen zu lassen. Er bekomme bei tuntigen Männern keinen hoch und außerdem tun doch Schwule nur so, wenn sie sich affektiert verhalten. Aber natürlich hat er—wie jede intolerante Person—auch tuntige Freunde.

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In derselben Woche fiel ein Mann in einem Theater am Broadway in Ohnmacht, weil der offen schwul lebende britische Schauspieler Russell Tovey oben ohne zu sehen war. Russell—wie all die guten schwulen Schauspieler, die denken, dass sie auch einen heterosexuellen Kerl spielen können—hat ebenfalls Beef mit uns tuntigen Schwulen. In einem Interview mit dem Guardian letztes Jahr sagte er: „Ich hätte sehr feminin werden können, wenn ich nicht auf die Schule gegangen wäre, auf die ich gegangen bin. Dort hatte ich das Gefühl, dass ich zäher werden musste. Wenn ich mich entspannt zurücklehnen, rumstolzieren, auf der Straße singen hätte können, wäre ich vielleicht jetzt eine andere Person. Ich bin meinem Vater dafür dankbar, dass er mir nicht erlaubt hat, so zu werden."

Wenn wir für einen Moment die Gedanken der beiden weiterspinnen, dass affektiertes Verhalten bei Schwulen performt wird, dann muss es im Umkehrschluss auch heißen, dass die von heteroliken Schwulen so geliebte Männlichkeit ebenso performt wird? Mein gebrochenes Handgelenk, meine hohe Stimme und meine Vorliebe für Blusen sind keine bewussten Handlungen—wie uns immer unterstellt wird—, sondern ich bin einfach die Person, die ich bin. Auch wenn ich Tonnen von Make-up im Gesicht trage und mich in bunte Fummel schmeiße, ist das nur eine übersteigerte Version meiner Tunten-Identität. Das gilt nur deshalb als schräg, weil die beiden oben genannten maskulinen Prachtexemplare den gängigen Genderrollen entsprechen und diese in der schwulen Community verstärken. Vielleicht sind wir Tunten lauter, weil wir gehört werden wollen. Um es mit einem Kampagnenslogan der Stonewall-Organisation zu sagen: Manche sind halt tuntig, na und?!

Mich macht es wütend, dass Tunten wie ich, die affektiert und/oder tuntig sind, also diejenigen von uns Schwulen, die sich nicht der gängigen Einteilung in Mann und Frau unterwerfen, oft von der homonormativen Kultur dämonisiert, entsexualisiert und fetischisiert werden. Mich macht wütend, dass meine Handlungen—mein Gang, meine Stimme und sogar meine Persönlichkeit als Pantomime—abgetan werden, während Straight-Acting-Männlichkeit unter Schwulen akzeptiert und sogar gefeiert wird.

Meine heterosexuellen Freunde sind regelmäßig geschockt, wenn ich ihnen erzähle, was in der schwulen Community so weit verbreitet ist: Tunten-, Dicken, - und Asiatenphobie. Es ist wahrlich kein Geheimnis, dass auf Profilen in schwulen Dating-Apps oft Sätze wie „Ich stehe auf Kerle, nicht Frauen" oder „Keine Dicken, Tunten und Asiaten" zu lesen sind. Wenn man diese Marie-Antoinettes mit ihren durchtrainierten Körpern darauf anspricht, verweisen sie auf ihre „persönlichen Vorlieben". In den 50ern gab es in Großbritannien vor Bars Schilder, auf denen stand: „Keine Schwarzen, Iren und Hunde". Solche Ausgrenzungen auf dem Profil zu posten, sind im Jahr 2016 innerhalb der Schwulen-Community weithin akzeptiert.

Wann wird aus einer persönlichen Vorliebe ein Vorurteil? Ich persönlich stehe nicht auf weiße Boys, die nichts im Kopf haben und sich die Achseln rasieren, aber ich vergifte unsere sozialen Räume nicht mit meinen sogenannten Vorlieben. Ich bin immer über die Dreistigkeit dieser Typen erschrocken, mit welcher Selbstverständlichkeit sie annehmen, dass wir uns durch ihre Interessen beeinflussen lassen sollen. Nur weil ich nicht das bin, was du willst, werde ich als komisches Ken-Barbie-Mischwesen mit nichts zwischen den Beinen abgeschrieben.

Für schwule Männer ist es einfach, die Apps für dieses Verhalten verantwortlich zu machen, aber so einfach ist es nicht. Dieses Verhalten vergiftet unsere Community und beeinflusst die psychische Gesundheit von anderen.

Bevor einige dies als Rumgeheule abtun, dass ich mich nicht schön oder dünn genug fühle: Für mich ist es vollkommen OK, dass du nicht auf mich stehst, weil ich fett bin. Ich wurde von genügend Schwuchteln geschubst, getreten und angespuckt, um zu wissen, dass sie Angst vor meinen Speckrollen haben. Leute von einem ganzen Kontinent aufgrund ihrer Herkunft abzulehnen und das Ganze unter „persönliche Vorliebe" laufen zu lassen, ist nichts weiter als rassistisch.

Die Gleichsetzung von tuntig mit weniger wert oder zweiter Klasse ist queeres Patriarchat in Reinform. Tuntenphobie ist nichts anderes als Frauenfeindlichkeit in Abercrombie&Fitch-Klamotten. Leider haben die Schwulen das patriarchische System der Heteros übernommen, im Austausch dafür, dass jetzt auch ihre heterosexuellen Freunde wissen, was Poppers ist.

Ich möchte die Schwulen nur daran erinnern, dass queere Sichtbarkeit und LGBT-Politik oft von denen vorangetrieben wurden, die sich nicht verstecken konnten. Wie schnell diese Schwulen—und Hollywood—vergessen haben, dass die Stonewall-Aufstände tatsächlich von einer Gruppe von nicht-weißen, queeren Dragqueens gestartet wurde.

In diesem Klima zu leben, hat seine Nebenwirkungen. Ich finde Kerle wie Daniel und Leute, die seine Ansichten teilen, extrem unattraktiv und deshalb auch extrem hässlich. Die Schwulen sorgen bei mir dafür, dass ich mich für Schwule schäme und wütend bin, nicht wegen ihrer Meinung, sondern wegen ihrer kompletten Ignoranz gegenüber den Auswirkungen, die das auf die schwule Kultur insgesamt hat. Leider hat mich das in die Nische getrieben: Homophobie gegen die muskelbepackten Schwulen, für die "masc 4 masc" eine Auszeichung ist, zu empfinden. Ich weiß, dass nicht jeder muskulöse Schwule ein Idiot ist, aber leider sorgt die Uniform dafür, dass die guten darunter nicht mehr zu kennen sind.

Also liebe Tunten dieser Welt, es wird Zeit, dass wir zurückschlagen. Wir müssen lauter werden und Typen wie Daniel und Russell sagen, dass deren Ansichten in unserer Community nicht willkommen ist. Ich gründe hiermit eine radikal queerministische Bürgerwehr: Tunten für Tunten. Wer möchte mitmachen? Heterolike Schwule und Tuntenfeinde brauchen sich erst gar nicht erst zu melden.

@ScotteeIsFat

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Credits


Text: Scottee Scottee
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Foto: Wikipedia

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