"Eine Ausdrucksform, die nicht jeder verstehen muss" - zu Besuch auf dem Berlin Atonal 2019

Die Gäste des Atonal verraten ihre Festival-Highlights und erinnern sich an die schönsten Momente des vergangenen Sommers.

von Max Migowski
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05 September 2019, 7:58am

Foto: Tereza Mundilová

Jedes Jahr aufs Neue lädt das Berlin Atonal Festival Künstler_innen und Musik-Begeisterte aus aller Welt zu einer mehrtägigen Symbiose-Erfahrung aus visueller Raumkunst, experimenteller Soundinstallationen und begnadeten DJ-Sets ein. Vom 28. August bis zum 1. September wurde das Kraftwerk in Berlin zur Schaubühne interdisziplinärer, sinnesübergreifender Darbietungen – und wir waren mit dabei. Vor Ort sprachen einige der Gäste mit uns über ihre Liebe zur elektronischen Musik, dem Mangel an Frauen in der Szene und mit welchem Bauchgefühl sie ihren Sommer ausklingen lassen.

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Foto: Tereza Mundilová

Paul, 24

Was machst du?
Selbstständig.

Was verschlägt dich aufs Atonal?
Inspiration.

Bist du zum ersten Mal hier?
Nein, das ist mein drittes Mal.

Was ist so besonders am Atonal?
Ich verstehe es als musikalische Weiterbildung.

Auf welchen Act freust du dich am meisten?
Objekt und Ezra Miler.

Wie würdest du das Festival und die Stimmung hier einer Person beschreiben, die noch nie hier war?
Locker.

Was unterscheidet das Atonal von anderen Veranstaltungen?
Es ist anders. Das Programm und der Ort lassen was ganz anderes zu, als die Festivals, die man sonst so kennt, eben auch dahingehend was man hier macht und wer sich hier so herumtreibt.

Wirst du wiederkommen?
Natürlich.

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Foto: Tereza Mundilová

Mitja, 18

Was machst du?
Ich mache die meiste Zeit mit einem Freund zusammen Filme und Kurzfilme. Ich schreibe dafür die Drehbücher, die Skripte, er filmt und schneidet. Wir haben zuletzt einen Film bei einer Förderung eingereicht und sogar Geld dafür bekommen, um weitermachen zu können. Außerdem gehe ich noch zur Schule, ich starte jetzt in mein letztes Jahr.

Was verschlägt dich aufs Atonal und warum?
Als Filmemacher fühle ich mich natürlich zu der Mischung aus Sound und Visuellem hingezogen. Das Atonal bietet Raum für experimentelle Paarungen dieser zwei Aspekte, die ich mir gerne anschauen will.

Mit heute, dem letzten Augusttag, kommt der Sommer allmählich zum Ende – wie wirst du ihn Erinnerung behalten und warum?
Es waren meine letzten Sommerferien. Ich habe das erste Mal den Sommer richtig mit mir erlebt. Ich war die meiste Zeit in den Bergen, mit einem Freund zusammen, wir waren viel wandern. Ich habe außerdem den Buddhismus für mich entdeckt, es war total die Bereicherung für mich. In Weißensee ist ein Tempel, über den ich durch Zufall gestolpert bin. Eigentlich bin ich dort nur hin, weil es so heiß draußen war und ich irgendwo kühlen Unterschlupf gesucht habe. Zu dem Zeitpunkt hat eine Kleingruppe dort meditiert. Ich habe mich dann einfach dazugesellt und bin seitdem jede Woche einmal dort. Für Spiritualität und Körperklima – also Win Win.

Mit welchem Gefühl blickst du in die unmittelbare Zukunft, bis der nächste Sommer wieder anfängt?
Ich glaube, die nächste Zeit wird wie eine Art Metamorphose sein. Das wird jetzt mein letztes Jahr in der Schule. Ich habe das Gefühl, ich muss mich irgendwie metaphorisch Vollfressen, um dann als Schmetterling aus der ganzen Sache herauszugehen. Ich hoffe, ich kann dann fliegen.

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Foto: Tereza Mundilová

Soji, 26

Was machst du?
Ich bin Modedesigner. Aber ich glaube auch, dass ich noch nicht vollkommen herausgefunden habe, welche Talente ich wirklich habe, weswegen ich mich auch nicht vollkommen auf eine Beschäftigung festlege.

Auf welchen Act freust du dich am meisten?
Auf Anraten einer Freundin bin ich am meisten gespannt auf Objekts Set in Kooperation mit Ezra Miller.

Was hast du gelernt in diesem Jahr, was wirst du mitnehmen ins nächste?
Das ist mein zweiter Sommer hier. Letztes Jahr war ich offen für alles und wollte mich uneingeschränkt auf alles einlassen um die Stadt kennenzulernen. Dieser Sommer war etwas strukturierter, aber eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Ich bin etwas angespannt in puncto Winter, ich weiß noch von letztem Jahr, dass sich die Atmosphäre hier ändert, sobald es kälter wird. Die letzten Monate waren toll, im Mai habe ich mein eigenes Mode-Label relaunched und war damit auch recht erfolgreich. Ich bin gut rumgekommen. Ich hoffe, dass ich bis nächstes Jahr um diese Zeit noch fester verankert bin und meinen Zielen näher komme, vielleicht sogar soweit, dass ich den Sommer noch mehr für mich nutzen kann – mehr Zeit für mich und meine Freunde.

Wo warst du vorher und was hat dich nach Berlin geholt?
Ich wurde in Nigeria geboren, als Kind ist meine Familie dann in die USA, wo ich in der Nähe von Washington DC aufgewachsen bin. Nach Berlin bin ich gekommen nach meiner Zeit in LA und New York, um ein bisschen mehr über mich und meine Bestimmung zu lernen. Ich möchte mich auch irgendwann irgendwo niederlassen, etwas etablieren, aber das wird wohl eine längere Reise sein. Ich verleihe meinem Leben auch gerne etwas Spontanität, in diesem Sinne weiß ich noch nicht, wie lange ich hier bleiben will. Ich glaube, dass es sowohl für mich, als auch die Allgemeinheit gut ist, mal das Gewohnte zu verlassen und nicht immer nur an einem Ort zu bleiben.

Wie kamst du zur Mode?
Ich bin ausgebildeter Schneider, das ist inzwischen nicht ganz selbstverständlich in der Branche. Als ich in die Staaten kam, war ich das komische afrikanische Kind, mit dickem Akzent. Meine Schwester und ich waren irgendwie die Nachzügler. Mein Auge für Mode war das, was die Leute dann positiv auf mich aufmerksam gemacht hat. Inspiriert wurde ich damals unter anderem durch Kanye West, ähnlich wie der Rest meiner Generation. Anfangs habe ich ihm eher hinterher geeifert, aber irgendwann war ich tatsächlich so drin in der Materie, dass ich dabei geblieben bin.

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Foto: Tereza Mundilová

Ishan, 40

Was machst du?
Ich bin zu Besuch hier, ich lebe eigentlich in Taiwan. Seit vier Jahren komme ich jeden Sommer nach Berlin, um der Hitze und dem Chaos Zuhause zu entfliehen. Sonst waren meine Aufenthalte hier immer recht Club-orientiert, dieses Mal habe ich mir ein Kultur-lastigeres Programm zusammengestellt, gehe zu mehr Museen und Ausstellungen, mache eher das Touristen-Ding und weniger Party. Den Sommer hier nutze ich um wieder so richtig meinen Akku aufzuladen, um ein wenig aus der Realität zu entgleiten und mich zu erholen.

Auf wen oder was hier auf dem Atonal freust du dich am meisten?
Das hier ist mein zweites Mal Atonal, es war recht spontan, deswegen habe ich nichts Konkretes weswegen ich hier bin. Aber ich freue mich sehr auf Forrest Drive Wests Set nachher im Tresor. Ich hoffe allerdings, dass es nicht zu voll, zu heiß und stickig ist.

Wie würdest du die Atmosphäre, das “Motto” des Festivals erklären?
Das Ambiente hier ist toll, es ist ein vielseitiges Publikum und Line-Up, alle sind hier um die Kunst zu wertschätzen, es ist super ausgelassen. Im Vergleich zu meinem letzten Mal hier vor vier Jahren hat sich die Organisation auch um einiges gebessert.

Was zieht dich zu elektronischer Musik?
Ich mag Pop-Musik nicht, es sind zu viele Wörter. Alles hört sich gleich an für mich. Bei elektronischer Musik mag ich die Unverfälschtheit, es ist sehr nackt, man kann die Details der Komposition hören und genießen, es fällt mir leichter mich darauf einzulassen. Es ist wie eine Reise auf die man sich begibt, mit dem Musiker oder der Musiker_in oder den Leuten, mit denen man dort ist.

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Foto: Tereza Mundilová

Sacha, 22

Was machst du?
Ich komme aus einer Kleinstadt in Südfrankreich, wohne aber in Marseille und bin zu Besuch in Berlin, fürs Atonal. Ich mache eine ganze Menge Dinge. Mein Geld verdiene ich hauptsächlich durch Modeln und einen Online-Thriftshop, den ich seit einiger Zeit führe. Ich mache aber auch nebenher eigene Kleidung, eigene Musik … Ich mache so ein bisschen von allem könnte man sagen. Ich möchte einfach am kulturellen Geschehen meiner Stadt beteiligt sein wo immer es geht. Ich liebe es, mit Leuten oder ganzen Kollektiven zu kooperieren, um gemeinsam Erlebnisse zu schaffen, an die sich andere erinnern werden.

Was genau verkauft ihr in eurem Shop?
Ich kaufe Sachen, restauriere sie und verkaufe sie dann wieder. Wir geben ihnen ein zweites Leben. Mein Mitbewohner bringt mir auch gerade das Nähen bei, ich würde gerne mehr eigene Sachen entwerfen und sie bei uns verkaufen. Momentan haben wir viele Schuhe im Angebot, die wir irgendwo Second Hand auffinden und dann ein wenig aufpäppeln.

Auf welchen Act freust du dich am meisten?
Einige der Künstler, die hier auftreten, kenne ich schon und mag sie sehr gerne, zum Beispiel Alessandro Cortini, Amnesia Scanner oder E-Saggila. Bislang habe ich sie alle nur auf meinem Handy hören können, und obwohl Marseille über eine beachtliche – wenn auch kleine – elektronische Musikszene verfügt, konnte ich mir den Besuch hierher nicht verkneifen, um einige der Leute tatsächlich live zu erleben. Wir haben das so in dieser Form bei uns nicht. Natürlich bin ich aber auch offen für anderen Artists hier.

Was unterscheidet das Atonal von anderen Veranstaltungen?
Es ist nicht dasselbe wie der gewöhnliche Clubbesuch. Es ist anders, es ist eher wie eine Reihe futuristischer Konzerte, eine andere Art und Weise, Musik aufzunehmen. Mir hat es echt super gefallen hier. Ich glaube aber, dass die Erfahrung immer davon abhängig ist, wo du die Artists spielen siehst. Jetzt sind einige dabei, die ich auch sehr gerne mal in einem intimeren Set-Up sehen wollen würde. Ich mag kleine, kuschelige Orte.

Was ist dir besonders aufgefallen?
Es ist sehr dunkel, die Klamotten sehr schwarz – das liegt vermutlich an Berlin. Aber es ist auch für viele Überraschungen gut.

Womit hast du sonst noch so deinen Sommer verbracht und wie startest du in den Herbst?
Diesen Sommer habe ich einiges über mich gelernt, auch in puncto Beziehungen. Ich habe ganz gut Geld verdient und konnte mir einige Reisen leisten, quer durch Europa. Als nächstes verschlägt es mich sogar nach Japan. Ich fühle mich – mitunter auch durchs Atonal – inspiriert dazu, mehr über eigene Musikproduktion zu lernen.

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Foto: Tereza Mundilová

Sylvia & Claudia

Was macht ihr?
S: Ich arbeite im Bereich Marketingkommunikation für ein Unternehmen, das sich auf erneuerbare Energien spezialisiert.
C: Und ich bin Architektin und Transaktionsanalytikerin.

Was verschlägt euch aufs Atonal und warum?
S: Ich komme jedes Jahr für mindestens einen Abend hier zum Atonal. Ich lerne gerne neue Künstler_innen kennen, komme aber auch um Acts zu sehen, die ich schon kenne. Natürlich bin ich auch hier für die Afterparty und zum Austausch mit anderen Leuten.
C: Ich wohne hier gleich um die Ecke. Seitdem ich in Berlin lebe, begeistere ich mich für elektronische, innovative Musik. Ich bin aber heute tatsächlich zum ersten Mal hier. Was mich aber zusätzlich besonders reizt, ist natürlich das Gebäude, die Architektur.

Wie würdet ihr das Atonal, das Ambiente und die Leute hier beschreiben?
C: Was mir sofort auffällt, ist das gemischte Publikum, es ist eine kreative und offene Atmosphäre, die man hier vorfindet.
S: Es ist eine Stätte in der Menschen, die experimentelle Kunst machen und Menschen, die diese gerne sehen oder hören, zusammenkommen – zusammen zuschauen, zusammen tanzen. Es kommen internationale Macher_innen zusammen und man kann hier gut die Entwicklungen des Genres beobachten.

Was ist es, das euch an jenem Genre so begeistert? Wer oder was spielt sich dort so Interessantes ab?
C: Seitdem ich in Berlin bin, also rund 26 Jahre, höre ich fast ausschließlich elektronische Musik, ich habe mich auch immer viel mit ihr beschäftigt. Angefangen hat es damals mit klassischer House Musik, dann bin ich irgendwann zu Techno gekommen und inzwischen eben auch zu sehr experimentellen Sachen. Es bereitet mir einfach Freude, sie zu hören. Es gibt viele Stimmen, die behaupten, dass diese Art von Musik recht langweilig sei, sich immer nur wiederhole. Es ist aber eben eine ganz andere Ausdrucksform. Die muss nicht jeder verstehen.
S: Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Frauen auftreten, das ist mir total wichtig – sowohl hier beim Atonal, als auch anderswo. In der elektronischen Musikwelt stehen vor allem Männer im Vordergrund, Frauen sind noch nicht adäquat repräsentiert, obwohl es so viele tolle Künstlerinnen gibt, die den Männern auf jeden Fall das Wasser reichen können. Dieses Macho-Gehabe in der Szene, dass bei Frauen noch mal besonders drauf geschaut wird, ob sie denn auch ja die Technik beherrschen. Ich finde es total gut, dass sich da was entwickelt und hoffe, dass sich auch weiterhin Dinge in diese Richtung bewegen werden.

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