Das nicht-binäre Model Noah Carlos spricht über die Erfahrungen in der Branche

"Es sind die schweren Dinge, die dich zu der Person machen, die du bist."

von Tom Rasmussen
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26 November 2019, 1:58pm

Noah Carlos liegt entspannt auf einer Samtcouch in London, als wäre es bereits das hundertste Interview des Tages. Jedes Mal wenn Noah eine Geschichte erzählt, wirft er_sie die Haare nach hinten und weitet die Augen, als wäre das gesamte Leben eine lange Szene aus Gossip Girl – nur weniger gehässig.

Noah aka @loserthrift ist Teil einer neuen Generation Models: nicht-binär, urkomisch und geradeheraus. Ihre Perspektive auf das omnipräsente Schlagwort 'Identität' macht sie zu starken Stimmen, wenn es darum geht, wie frei junge Menschen im Jahr 2019 mit Definitionen von Gender spielen können.


Auch auf i-D: Was bedeutet eigentlich 'nicht-binär'?


Glaubt man dem Denken von Millennials, schadet Social Media der psychischen Gesundheit und verzerrt unsere Wahrnehmung der Realität. Dabei war es die Plattform Instagram, die Noah durch die High School brachte. Online repräsentierte Noah mit wilden Looks und schlagfertigen Bildunterschriften schon damals die queere Macht von vielen gender-fluiden Teens auf der ganzen Welt. "Das zweite Mal im Leben, dass ich ein Kleid trug, war bei meinem Winterball", erinnert sich Noah. "Es hatte einen strassbesetzten Halsausschnitt. Ich habe die ganze Zeit getanzt und mich amüsiert. Aber diese Kleider sind ziemlich zerbrechlich. Plötzlich kamen mir diese Footballer immer näher. Sie rissen solange an meinem Kleid, bis es zu Boden fiel ..." – Doch Noah tanzte einfach weiter.

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Noah trägt einen Badeanzug von Norma Kamali. Kleid: Bottega Veneta. Strumpfhose: Wolford.

Das ist die Art High-School-Drama, die dich verschlingt. Die Art, die man sonst nur auf dem Schulhof von Mean Girls oder den Sportler-Partys von Euphoria, Noahs liebster TV-Show, erwartet. Aber als genderqueeres Kind auf einer konservativen High School in Orange County stand Noah wegen seiner_ihrer Andersartigkeit unter ständiger Beobachtung. Besonders, nachdem Noah anfing, sich durch Mode auszudrücken.

"Ich probiere den einfachen Look und wenn er nicht funktioniert, spende ich die Sachen wieder", erklärt Noah. So begann er_sie, Dinge zu tragen, an die sich andere Gleichaltrige nicht trauen würden. Mit 14 lebten seine_ihre Eltern ausschließlich von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck, doch wie jeder Teenager wollte Noah cool gekleidet sein. Langsam fing Noah an, dem langweiligen Gerüst der Männermode zu entfliehen und auf den Streifzügen durch die Läden der Heilsarmee seiner_ihrer Vorstellung von Gender näherzukommen.

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Badeanzug: Norma Kamali. Hemd und Hose: Balenciaga. Strumpfhose: Wolford

"Damals, Anfang der 2000er Jahre, war die Gesellschaft sehr versteift im Bezug auf Gendernormen", erinnert sich Noah. "Als ich auf die High School kam, dachte ich mir: 'Weißt du was? Scheiß drauf, ich bin eine Bad Bitch, ich trage, was ich will und mache, was ich will.’"

Noahs Alltag war bestimmt von sehr realen Problemen auf den Gängen einer sehr amerikanischen Schule. Online fand Noah dagegen Zuspruch. Sein_ihr Protest gegen das binäre Modesystem machte die digitale Welt auf Noah aufmerksam, die Depop- und Instagram-Followerschaft boomte. "Junge, philippinische Models schrieben mir: 'Oh mein Gott, es tut so gut, ein queeres Model zu sehen.'" Noahs virtuelles Leben wurde der Ort, an dem er_sie für die Dinge gefeiert wurden, für die Noah im echten Leben verspottet wurde. Sicher, die hetzerischen Instagram-Storys über Schul-Bullys hätten für Noahs Rauswurf sorgen können, doch darüber kann Noah heute nur lächeln. Im Wissen, dass etwas Größeres wartet, nahm er_sie die negativen Erfahrungen hin.

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Badeanzug: Norma Kamali. Kleid: Paco Rabanne. Schmuck: Stylist's Own.

Im vergangenen Herbst nahm IMG Noah unter Vertrag. In dieser Saison lief er_sie für Marc Jacobs, Maison Margiela, Lanvin und Alexander Wang. Gerade erst wurde Noah für das neueste Prada Lookbook für Barney's geshootet. "Nicht-binär zu sein und so etwas tun zu können, ist für viele schockierend." Doch nach und nach begannen sogar die Hater aus der Schule, Noahs Beiträge zu liken.

"Es sind die schweren Dinge, die dich zu der Person machen, die du bist. Wenn ich nicht für meine Identität kämpfen müsste, wäre ich nicht so selbstsicher, wie ich heute bin." Noah ist zuversichtlich, was seine_ihre Rolle in der Mode angeht. "Ich bin hier, um ein Kleidungsstück zu verkaufen, und das kann ich genauso gut wie jedes weiße cis-Mädchen. Das wird man nur nicht erfahren, wenn man mich nicht bucht", fügt Noah hinzu. Noah weiß, welche Funktion er_sie in einem Modesystem darstellt, das gerade anfängt, über klassische Geschlechterrollen hinauszudenken. Doch ist sich Noah ist auch im Klaren über die feine Grenze zwischen Tokenisierung und ehrlicher Repräsentation?

"Ich denke, die meisten Shows, die ich mache, stellen weder meine Sexualität noch mein Geschlecht in Frage", sagt Noah. "In Humberto und Carols letzter Show für Kenzo wollten sie keine weißen Models buchen. Sie engagierten nur PoC, weil sie nicht genug Sichtbarkeit in Modenschauen bekommen. Für das Closing wollten sie ein nicht-binäres Model. Das war großartig, ein wirklich positives Erlebnis."

Trotz allem ist der Laufsteg immer noch ein sehr binärer Raum, nur selten wird Noah für Herrenmode gebucht. "Viele nicht-binäre Models, die ich treffe, machen ähnliche Erfahrungen. Aber wir könnten genauso gut auch Herrenmode machen! Ich selbst liebe es, 'typisch' Männliches und Weibliches in meinen Outfits zu vermischen."

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Badeanzug: Norma Kamali. Hemd und Hose: Acne Studios.

Mit gerade einmal 18 Jahren ist Noahs Bewusstsein für das Aufbrechen einst starrer Gendernormen bereits fortschrittlicher als das vieler großer Marken. Während der Laufsteg noch häufig geschlechtsspezifisch geteilt wird, ist Noah glücklich, zwischen den binären Grenzen zu schweben und die Gesellschaft aufzuklären. "Die Welt ist langsam, aber die Mode ist in diesem Kosmos am schnellsten", meint Noah. "Ich habe das Gefühl, wenn nicht-genderkonforme Menschen in dieser Branche unterschiedliche Dinge erleben, ändert sich etwas. Ich glaube, um etwas zu verändern, müssen wir hineingeworfen werden und dann darüber reden, was passiert."

56 Prozent der Generation Z identifizieren sich selbst als nicht-binär oder kennen Personen in ihrem Umfeld – und darauf wird auch die Mode reagieren. Der bevorstehende Wandel ist unaufhaltsam. Es ist die Generation Z, die nur darauf wartet, ihre Gegenwart herauszufordern, um die Wahrnehmung der Gesellschaft langfristig zu verändern.

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Badeanzug: Norma Kamali. Kleid: Prada.
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Badeanzug: Norma Kamali. Hemd und Hose: Loewe.
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Badeanzug: Norma Kamali. Hemd und Hose: Fendi. Schuhe: Sies Marjan.
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Badeanzug: Norma Kamali. Kleid: Michael Kors.
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Badeanzug: Norma Kamali. Jumpsuit: Emporio Armani.
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Credits


Fotografie: Amy Troost
Styling: Marie Chaix

Haare: Tina Outen / Streeters verwendet Bumble and bumble
Make-up: Kanako Takase / Streeters verwendet Addiction
Nägel: Tracylee / Bri Winters
Prop-Styling: Kadu Lennox / Frank Reps
Foto-Assistenz: Karen Goss und Katie Tucker
Digital Operator: Alonzo Maciel
Styling-Assistenz: Victor Cordero
Haar-Assistenz: Nevada Raffaele
Make-up-Assistenz: Michaela Bosch
Prop-Styling-Assistenz: Jade Sorensen und Matt Anderson
Produktion: MAP Ltd.
Produktions-Assistenz: Cat Lewis
Casting Director: Samuel Ellis Scheinman / DMCASTING

Model: Noah Carlos // IMG

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D The Get Up Stand Up Issue, no. 358, Winter 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

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