Foto: Jessica Barthel

9 Kreative über ihre persönlichen Erfahrungen mit Mental Health

"Ich habe wirklich keine Energie und Zeit für Menschen, die mit der Echtheit des Lebens nicht umgehen können." – Adrian Bianco, Autor

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10 Oktober 2018, 4:25pm

Foto: Jessica Barthel

Jeder hat mal einen dieser Tage, an denen du aus unerklärlichen Gründen traurig bist. Wenn eine alltägliche Situation plötzlich unerträgliche Angstzustände hervorruft. Wenn dir selbst die Gesellschaft deiner Liebsten keine Ruhe bringt. Doch was ist, wenn es nicht nur diese Tage sind, sondern eine wiederkehrende Episode, ein Dauerzustand?

Die Thematik um mentale Gesundheit ist noch immer von unzähligen Ängsten, Missverständnissen und Stigmata umgeben. Leichtfertig wird mit Begriffen wie Anxiety oder Depression um sich geworfen. Hinter dem Rücken wird abfällig "Du Pussy" geflüstert. Die andere Option? Romantisieren und sich dem Sad-Boy-Movement anschließen, dessen Vorreiter wohl Goethe mit seinem Die Leiden des jungen Werther gewesen sein mag.

In diesem Ramschladen der Klischees ist etwas Essentielles Mangelware: Stimmen, die einen ehrlichen Diskurs beginnen und dieses so reale Thema in die ungeschönte Wirklichkeit holen. Selbst wenn Künstler wie Frank Ocean, Olly Alexander, Yayoi Kusama oder sogar Selena Gomez die Öffentlichkeit mit Mental Health Issues konfrontieren, ist es immer noch ein langer Weg.

Eine neue Studie zeigte, dass fast 30% der Deutschen mit psychischen Erkrankungen leben. Es ist ein erschreckendes Ergebnis, das zeigt, wie herausfordernd unsere Gegenwart ist. Doch nicht nur das, es beweist einmal mehr, dass genau jetzt die Zeit ist, längst veraltete Denkmuster über den Haufen zu werfen – und mit offenen Ohren zuzuhören:

Holly Becker, Model & Journalistin

Wann wurde das Thema Mental Health präsent für dich und wie gehst du heute damit um?
Schon früh habe ich alles hinterfragt. Ich hatte immer das Gefühl, dass unsere Umgebung als etwas Tieferes verstanden werden muss… Ich kann mich an Situationen im Kindergarten erinnern, in denen ich nicht verstehen konnte, warum manche Kinder beliebt sind und andere nicht. Es war so ungerecht, dass ich mehrere Tage am Stück wirklich traurig war. Das Thema mentale Gesundheit war für mich also immer präsent. Unsere Gesellschaft ist schnell und hart. Nichts für Menschen, die sehr sensibel sind und viel fühlen…

Was müsste sich in unserer Gesellschaft ändern, damit es leichter wird für diese Menschen?
Wir sind die Gesellschaft, wir müssen uns ändern. Daran arbeiten, wie wir miteinander und uns selbst umgehen. Wir müssen lernen, mehr Empathie zu empfinden. Wir müssen verstehen, dass psychische Gesundheit nicht das gleiche wie physische Gesundheit ist. Der Körper und Geist bilden eine Einheit und alles, was in dem einen stattfindet, manifestiert sich im anderen. Um in einer schnellen, digitalisierten Welt das Leben leben, nicht zu verlernen, müssen wir wieder auf uns selbst und aufeinander hören.

Hast du einen Tipp, wie die Psyche in so einer Welt stabil bleiben?
Für mich ist es wichtig mit mir zu arbeiten, mich kennenzulernen, mich selbst im Kontext meines Lebens wahrzunehmen und vor allem einfühlsam zu sein. Konkret bedeutet das: Wenn ich das Gefühl habe, zu versinken, gehe ich in den Wald. Wenn ich aggressiv bin, mache ich Sport. Ich versuche regelmäßig zu meditieren, was aber nichts mit Religion zu tun hat, sondern damit sich dem Nichts anzunähern. Viele Orgasmen sind auch empfehlenswert. Und sehr viel guter Rap.

@holly_olivia_maria

Rui Ho, Producer & Performer

Welche Erfahrungen hast du zu dem Thema Mental Health gesammelt?
Sowohl ich als auch viele aus meinem Freundeskreis sind von Problemen jeglicher Art betroffen. Als Musik Producer und Performer lebe und arbeite ich die meiste Zeit allein. Häufig fühle ich mich isoliert, was damit zusammenhängt, dass ich vor sechs Jahren aus einer komplett anderen Kultur, von China nach Europa gezogen bin. Angstzustände sind eine unsichtbare Bitch, die durch meine Arbeit, Immigration und mein Sozialleben bestärkt wird.

In welcher Form wirkt sich dieses Thema auf deine Arbeit aus?
Für kreative Menschen können psychische Probleme das Ergebnis ihrer Arbeit versauen. Je länger du in diesem Bereich tätig bist und je weiter du in deiner Karriere voranschreitest, desto komplexer werden auch die psychischen Probleme. In jeder Etappe meines Schaffens spüre ich verschiedene Arten von Angst. Diese Gefühle wirken sich auch auf meine Arbeitseffizienz aus.

Wie schaffst du es, wieder psychisch stabil zu werden?
Indem du auf dich selbst hörst. Es gibt nichts Wichtigeres, als dich selbst zu lieben. Versuche, dich besser kennenzulernen: Was magst du? Was hasst du? Was bewegt dich? Was macht dich körperlich glücklich und was psychisch? Anstatt mich in eine Opferrolle zu begeben, stelle ich mir die schlimmstmögliche Situation vor, die eintreffen könnte und überlege mir, wie ich am besten daraus kommen könnte. Das funktioniert zumindest für mich. Du bist die Person, die dich am besten kennen und am meisten lieben sollte, deswegen musst du einen Weg finden, der speziell für dich funktioniert.

@ruihehehehehe

Foto: Jessica Barthel

Katie Kuiper, Model & Tänzerin

Welche Erfahrungen hast du persönlich mit dem Thema Mental Health?
Anfang diesen Jahres ist plötzlich Psoriasis bei mir ausgebrochen, eine Auto-Immunkrankheit, die 80 Prozent meines Körpers bedeckt hat. In dieser extremen Form war ich vorher noch nie betroffen – dementsprechend hatte es eine direkte Auswirkung auf mein Leben, meine Arbeit, meine mentale Gesundheit und meine Beziehungen. Kurz gesagt: ein sieben Monate andauernder, gefleckter Albtraum. Nachdem ich unzählige Male beim Dermatologen war, verschiedene Cremes und Lichttherapie ausprobiert habe, ist meine Haut nun endlich, abgesehen von ein paar Narben, fast Psoriasis-frei. Allerdings gibt es immer noch kein richtiges Heilmittel für diese Krankheit.

Gibt es bestimmte Trigger, die im Alltag deine mentale Gesundheit beeinflussen?
Allein, dass ich jeden Morgen meine Psoriasis behandeln musste, war eine ziemliche Hürde. Ich habe mich in meiner Haut nicht wohl gefühlt, wollte sie auf keinen Fall zeigen und wurde immer wieder vor die Herausforderung gestellt, Outfits zu finden, die meine Unsicherheit bestmöglich verdecken. Es war ein wirklich langer Prozess… Je mehr Zeit ich vor dem Spiegel verbracht habe, desto mehr litt mein Selbstbewusstsein darunter. Hinzu kamen noch die Unannehmlichkeiten der Krankheit selbst. Die Psoriasis hat mich kontrolliert und verunsichert.

Inwiefern hat die Krankheit Einfluss auf deine Arbeit genommen?
Ich hatte das Gefühl, mich vor jedem zu rechtfertigen. Vor meinen Chefs, Klienten, Agenten, Freunden und sogar vor Fremden, denen ich erklären musste, was denn mit meiner Haut los sei – und warum sie so aussieht, wie sie aussieht. Nein, Psoriasis ist nicht ansteckend. Wenn du mich berührst, wirst du nicht sterben. Psoriasis taucht dann auf, wenn du gestresst bist. Und ich habe mich wie eine gestresste, zerbrochene Schallplatte gefühlt…

@katiekuips

Ebow, Musikerin

Sind Menschen aus deiner näheren Umgebung von Problemen mit ihrer mentalen Gesundheit betroffen?
Ich würde schätzen, dass jede fünfte meiner Freund*innen unter Depressionen leidet, doch viele Menschen trauen sich nicht, offen darüber zu reden. Viele wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn Freund*innen in so einer Situation stecken. Seit meinem 18. Lebensjahr leide Ich selbst unter Angststörungen und Panikattacken. Letztes Jahr habe ich sogar eine auf meinem eigenen Konzerten bekommen. Das war der absolute Horror für mich, weil ich als Musikerin mein Geld verdiene und weiterhin auch verdienen wollte. Viele von uns vernachlässigen ihre mentale Gesundheit, weil sie nach außen nicht so präsent ist wie unsere physische. So wie wir uns um unsere Körper kümmern, müssen wir uns auch um unsere Psyche kümmern. Mein nächstes Album wird sich intensiver mit diesem Thema beschäftigen, weil selbst in der Popkultur noch immer zu wenig darüber gesprochen wird.

Was müsste sich denn ändern, damit dieses Thema relevanter wird?
Es muss ernst genommen werden. Vor allem bei Frauen* wird es oft damit abgetan, dass sie emotionaler seien oder Aufmerksamkeit bräuchten. Allgemein muss viel mehr aufgeklärt werden, damit man lernt, wie man mit Mental Health umgeht. Wir lernen ja auch, unseren Freund*innen eine Suppe vorbeizubringen, wenn sie erkältet sind. Genauso müssten wir lernen, wie wir unsere Freund*innen bei einer Depression unterstützen können. Gibt es in deinem Alltag bestimmte Auslöser, die deine mentale Gesundheit beeinflussen? Stress ist bei mir ein großer Faktor. Ich bin viel unterwegs, hetze von Termin zu Termin und muss immer wieder Deadlines einhalten. Gerade besteht meine größte Herausforderung darin, diesen Stress richtig zu bewältigen.

Gibt es in deinem Alltag bestimmte Auslöser, die deine mentale Gesundheit beeinflussen?
Stress ist bei mir, wie bei vielen anderen wahrscheinlich auch, ein großer Faktor. Ich bin viel unterwegs, hetze von Termin zu Termin, muss immer wieder Deadlines einhalten. Gerade besteht meine größte Herausforderung darin, diesen Stress, der aus all den Dingen resultiert, die ich eigentlich sehr gerne mache, richtig zu bewältigen.

@ebow.mp3

Adrian Bianco, Autor

Welche Erfahrungen hast du mit dem Thema Mental Health gemacht?
Ich habe ungefährt seit meinem 13. Lebensjahr Depressionen. Damals wusste ich aber noch nicht genau, warum und wieso oder weshalb ich mich so fühle. Ich dachte, ich sei anders und das Leben ein bisschen schwerer für mich. Das hat auch kaum jemand mitbekommen. Ich war immer eher der Clown. Aber das ist ja meistens so. Seitdem habe ich immer wieder starke, bis sehr starke depressive Phasen. Aber ich bin noch hier und gerade geht es mir gut.

Gibt es in deinem Alltag besondere Trigger, die deine mentale Gesundheit beeinflussen?
In Berlin waren es auf jeden Fall die vielen Barabende und das übliche Gift, das dort nochmal gut draufgefeuert hat. Einen normalen Kater hat man mit Depressionen nicht. Der nächste Morgen und die Tage danach sind die Hölle. Nichts, aber auch gar nichts kann dich aufheitern oder beruhigen. Natürlich weißt du das am Abend davor schon, aber ein kurzer intensiver Rausch oder diese temporäre Taubheit war schon immer verlockend. Oft gibt es leider gar keinen Trigger: Ich wache auf, die Sonne scheint und es geht mir trotzdem schlecht.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit psychische Erkrankungen bewusster wahrgenommen wird?
Zum Einen habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass es für viele Leute – verständlicherweise –unangenehm wird, wenn ich offen kommuniziere, wie es mir geht. Ich habe meinen Geburtstag dieses Jahr verpasst, weil ich 11.000 Kilometer entfernt fast komplett die Nerven verloren habe. Als ich zurück in Berlin war, habe ich auf die Frage, wo ich denn war, nur geantwortet: "Bruder, starke Depressionen. Der Tod hat nach mir gerufen, heute bin ich aber da." Danach schauen dich die Leute anders an, behandeln dich wie einen Kranken oder sorgen sich mehr um dich. Das will ich aber nicht. Mich braucht niemand mit Wattestäbchen anfassen. Zum größten Teil regle ich das mit mir selbst und würde gerne weiter ich bleiben und auch so gesehen werden. Ich habe keine Energie und Zeit für Menschen, die mit der Echtheit des Lebens nicht umgehen können.

@mrbianco

Foto: Jessica Barthel

Framacho, Tattoo Artist

Welche Erfahrungen hast du mit dem Thema Mental Health?
Ich habe ein Alkohol- und Drogenproblem. Mit 29 habe ich meinen absoluten Tiefpunkt erreicht. Dann hat es mich noch mal 1,5 Jahre gekostet, bis ich realisiert habe, dass Abhängigkeiten und Depressionen Hand in Hand gehen.

Gibt es in deinem Alltag besondere Risikofaktoren, die deine psychische Gesundheit gefährden?
Im Hier und Jetzt anwesend zu sein, kann bereits zu Fluchtmechanismen und beschissenen Gedanken führen. Ein Ersatz für Alkohol und Drogen... Das Leben an sich ist ein Risiko. An Tagen, an denen ich mich schwach und müde fühle, generell alles, das mich umgibt.

Was muss in unserer Gesellschaft passieren, damit das Thema Mental Health von obsoleten Stigmata befreit werden kann?
Hört auf Traurigkeit und Drogenmissbrauch zu romantisieren und zu tun, als wäre das der bessere Lifestyle. Als sei es der Weg um das Leben zu genießen und in vollen Zügen zu leben. Heute verstehe ich, dass all diese Dinge eigentlich eine Beeinträchtigung sind. Klar, das Leben ist scheiße und vielleicht ist es eh sinnlos, die wahre Verschwendung wäre es aber, wenn du aufhörst an dir selbst zu arbeiten. Sei offener und arbeite dir den Arsch ab. Wir brauchen mehr Bewusstsein und Nettigkeit. Jede*r kämpft mit sich, warum also nicht drüber reden? Deswegen gehe ich auch bei meiner Arbeit sehr offen mit meiner Abstinenz um – was wenn es vielleicht jemandem hilft?

Und was hast du seitdem gelernt? Hast du einen Ratschlag, den du teilen möchtest?
Suche dir Hilfe, wenn alles den Bach runtergeht. Schäme dich nicht. Alle, die dir nicht glauben oder sich über dich lustig machen, sollten aus deinem Leben ausradiert werden. Du brauchst jemanden, der dich ernst nimmt. Ich verspreche dir: die ganze Arbeit wird sich lohnen, auch wenn es nicht leicht sein wird.

@framacho

Brenda Hashtag, Journalistin

Wie gehst du mit dem Thema Mental Health um?
Wie viele andere auch, hatte ich eine relativ naive Einstellung gegenüber Mental-Health-Themen, bevor es mich selbst erwischte. Die Ansicht, eine angeschlagene seelische Verfassung hätte etwas mit Schwäche zu tun… In der Schule wurde ich auf Job-Interview Fragen vorbereitet, die wichtigste davon: Was sind deine Schwächen? Darauf sollten wir Dinge sagen wie "Ich bin manchmal zu ehrgeizig" oder "Ich bin ein Perfektionist". Niemand würde auf die Idee kommen, von seinen wirklichen Schwächen zu erzählen, weil wir denken "Wer stellt schon jemanden mit Depression ein?". Ein völlig falscher Ansatz. Egoistisch, aber so wirklich beschäftige ich mich mit Mental Health erst, seit es mich selbst betrifft, erst dann kamen richtige Empathie und Verständnis auf.

Wie spiegelt sich das Thema in deiner Arbeit wider?
Meine gesamte Arbeit als Influencer basiert auf dem Dialog zwischen mir und meinem Publikum. Ich teile anonyme Geschichten meiner Follower über unangenehme Themen und gebe jedem eine Stimme, spreche über Politik und versuche so weit wie möglich, zum Nachdenken anzuregen. Ich spreche eigentlich über alles, trotzdem war ich selten so nervös, wie in dem Moment, als ich einen Post über meine Panikattacken veröffentlicht habe. Aus Angst, dass mich jemand für schwach halten könnte. So etwas Persönliches zu teilen, kannst du nicht mal so eben rückgängig machen. Vor allem hatte ich Angst davor, dass jemand denken könnte, ich teile meine Geschichte nur, um mir Empathie zu erschleichen und erfolgreicher auf sozialen Medien zu werden. Doch die Antworten waren überwältigend positiv. Ich denke, unsere Generation wartet nur darauf, endlich offen über Mental Health zu sprechen.

Was muss passieren, damit dieses Warten ein Ende hat?

Mental Health sollte kein Tabuthema mehr sein. Es ist ein zu distanzierter Ansatz, wenn man sich eine Veränderung von der Gesellschaft wünscht. Allerdings kannst du dich selbst und dein direktes Umfeld beeinflussen – genau damit sollten wir anfangen. Sich nicht von den Medien berauschen oder ablenken lassen, ab und zu alles abschalten und sich wirklich mit sich selbst auseinandersetzen. Wie geht es mir? Wie kann ich mich verbessern? Was könnte mir helfen? Um diesen Ansatz dann auf Freunde und Familie auszuweiten.

@brendahashtag

Huyen Trang, Fotografin

Welche Erfahrungen hast du mit dem Thema Mental Health gemacht?
Wahrscheinlich hat sich jeder mal mit dem Thema auseinandergesetzt. Wir wachsen in einer Welt auf, in der wir tun und lassen können, was wir wollen – zumindest hier in Europa. Alles ist möglich. Genau das kann ziemlich belastend werden, weil du eine gewisse Versagensangst aufbaust. Du willst Arzt werden? Tu' was dafür. Du willst Konditor werden? Tu' was dafür. Du willst Fashion-Blogger werden? Tu' einfach was dafür. Aber keiner gibt dir die Garantie, erfolgreich zu werden! Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das, was ich mache, wirklich zu mir passt. Letzten Endes geht es darum, unsere Angst zu überwinden und uns selbst zu ermutigen. Es wird immer Leute geben, die dich kritisieren oder schlecht über dich reden. Dabei ist es nicht schlimm, zu versagen. Es ist menschlich und gehört zum Leben dazu. Jede Niederlage hilft, dich stärker und besser zu machen.

Gibt es bestimmte Trigger, die dich vor besondere Herausforderungen stellen?
Wir, die Digital Natives, bekommen den psychischen Druck am meisten ab. Netzwerke wie Instagram oder Facebook machen uns krank, indem sie zeigen, wie perfekt das Leben anderer scheint. Für unser psychisches Wohlergehen kann das Internet kontraproduktiv sein. Ich hatte damals Phasen, in denen ich gerne meinen Instagram-Account gelöscht hätte, weil ich angefangen habe, zu viel Zeit und Gedanken damit zu verschwenden. Ich fühlte mich von anderen herausgefordert und musste mein bestes Ich zeigen. Ich war mit meinen Nerven am Ende. Mit dem Unistress und den Familienangelegenheiten dazu stand ich kurz vor einem Burnout. Alles war zu viel, der Erwartungsdruck zu hoch.

Welchen Ratschlag hast du, damit die psychische Gesundheit stabil bleibt?
Alles, was du tust, solltest du für dich tun und nicht für andere. Sonst besteht die Gefahr, dass du dich selbst verlierst. Dann bist du ein Konstrukt dessen, was die Gesellschaft von dir erwartet, damit wirst du nicht glücklich. Mache deine Emotionen nicht abhängig von anderen. Fokussiere dich auf dich selbst, auf dein Potenzial und auf das Gute im Leben. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig Dinge vorzumachen, die nicht der Realität entsprechen. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen und vor allem das wertschätzen, was wir haben. Mehr Liebe, weniger Hass.

@huyenltrang

Foto: Jessica Barthel

Jessica Barthel, Fotografin

Wie spiegelt sich das Thema Mental Health in deiner Arbeit wider?
Was mich bei meiner Arbeit besonders inspiriert, ist die soziale Komponente – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Ich möchte die Menschen mit meinen Bildern berühren und sie dazu bewegen, sich Gedanken über die Gesellschaft, in der wir leben, zu machen. Im besten Fall regt es sie dazu an, selbst dazu beitragen zu wollen, nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das der Menschen in ihrem Umfeld ein Stückchen besser zu machen. Das ist aber nur die eine Seite. Auch der Kontakt zu den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, und dass es ihnen gut geht, ist mir wichtig. Deshalb arbeite ich beispielsweise selten mit Models aus klassischen Agenturen zusammen, denen Gewicht und Frisur vorgeschrieben wird. Ich verlängere auch nicht die Beine meiner Models um 10 Zentimeter.

Und wie kamst du darauf, dich so intensiv mit dieser gesellschaftlich Komponente auseinanderzusetzen?
Im Rahmen meiner Abschlussarbeit habe ich eine Art Glücksforschung betrieben. Ich habe mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wann es Menschen gut geht, was sie brauchen, um glücklich und mental healthy zu sein. Dabei ist mir aufgefallen, dass es für das Wohlbefinden der Menschen eine große Rolle spielt, wie man miteinander umgeht. Die Erkenntnis hat meine Arbeit stark beeinflusst.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit Mental Health weiter in das Bewusstsein rückt?
Das Bild, das wir in unserer Gesellschaft von psychischen Krankheiten haben, ist immer noch sehr negativ besetzt. Viel zu oft wird hinter stressbedingten, psychischen Erkrankungen letztendlich doch die Schwäche der jeweiligen Person vermutet. Hier sehe ich auf jeden Fall noch Änderungsbedarf und ich halte es für absolut notwendig, dass man sich auch an offizieller Stelle für eine solche Veränderung einsetzt. Die Bedingungen am Arbeitsplatz wären beispielsweise so ein Ansatzpunkt. Prinzipiell denke ich aber, dass wir auf einem guten Weg sind. Ich bin in den 90ern aufgewachsen, in einer Zeit, in der man nur mit großen Brüsten und langen Haaren als schöne Frau galt, in der Zeit, in der man nur Sport machte, um gut auszusehen, Coca Cola das It-Getränk war und nur die Großstadt für coole Leute in Frage kam.
Heute wollen wir möglichst außergewöhnliche Leute auf dem Cover haben, am besten viel Charakter und wenig Symmetrie, Yoga macht jetzt auch meine Mutti, Hygge wurde in den deutschen Duden aufgenommen und unser It-Getränk ist Kokos-Wasser. Trotz Digitalisierung und Social Media versuchen wir achtsam zu sein und die Kreativen ziehen wieder aufs Land. Seit Sex and the City ist es auch nicht mehr völlig abwegig, einmal wöchentlich zur Therapie zu gehen. In vielen Ländern gibt es einen Mental-Health-Sick-Day und schon 4-Tage-Wochen. Ich glaube wir sind auf einem guten Weg, unseren Körper und Seele in Einklang zu bringen und ein gesundes und glückliches Leben zu führen, wir müssen einfach genau so weitermachen und an uns selbst glauben.

@jessicamaraa

Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer . Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe .