"es gibt einfach nicht genug weibliche djs"

Diese Aussage ist so alt wie die elektronische Musik selbst. Trotzdem sind die meisten Line-Ups noch immer vorwiegend männlich. Im zweiten Teil von BEYOND CLUBBING treffen wir die in Berlin lebende Schwedin Linnéa, die mit DJ-Workshops für Frauen und...

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Mai 9 2017, 7:40am

In unserer neuen Videoreihe BEYOND CLUBBING erforschen wir, was die Berliner Underground-Partyszene so einzigartig macht. Wir sprechen mit vier Schlüsselfiguren, die mit ihrer Arbeit Grenzen aufbrechen, Diskussionen anzetteln und die Tanzfläche zu einem Safe Space für alle machen. Alle Beiträge findest du hier.

Im Zuge meiner Teilnahme an der BEYOND CLUBBING-Reihe habe ich aufgeschrieben, woran es liegt, dass fast ausschließlich nur männliche DJs in Line-ups zu finden sind und was getan werden muss, damit sich das ändert. Zwar spreche ich davon, dass es mehr weibliche DJs braucht, aber in Städten wie Berlin ist es ebenso wichtig, dass mehr Menschen aus ethnischen Minderheiten in der DJ-Szene repräsentiert sind.

Eine Ausrede ist eine Ausrede
Als Erstes müssen Menschen in Machtpositionen verstehen, dass wir immer noch keine Gleichstellung erreicht haben. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass wir in der Musikindustrie und in der DJ-Szene weit davon entfernt sind, das zu erreichen. "Ich buche danach, ob sie gut sind" ist eine oft gebrachte Ausrede, die ich zu oft höre, mit der sich Booker oder Promoter herausreden, dass die Line-ups, für die sie verantwortlich sind, fast ausschließlich nur aus Männern bestehen. Das Problematische an dieser Ausrede ist, dass die Bandbreite an Produzenten und DJs, aus denen sie auswählen, wahrscheinlich schon sehr männerdominiert ist. Um weibliche Produzenten und DJs zu finden, muss etwas mehr Aufwand betrieben werden. 

Unserer Generation hat es lange an weiblichen Vorbildern gefehlt 
Viele Männer in meiner Generation sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass das DJ-Dasein eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Der Rest von uns hat daran nicht mal annähernd gedacht, da wir keine weiblichen Vorbildern hatten, die uns gezeigt haben, was alles möglich ist. Erst als ich mehrere weibliche DJs getroffen habe, habe ich das Auflegen als ernste Option wahrgenommen. Ich hatte auch das Glück, dass mir die Chance gegeben wurde, als DJ aufzulegen, ohne das Können oder das Wissen zu haben. Das war auf einer Party, einem Safe Space. Irgendwie wurde ich dann dort Resident-DJ. Diese entspannten und positiven Erfahrungen haben mich so motiviert, dass ich mehr lernen wollte und aus mir wurde langsam aber sicher ein professioneller, weiblicher DJ. Ich habe oft den Eindruck, dass viele Promoter vor dem wirtschaftlichen Risiko, einen weiblichen DJ zu buchen, Angst haben, weil sie glauben — danke sexistischer Vorurteile —, dass weiblichen DJs die technischen Fähigkeiten fehlten.

Jeder kann etwas tun
Was kannst du als DJ tun, um zu helfen? Der schnellste Weg ist es, dein Wissen mit anderen zu teilen und als Mentor für Anfänger da zu sein, wenn du die Zeit, die Ressourcen und den Zugang hast. Einen Mentoren an der Seite zu haben, macht einen großen Unterschied. Sie helfen neuen DJs und sind die Vorbilder, mit denen man sich identifizieren kann. Und die Nachfrage ist da. Es ist leider leicht, die Leute zu übergehen, die wirkliches Interesse, die Zeit und den Willen haben, das Auflegen zu lernen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass viele oft einfach nicht gut genug connected oder selbstbewusst sind, um sich alleine daran zu versuchen, ein professioneller DJ zu werden. Ein anderer Einwand, den ich höre: Du kannst dir mit YouTube-Tutorials viel selbst beibringen. Das ist ja gut und schön. Aber nicht jeder kann so lernen und nicht für jeden eignet sich das. Und nicht jeder hat in seinem Freundeskreis DJs, von denen man lernen kann. Und auch wenn es sie im Freundeskreis geben sollte, heißt das ja noch lange nicht, dass sie bereit sind, für mehr Wettbewerb in der Szene zu sorgen. Vielleicht sind sie auch einfach zu sehr damit beschäftigt, an ihrer eigenen Karriere zu arbeiten. Je mehr Initiativen, die Workshops oder Trainingsprogramme anbieten, sich bilden desto besser. Nicht nur die DJs selbst können etwas bewegen, sondern auch die Clubbesitzer und die Mitarbeiter in den Clubs: Öffnet tagsüber eure Türen für die Leute aus der Community, damit sie üben können. Ich kenne ein paar Menschen, die das so machen und mir den Zutritt verschafft haben. Ohne sie hätte ich nie den Zugang zu der Hardware gehabt, um anderen die Skills beizubringen.

Broadly hat mit Frauen in der Berliner Partyszene über das Frauenproblem in der DJ-Welt gesprochen.

Mehr weibliche DJs darf kein Trend sein
Persönlich finde ich es positiv, dass rein männliche Line-ups immer mehr problematisiert werden, während als Ergebnis gemischte Line-ups immer mehr im Trend liegen. Der Trend ist solange gut, wie es den Beginn einer nachhaltigen Entwicklung darstellt und nicht nach ein paar Monaten wieder tot ist. Weibliche DJs nur zu buchen, um das Thema zu umschiffen, reicht nicht. Es muss ein Umdenken stattfinden. Ich bin mir bewusst, dass ich — und viele andere weibliche DJs — in vielen Line-ups nur die Quotenfrau bin. Das ist etwas, was ich zukünftig vermeiden möchte. Das ist natürlich einfach gesagt, wenn man selbst gut gebucht wird. Mein persönlicher Ansatz ist es, durch Kommunikation und Kollaborationen von innen heraus etwas in der Szene zu verändern. Ich kann gut verstehen, wenn Menschen keine Energie oder Geduld mehr haben, nachdem sie ermüdende persönliche Erfahrungen gemacht haben. Letztlich haben alle in der Clubszene — die Promoter, die DJs und sogar die Partygäste — mehr als genug Möglichkeiten, das zukünftig besser zu machen.

Alle Informationen zu Linnéas neuer Initiative "No Shade" findest du hier. poly maze von "No Shade" spielt am 10.05 bei TRADE

@Linnéa


Am Dienstag, den 08.05, hosten wir im Zuge der re:publica ein Panel zum Thema "Disrupting Berlin's music scene". Von 16-18 Uhr geht es auf der NewThinking-Bühne, um Community Building im Berliner Musikundergound. Mit dabei sind, neben Lyra und Daniela von Creamcake, auch Marit von Koso und Female Pressure. Mehr dazu gibt es hier.  

Credits


Text: Linnéa Palmestål
Fotos: Alexandra Bondi de Antoni
Vielen Dank ans St Georg