Fotos: Simon Burstall

Weil der echte Rave auf dem Parkplatz stattfindet

Das Buch '93: Punching the Light' von Fotograf Simon Burstall führt uns zurück in das Leben junger Raver in Sydney, Australien.

von Erica Euse
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24 Oktober 2019, 10:08am

Fotos: Simon Burstall

Simon Burstall war gerade mal 16 Jahre alt, als er anfing, die aufblühende Rave-Szene in Sydney, Australien mit seiner Kamera einzufangen. Alles, was er dafür brauchte waren: seine Freunde, seine Kamera und das Auto seiner Mutter, mit dem sie jeden Samstag um vier Uhr morgens 40 Minuten quer durch die Stadt fuhren, um in das Industriegebiet der Stadt zu pilgern. Wir schreiben die frühen 90er Jahre, junge Menschen schlossen sich zu DIY-Partys in verlassenen Lagerhallen zusammen. Ihre tanzenden Körper wurden von bunten Lasern angestrahlt, während der Bass im Hintergrund wummerte, bis die Sonne am Horizont erschien. Sobald die Musik verstummte, sonnten sie sich auf dem nahegelegenen Parkplatz. An genau diesem Ort entstanden die meisten Bilder von Simon. Kids in Baggy-Hosen, eingelaufenen Vintage-Pullis und Fila-Sneakern, die gerade langsam von ihrem Trip runterkamen.

"Ich erinnere mich noch, als wäre es erst gestern gewesen", erzählt Simon am Telefon. Er sitzt zu Hause, in Upstate New York. "Ich kannte weder Fokus, Blendenzahl noch Belichtungszeit, ich hatte einfach dieses Gefühl, etwas festhalten zu wollen."


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Jetzt, fast 30 Jahre später, hat der mittlerweile 44-Jährige seine Fotos, persönlichen Tagebucheinträge und alte Flyer wieder ausgegraben: Daraus entstanden ist das Buch ‘93: Punching the Light, das Einblick gewährt in das Leben eines Ravers in der kurzlebigen Underground-Szene Australiens.

i-D wollte mehr über die langen Nächte und die jugendliche Ekstase herausfinden und hat Simon vor dem globalen Launch seines neuen Buches ans Telefon bekommen.

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Foto: Simon Burstall

Erinnerst du dich noch, wie alles angefangen hat?
Ja, damals habe ich die Schule geschmissen. Ich war kein schlimmes Kind oder dergleichen, fühlte mich nur unterfordert. Meine Eltern meinten dann zu mir: 'Wir haben ein bisschen Geld für dich zur Seite gelegt, wenn du dir anschauen willst, was es sonst noch für Optionen gibt.' Mir fiel es schwer, Freundschaften zu schließen, weil ich unter der Woche in der Schule lebte; wir wohnten damals einfach zu weit weg. Also habe ich mit der Kunst begonnen. Mein Kunstlehrer hat mich gefragt, ob ich malen kann. Ich meinte, 'nein'. Ob ich zeichnen kann? Wieder 'nein'. Also fragte er, was ich dann mache? Und ich erwiderte: 'Ich fotografiere meine Freunde.' Also drückte er mir einen Film in die Hand und sagte, ich solle losgehen und ihn verschießen.

Und das hast du dann auf den Raves gemacht?
Raves waren die Subkultur, der Gegenstand meiner Fotografie. Ich habe sie geliebt, sie haben unglaublich viel Spaß gemacht. Jeder sah so cool aus. Wir sind alle ausgegangen, haben die schlimmsten ausgestellten Denim-Jeans gekauft. Und diese hässlichen kurzen T-Shirts aus Polyester getragen, die irgendwann so gestunken haben. Hüte, Baggy-Jeans und Fila-Schuhe, so liefen wir in der Szene rum.

Wie hat es sich damals als junger Raver in Sydney angefühlt?
Das Ganze lief sehr unbemerkt ab. Niemand wusste davon, wenn du nicht gerade Teil davon warst. Es war so eine vielfältige, kleine Welt, die nur zwischen '89 und '94 existierte. Ihren Höhepunkt hatte sie '91, in diesem Jahr habe ich auch mit dem Fotografieren begonnen. Ich denke nicht, dass so etwas jetzt noch funktionieren würde.

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Foto: Simon Burstall

Wie können wir uns ein 'normales' Wochenende vorstellen?
Alle kamen zu mir nach Hause, machten sich fertig und dann fuhren wir gegen vier Uhr morgens los. Ab diesem Zeitpunkt war die Security bereits weg oder hat uns zumindest für fünf statt 25 Dollar reingelassen – das war für einen 17-Jährigen viel Geld. Wir blieben wach und haben stundenlang getanzt. Meine Eltern wussten Bescheid, waren aber nicht begeistert.

Hast du immer nur morgens fotografiert?
Ich wollte die Situation nicht ins Rampenlicht rücken oder die Leute im Vorbeigehen ablichten à la "Ich hatte gerade einen Blitz um sieben Uhr morgens in meiner Fresse". Wenn ich fotografierte, dann mit dem Licht, das mir zur Verfügung stand. Die Kamera packte ich immer am Morgen aus. Weil er so besonders war, du hast bereits die Höhen und Tiefen der Party durchlebt – überwiegend die Höhen.

Warum hast du dich so von dem Parkplatz angezogen gefühlt?
Der Parkplatz war der Ort, der die Leute wieder miteinander verbunden hat. Hier hingen wir ab, viele der Anlagen in den Autos waren auf volle Lautstärke gedreht. Hier wurden Partys geschmissen, das wollte ich festhalten – im Gegensatz zu den typischen Rave-Bildern. Mir ging es um die Community. Ich hatte wirklich das Gefühl, ein Insider und kein Außenseiter zu sein.

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Foto: Simon Burstall

Was hat es mit den Tagebucheinträgen auf sich, die sich durch das Buch ziehen? Manche haben nicht mal etwas mit den Raves zu tun, sondern handeln über deinen neuen Haarschnitt.
Das war eine wirkliche Herausforderung, weil ich alle Einträge durchgehen musste. Und der über den Haarschnitt? Was habe ich mir nur dabei gedacht? Die Tatsache, dass ich das geschrieben habe, verwirrt mich selbst. Ich wollte nicht ausschließlich über Drogen reden, weil es nicht nur darum ging. Es ging um die Verbindung, um die Menschen. Das ist Jugend. Ich wollte, dass es um die Probleme geht und den Rausch, das Gefühl 16 oder 17 zu sein.

Warum hast du dich dazu entschieden, das Buch gerade jetzt zu veröffentlichen?
Ich bin auf diese Bilder auf meiner Festplatte gestoßen. Also dachte ich mir, ich sollte sie mal wieder herauskramen – die 90er sind doch schließlich wieder cool. Das war vor drei Jahren. Du schaust dir das Buch an und denkst, es stammt von heute. Für ein Jahrzehnt verstaubte das Zeug in meinem alten Jugendzimmer in einer Tasche auf dem Regal.

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Foto: Simon Burstall
Wie hat sich das alles angefühlt?

Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht gedacht, dass das Buch so eine Herausforderung wird. Du vergisst schnell die emotionale Ebene, wenn du dir all diese Bilder und Tagebucheinträge durchschaust. Ich fand das sehr schwierig.

Welche Botschaft steckt hinter dem Buch?
Wenn es sich jemand anschaut, der jung ist und gerade über das Leben lernt, soll er sagen können: Damit kann ich mich komplett identifizieren.

@simon_burstall

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Foto: Simon Burstall
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Foto: Simon Burstall
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Foto: Simon Burstall
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Foto: Simon Burstall

Die Release Party zu '93: Punching the Light' findet im November in Europa statt. Alle Infos findest du hier. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der US-Redaktion.

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