Das Online-Format Blackrock Talk zeigt die wirkliche Vielfalt unserer Gesellschaft

Triff Esra Karakaya, die Frau hinter der wohl authentischsten Talkshow Deutschlands.

von Dana Hajek
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11 September 2019, 8:54am

Fotos: Meklit Fekadu Tsige

Wenn wir wollen, dass die Welt nicht nur überlebt, sondern besser wird, müssen wir alle unsere Stimme erheben. Die Generation vor uns hatte ihre Chance – jetzt sind wir dran. Hier stellen wir Menschen vor, die ihre Stimme bereits gefunden haben. Die Frustration in Aktivismus gewandelt haben. Sie alle haben unterschiedliche Anliegen und Wirkungsbereiche, doch was sie vereint, ist der Glaube an eine gerechte und freie Zukunft. Wir sind laut, wir sind viele. Jetzt sind wir dran.

Eine Talkshow moderieren? Darüber hatte sich Esra Karakaya vor Blackrock Talk nie Gedanken gemacht. Über Talkshows im Allgemeinen allerdings schon: Selten hatte sie den Eindruck, dass ihre eigene Lebensrealität in medialen Diskussionen wahrheitsgemäß repräsentiert und ihre Erfahrung legitimiert wird. Genauso wenig gab es Personen mit denen sie sich identifizieren konnte.

Doch statt sich im Stillen zu ärgern, wurde die Berlinerin aktiv: Sie wollte eine Plattform und Diskussionskultur schaffen, die Menschen dazu einlädt, ihre Meinungen zu äußern und ihre Perspektiven mit anderen zu teilen. Darunter sind Gäste wie der Journalist Malcolm Uzoma Ohanwe vom Podcast KanackischeWelle oder Gizem Adiyaman vom feministischen DJ-Duo Hoe_Mies. Esras Talkshow-Besucher_innen stammen aus gesellschaftlichen Gruppen, häufig migrantisierten Communitys, über die laut der 27-Jährigen in den deutschen Medien entweder nicht ausreichend oder einseitig berichtet wird.

Esra und ihre Crew von Blackrock Talk setzen mit der Show einen neuen Rahmen. Sie besprechen monatlich Themen aus Philosophie, Musik und Entertainment, die ihnen auf dem Herzen liegen – und das mit viel Empathie und Respekt. Sie vermitteln uns radikal-zart, auf humoristische und liebevolle Weise, dass es an der Zeit ist, eingestaubte Normen zu brechen, die wirkliche Vielfalt unserer Gesellschaft zu zeigen, und endlich denjenigen Menschen eine Stimme zu geben, über die sonst nur geredet wird.

i-D hat sich mit Esra Karakaya über Selbstzweifel, persönliche Vorbilder und eine gerechte Welt unterhalten.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Du hast Musik- und Medienwissenschaften studiert. Hat dir das geholfen, Blackrock Talk aufzubauen?
Esra: Für die Talkshow hat es mir tatsächlich nichts gebracht. Im Studium hab ich vieles nur theoretisch gelernt, was mir am Ende aber weder geholfen hat, ein Format aufzubauen, noch eine Dramaturgie zu erstellen. Es war eher hilfreich, weil ich einen intellektuellen Rückhalt für das bekommen habe, was ich jetzt mache. Ich belegte Kurse außerhalb meines Studiengangs, setzte mich mit verschiedenen Theorien, politischen und gesellschaftlichen Konzepten auseinander – wie eben Rassismus, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit. Währenddessen habe ich gemerkt, dass diese Themen meine Realität und nicht nur eine Einbildung sind.

Warst du schon immer politisch aktiv?
Als ich jünger war, wollte ich immer politisch sein und hatte dieses Bedürfnis mich auszudrücken, aber mir fehlte die Sprache. Ich habe nicht die richtigen Leute gefunden, keine Menschen mit denen ich mich identifizieren konnte, hatte keine Vorbilder. Damals wollte ich eine Politik des Weltfriedens nach dem Motto: Alles wird gut. Eigentlich lieben wir uns doch alle.

Es fehlte dir also auch an Vorbildern in der deutschen Mehrheitsmedienlandschaft.
Vermutlich schon. Hätte ich dort zehn verschiedene Frauen mit Kopfbedeckung, unterschiedlichster Diversität und Meinungen gesehen, wäre es mir viel leichter gefallen eine Meinung zu bilden. Zumindest hätte es mir gezeigt, dass sie eine Legitimität haben in Deutschland zu existieren. Auf der anderen Seite: Stell dir mal vor da sind zehn Frauen mit Kopfbedeckung, die aufgrund ihrer politisch gehorsamen Haltung sichtbar sind und alle leugnen Rassismus, das wäre wieder etwas komplett anderes. Wie auch immer – wenn einige der Menschen aus meinem jetzigen Umkreis vor 15 Jahren öffentlich präsent gewesen wären, dann hätte ich mich auf jeden Fall früher politisiert.

Wann war der Schlüsselmoment, an dem sich dein Bezug zu politischem Aktivismus geändert hat?
Erst als ich ungefähr 22 oder 23 Jahre alt war, konnte ich verstehen, wie die Gesellschaft aufgebaut ist. Ich stellte mir Fragen, wie: 'Wer hat hier das Sagen?', 'Wem wird die Stimme untersagt?', 'Wie sind die Strukturen wirklich aufgebaut?'

"Es geht mir um die fehlende Diversität und Repräsentation ganz bestimmter Leute in deutschen Medien, in Deutschland generell."

Hast du den Eindruck, dass sich in der jüngeren Generation etwas verändert hat? Dass sie schon früher ihre politische Stimme finden?
Ich habe keine Statistiken gesehen, aber ich kenne viele Leute in meinem Umfeld, die mit 20 Jahren laut werden, Dinge thematisieren und Forderungen stellen, bei denen ich mir denke 'Dickeeeer, ihr seid kraaass!' Es sind gerade Menschen in der Öffentlichkeit, aber auch Nicht-Öffentlichkeit unterwegs – sei es aktivistisch, nicht aktivistisch oder Menschen, die einfach nur ihr Leben leben – die ich als meine Lehrer_innen betrachte.

Schwirrte dir der Gedanke eine Talkshow zu konzipieren schon länger im Kopf herum?
Es war eine Zeit, in der ich super unglücklich war, nicht richtig wusste, was ich eigentlich von diesem Leben will. Dieser Zustand war schrecklich, ich konnte damit nicht umgehen. Unerwartet, sei es durch Zufall oder Gottes Hand gewesen, bin ich auf eine Life Coach gestoßen. Sie forderte mich auf, einfach aufzuschreiben, was ich mir eigentlich von meinem Leben wünsche.

Und dann kam es: Eine Talkshow moderieren? Ausgerechnet so ein Format? Darüber hatte ich bis dahin wirklich nie nachgedacht. Nachdem ich es aber aufgeschrieben vor mir sah, wusste ich: 'Krass, ich hab so richtig Bock drauf'. Schon alleine die Vorstellung war geil, es dann aber auch wirklich umzusetzen, war natürlich noch geiler.

Um das Thema 'Podcast' ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entstanden. Warum hast du dich entschlossen, trotzdem beim Bewegtbild zu bleiben?
Ich will, dass Menschen gesehen werden. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Show habe, in der mich Menschen mit meiner Kopfbedeckung und vielen anderen Menschen einfach sehen oder ob ich einen Podcast mache und erstmal erkläre: "Hey, ich bin Esra und trage aus religiösen Gründen eine Kopfbedeckung." Es geht mir um die fehlende Diversität und Repräsentation ganz bestimmter Leute in deutschen Medien, in Deutschland generell. Ich will ihnen eine Plattform bieten, eine Lücke füllen, ohne gezwungenermaßen etwas benennen oder erklären zu müssen.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Das Talkshow-Format war lange ziemlich eingeschlafen – coole Talkmaster à la Oprah gibt es in Deutschland schonmal gar nicht. Was machst du anders als andere?
Wir sind nicht nur eine Talkshow, sondern eine Social Talkshow und haben die Möglichkeit, aktiv mit unserer Community zu sprechen, uns gegenseitig Liebe zu schicken – das schätze ich sehr. Wir laden keine Politiker_innen oder öffentlich gestandene Menschen ein, sondern wollen uns mit echten Realitäten auseinandersetzen. Unser Ziel ist nicht eine Plattform für politische Agenden zu bilden, sondern zu schauen, welche Fragen uns auf dem Herzen liegen und darüber sprechen. Wenn ich sage 'uns' meine ich damit diejenigen Menschen, die ganz oft in den hinteren Reihen sitzen.

Und wie entscheidest du, welche Gäste du einlädst?
Alleine aus dem Grund, dass wir eine Low-Budget- Produktion sind, können wir nur mit unserem Netzwerk arbeiten. Von allen Leuten, die wir bisher eingeladen haben, kannte ich alle, außer ein oder zwei. Das waren dann aber auch Freunde von Freunden. Wir haben einmal versucht, Leute einzuladen, die mehr in der Öffentlichkeit stehen oder die wir nicht kannten, aber ohne Geld kommen die Leute nicht, was auch OK ist.

Ich hoffe, dass wir es gemeinsam so aufbauen können, dass wir da bald fett Geld reinbekommen und zukünftig regelmäßig produzieren können. Ich sehe, wie diese Show in der Zukunft die Diskussionskultur in Deutschland beeinflusst – und das mit ganz viel Empathie und Respekt. Ich will, dass Leute sagen: "Krass! Das habe ich von Blackrock Talk gelernt."

"Wenn nächstes Jahr ein Film mit einer Hijabi als shero rauskommen würde, ohne dass ihr Hijabi-sein thematisiert wird, dann würde ich sagen, es hat sich etwas verändert in Deutschland."

Diskriminierung, Alltagsrassismus und Rassismus generell sind riesige Probleme in Deutschland. Themen, die du auch in Blackrock Talk besprichst. Wie war es für dich, in solch einem Kontext aufzuwachsen?

Es kommt total drauf an, wann es war, wen ich zu der Zeit in meinem Umkreis hatte und wie meine Gefühlslage war. Vor allem mit meiner Politisierung ist es schwierigerer geworden, damit umzugehen, weil du wirklich Belege bekommst, dass das, was du täglich erlebst, auch faktisch Realität ist. Es war nicht einfach, hinzunehmen, dass Menschen in meinem Umfeld durchaus zu diesen Ungerechtigkeiten beitragen. Am Ende haben alle ihre eigene Überlebensstrategie – und wenn deine Strategie ist, Rassismus zu leugnen, mag es für dich in dem Moment das Richtige sein.

Was hast du du seit Blackrock Talk über dich, dein Umfeld und die Welt gelernt?
Auf persönlicher Ebene habe ich gelernt, was es bedeutet Selbstzweifel zu haben und wie ich damit umgehe. Ich habe auch gelernt, was es bedeutet, Grenzen zu setzen – sei es bei der Arbeit oder im Zwischenmenschlichen. Auf Teamebene habe ich gelernt, dass für dieses Projekt jede einzelne von den ungefähr 15 Personen ausschlaggebend ist. Und weißt du, was auch richtig geil ist? Wenn du lernst, dass du richtig geile Sachen nur mit richtig geilen Leuten schaffst. Alleine wäre das niemals möglich gewesen.

Wie sähe für dich eine gerechte Welt aus?
Wenn nächstes Jahr ein Film mit einer Hijabi als shero rauskommen würde, ohne dass ihr Hijabi-sein thematisiert wird, dann würde ich sagen, es hat sich etwas verändert in Deutschland. Oder wenn eine Schwarze Frau mit Kopftuch Bundeskanzlerin sein kann und in den Medien nur aufgrund ihrer Politik, aber nicht auf Kosten ihrer Identität, ihrem Dasein oder ihrem Aussehen verrissen wird. Dann könnten wir vielleicht sagen, dass wir in einer gerechten Welt lebten.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige