Foto: Tereza Mundilovà

Wie Bill und Tom Kaulitz schon als Teenager mit Mode gegen Genderklischees rebellierten

"Plötzlich kamen die Fragen, ob ich jetzt ein Junge oder ein Mädchen bin, mit wem ich schlafe, ob ich schwul bin oder nicht. Ich war natürlich überfordert, weil ich erst 15 oder 16 war."

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Okt. 23 2017, 2:44pm

Foto: Tereza Mundilovà

Es ist inzwischen zwölf Jahre her, dass Tokio Hotel ihren Hit Durch den Monsun veröffentlicht haben. 2005, das war ein Jahr, in dem ansonsten R'n'B-Stars wie Mario, Girlgroups wie die Pussycat Dolls, Boybands wie US5 oder Sängerinnen wie Yvonne Catterfeld die Charts und den Mainstream beherrscht haben. Eine musikalische Parade der Heteronormativität. Doch dann kam plötzlich Tokio Hotel. Zur Verwirrung ihrer Eltern hängten sich sämtliche Teenager auf einmal Poster an die Wände, von denen ein androgyner, geschminkter Junge auf der einen, und ein sichtbar selbstbewusster, maskuliner Junge auf der anderen Seite blickten. Die beiden waren Zwillinge und erst 15 Jahre alt.


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Bill und Tom Kaulitz standen bereits im jungen Alter im Rampenlicht, wo sie sich für alles mögliche rechtfertigen mussten: den Klamottenstil, Bills Liebe für Frauenklamotten und ihre Sexualität. Dass sie so gar nicht in die Pop-Klischees und Schubladen der Masse gepasst haben, hat ihrem Erfolg nicht geschadet. Trotzdem mussten sie Diskussionen und Demonstrationen von Menschen aushalten, die sich von der Leichtigkeit und dem Auftreten der Tokio-Hotel-Brüder angegriffen fühlten. Man mag von ihrer Musik halten, was man möchte, doch die Zwillinge standen schon immer für das ein, was und wer sie sein wollten. Vor allem durch die Mode konnten sie sich diese Freiheit schon als Teenager einfordern. Wir haben mit ihnen über diese Zeit gesprochen, und warum Bill im neuen Video zur Frau wird.

Welchen Stellenwert hat Mode in eurem Leben?
Bill: Einen großen. Mode ist ein Lebensgefühl und ein Freiheitsding für mich. Es beeinflusst mein ganzes Leben. Mein Tag fängt gleich anders an, wenn ich mir etwas Bestimmtes anziehe. Mit Mode kann man seinen Geist anregen und beeinflussen. Ich habe das meiste Geld in meinem Kleiderschrank liegen — eigentlich ein schlechtes Investment, aber es macht mir einfach Spaß.
Tom: Es ist ein schlechtes Investment.
Bill: Mode ist eigentlich gar nichts wert.

Wenn es dir ein gutes Gefühl gibt, ist es doch ein gutes Investment.
Bill: Emotional ist das gut, aber rein finanziell ist es das Dümmste, was du machen kannst.
Tom: Bei mir ist es ein bisschen anders. Ich finde es schon wichtig, aber es geht immer nur um ein Lebensgefühl. Man selbst ist ja immer von Städten, Orten und seiner Umgebung beeinflusst und so verändert sich auch der Style. Trotzdem ist es für mich nicht so wichtig wie für Bill. Bei mir geht das wesentlich schneller und ich bin wesentlich simpler.

Bill, du hast dich schon relativ früh geschminkt. Wann wurde dir bewusst, dass es auch als Junge OK ist, Make-up zu tragen?
Bill: Ich wurde schon früh damit konfrontiert, wie scheiße Leute das finden. Natürlich fing das in der Schulzeit an, aber damals war ich mir nie so wirklich über die Bedeutung bewusst. Als wir dann erfolgreich wurden, wurde das natürlich noch viel wichtiger. Plötzlich kamen Fragen, ob ich jetzt ein Junge oder ein Mädchen bin, mit wem ich schlafe, ob ich schwul bin oder nicht und so weiter. Damit war ich natürlich überfordert, weil ich erst 15 oder 16 war. Für mich war das alles viel unwichtiger, schon immer. Ich habe das mit so einer Leichtigkeit gemacht und gar nicht so richtig gewusst, was ich damit auslöse.

Was hast du ausgelöst?
Bill: Wir haben in der Anfangszeit von Tokio Hotel ein ganz schönes Chaos entfacht. Bei uns gab es diesen extremen Hass und sogar Demos bei jedem Konzert. Erwachsene Männer, die sich wahnsinnig angegriffen und provoziert gefühlt haben, wie ich aussehe und was ich anziehe. Ich habe natürlich auch gerne provoziert, schon in der Schule war das so. Es gab Lehrer, die mich nicht unterrichten wollten. Als ich am allerersten Schultag in die Schule gekommen bin, haben sich alle Jungs in mich verliebt. Ich hatte noch ganz lange Haare und alle dachten, ich wäre ein Mädchen. Ich habe ganz viele Liebesbriefe bekommen, aber als sie rausgefunden haben, dass ich ein Junge bin, wollten mir natürlich alle auf die Fresse hauen, weil keiner damit umgehen konnte, dass ich ein Junge war. Aber ich habe mir diese Freiheit immer eingefordert, auch durch die Mode. Ich will anziehen, was ich will. Für mich war Männermode schon immer wahnsinnig langweilig, es gibt einfach nicht so viel Auswahl. Das war schon früher so, dass ich Frauenmode anziehen wollte.
Tom: Das interessiert ihn auch heute gar nicht. Bill sitzt immer neben mir im Auto und bekommt Mails von neuen Labels, die ihm Klamotten schicken wollen. Er scrollt dann runter und sagt 'Ich bestelle mir nur die Frauensachen.'
Bill: Die sind auch geiler. Ganz oft ist Männermode so einfallslos. Klar, ich trage nicht unbedingt Röcke, aber im Prinzip geht es nur um die Größe und darum, wie man es trägt. Das ist natürlich bei jedem anders. Ich würde zum Beispiel Georg und Gustav nie aus meinem Kleiderschrank anziehen, weil es einfach verkleidet wäre. Bei mir geht es, weil ich Lust darauf habe. Es ist ein Lebensgefühl und ein Freiheitsding und ich habe mir das schon immer eingefordert.

Wie bist du in dem jungen Alter damit umgegangen?
Bill: Ich weiß es nicht. Ich hatte ja immer den Backup durch Tom. Das war wichtig. Weil wir überall und immer zusammen aufgetreten sind, hatten wir ein ganz anderes Selbstbewusstsein.
Tom: Du hast dich irgendwann auch gezwungenermaßen mit dieser "Ist mir egal"-Haltung identifiziert und warst einfach authentisch damit. Bei Bill fand ich das nie komisch, der hat das schon immer so gemacht. Wenn andere Jungs in meiner Klasse so rumgelaufen wären, wäre es anders gewesen. Man merkt ja, wenn Sachen angezogen oder aufgesetzt sind. Ich war auch immer sehr extrem, aber in eine andere Richtung, bei mir war es zum Beispiel sehr maskulin.

Wann hast du gemerkt, dass du damit etwas auslöst? Hast du dich tatsächlich zum ersten Mal mit solchen Kategorien auseinandergesetzt, weil es durch die Öffentlichkeit an dich herangetragen wurde?
Bill: Weil ich das Gefühl hatte, dass ich auf einmal allen Leuten Rechenschaft schuldig bin. Das hatte ich vorher gar nicht. Auf einmal musste ich all diese Fragen beantworten. Wenn du so jung bist, kommen die Leute ja normalerweise nicht an und konfrontieren dich damit. Als ich auf einmal in der Öffentlichkeit stand, wurde das aber ein Wahnsinnsthema. Selbst da war es so, dass die Leute immer meinten 'Das kannst du nicht anziehen, das ist zu extrem mit den Haaren' und am nächsten Tag hatte ich die Haare noch krasser und noch größer. Es gab ganz oft solche Diskussionen, was ich nicht machen oder anziehen darf. Mode war für mich eine Rebellion gegen all die typischen Schubladen. Die Leute brauchen immer diese Sicherheit. Wenn sie etwas in eine Schublade packen können und wissen, ob Bill heute Abend mit einem Mann oder einer Frau schläft, fühlen sie sich irgendwie sicherer. Ich habe mir daraus auch immer einen Spaß gemacht, bis ich gemerkt habe, dass es auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt.

Ihr passiert viel im Mainstream und dadurch auch in Medien, die sehr binär denken und funktionieren. Habt ihr ein Verantwortungsbewusstsein, weil ihr diesen Zugang zur Masse habt?
Bill: Ich habe immer versucht, das relativ leicht zu sehen. Heute ist mir das auch wichtiger, mit den Leuten zu quatschen, die zu mir kommen und Geschichten erzählen. Heute lasse ich das viel mehr an mich ran. Damals habe ich das noch nicht so ernst genommen. So war ich halt und das war mein Instinkt.
Tom: Eigentlich ist das auch heute noch so. Ich mag dieses Zeigefingermäßige auch nicht. Wir versuchen, uns schon ein bisschen locker zu machen und sprechen auch weniger mit Mainstream-Medien. Ich glaube, wir haben uns das nie bewusst gemacht.

Ihr habt euch das nie bewusst gemacht?
Tom: Ne, haben wir nicht, sondern immer versucht, unser Ding zu machen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, ob das jetzt gut ankommt oder wie das für andere Leute in unserem Alter wirken könnte. Darüber haben wir uns nie einen Kopf gemacht, auch heute nicht.
Bill: So kannst du ja auch nicht leben. Wenn du den ganzen Tag denkst, dass du ein Vorbild für andere bist — das wäre mir viel zu anstrengend. Da habe ich keinen Bock drauf.