Fecal Matter and Aryuna via Instagram

Wie Alien Make-up unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält

Erleben wir gerade den Beginn einer neuen Subkultur?

von Clementine de Pressigny
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17 Oktober 2018, 1:39pm

Fecal Matter and Aryuna via Instagram

Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich ein bisschen Rouge auf die Wangen geschmiert hat – jetzt wird der Kopf rasiert und die Augenbrauen gebleicht. Falls du kein Fan von Reptilien-Kontaktlinsen bist, kannst du dir auch ein paar zusätzliche Augen im Gesicht dazu schummeln.

Zwischen Akne-Empowerment, extremen Contouring und Face-Morphing-Funktionen haben soziale Medien eine einflussreiche Macht entwickelt. Eine Macht, die dazu beiträgt, mit obsoleten Schönheitsidealen zu brechen und die gesamte Beauty-Industrie auf den Kopf zu stellen – auch wenn Apps wie Instagram und Snapchat trotzdem eine unverkennbare Gefahr für die Psyche Heranwachsender darstellen. Man denke nur an die Whitewashing-Filter, Sexualisierung und Stereotypisierung...


Auch auf i-D: Wir haben die beiden Gründer hinter Fecal Matter getroffen


Seit einigen Jahren boomen auf Instagram eine Reihe von Accounts, die eine fremde Art von Glamour kreieren und komplexe Make-up-Looks kreieren, die ihres gleichen suchen. Fernab von der Ästhetik der Kardashian-Crew entstehen hier Gegenentwürfe zur vom Mainstream geprägten Perfektion, die viel zu häufig unerreichbar bleibt. Vor allem Künstler wie Salvia, MLMA und Aryuna faszinieren ihre stetig wachsende Community mit scheinbar endloser Kreativität. Zu den Vorreitern dieser neu entstandenen Szene gehört auch das Duo Fecal Matter, das durch ihre post-humane Schönheit bekannt geworden ist.

Emma Grace Bailey, Beauty-Redakteurin bei WGSN, verfolgt den Instagram-Trend schon lange: "Wir haben bereits im Jahr 2016 auf die Entstehung der dunklen, alienartigen Gothic-Schönheit hingewiesen", sagt Emma. "Eine Gruppe von Make-up-Künstlern begann in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erregen, die sich klassische Schönheitsnormen abgeneigt zeigte." Sie hat mitverfolgt, wie sich diese Bewegung aus dem Untergrund entwickelt hat. "Der Trend wächst offensichtlich gerade auf Instagram", stimmt Dr. Ruth Adams zu, Dozentin für Kultur- und Kreativwirtschaft. "Es ist eine eindeutige Gegenreaktion auf normative Schönheitsstandards – auch wenn der Arbeitsaufwand keinesfalls geringer ist."


Schönheitsideale zu kreieren, die die Gesellschaft traditionell als hässlich oder seltsam ansieht, ist keine wirklich neue Idee – siehe die frühe Punkbewegung. "Dabei wird eine sehr positive Idee des Hässlichen vermittelt, die als legitime Alternativästhetik etabliert wurde", sagt Dr. Ruth. Goths machen es schon seit Ewigkeiten, doch auch die New Romantics und die New Yorker Hardcore-Szene liebten es, mit ästhetischen Grenzen zu brechen. Aktuellere Beispiele: Emo und K-Pop. Eine extreme Interpretation von Schönheit war schon immer ein Teil verschiedener Subkulturen. Haare und Makeup gelten dabei als Erkennungszeichen, als Zugehörigkeitssymbol zur Szene. Diese visuellen Codes dienten als Erweiterungen ihrer Subkultur. Als eine Art, die Musik zu verkörpern und den dazugehörigen Lifestyle mit der Welt zu kommunizieren.

Doch diese Bewegung ist anders: sie ist nicht mit einer bestimmten Szene verbunden. Trotzdem erforscht sie gleichermaßen, wie das eigene Selbst und gesellschaftliche Ideale vorangetrieben werden können. Heute werden Identitäten häufig im Internet geformt. Diese Subkultur braucht keine reale Existenz. Salvia, Fecal Matter und Aryuna hängen nicht zusammen ab, teilen keine Beauty-Tipps untereinander und wollen auch keine Band unterstützen. Sie kreieren keine Werke zusammen und teilen auch keine gemeinsamen Interessen. Sie existieren als Gruppe, weil wir sie als Gruppierung wahrnehmen.

Obwohl sich Steven Raj Bhaskaran und Hannah Rose Dalton, aka Fecal Matter, in gewisser Weise trotzdem als Teil einer Gemeinschaft fühlen: "Was wir tun, machen wir, um die Gesellschaft zu verändern. Wir möchten mehr Freiheit und Unvoreingenommenheit etablieren", erzählt Stephen über Facetime. "Wenn wir ähnliche Menschen sehen oder jemanden, der eine neue Definition dafür findet, was es bedeutet, normal zu sein ... dann spüren wir ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir kämpfen alle für dasselbe Ziel: Veränderung."

Sie brechen alle mit binären Geschlechtsvorstellungen – ein Hauptmerkmal ihres andersartigen Glamours. Für Steven ist genau das ein relevanter Aspekt, warum er aussieht, wie er eben aussieht. "Die kompromisslose Unterstützung einzigartiger Identitäten, Persönlichkeiten und Geschlechter ist so aktuelle wie noch nie", sagt Emma. "Die Künstler zeigen eindrucksvoll, wie mächtig Beauty sein kann, um dich weiterzuentwickeln und in die Person zu verwandeln, die du sein möchtest."

Aber Hannah und Steven, die ihre Looks nicht nur für Instagram kreieren, sondern auch ihren Alltag darin bestreiten, stoßen auf jede Menge Negativität und Beschimpfungen. "Es war ein sehr schwieriger Weg dorthin, wo wir gerade sind", sagt Steven weiter. "Es ist interessant, dass es jetzt zum Trend geworden ist. Als wir angefangen haben, galt es noch als hässlich und ekelhaft. Noch heute bekommen wir diese Reaktionen, aber gleichzeitig ist es faszinierend, zu sehen, wie junge Leute diese neue Perspektive anerkennen. Vielleicht waren wir ein Teil dieses Prozesses, aber jetzt liegt es nicht mehr in unseren Händen. Es ist viel größer als wir es sind.”

Dr. Ruth sieht eine Verbindung zwischen ihrem besonderen Aussehen und der Avantgarde-Kunst von Hans Bellmer, George Grosz und Otto Dix: "Sie zelebrieren die Hässlichkeit einer Unterwelt, machen sie schön und bringen sie in das allgemeine Bewusstsein. Dinge, die als beschämend angesehen oder versteckt worden wären. All das ist jetzt ein Zeichen von künstlerischem Talent und Können.”


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Für Ruth ist die Referenz zu Künstlern wie Hans Ballmer ein Spiegel für das politische Klima, in dem er und seine Kollegen arbeiteten. "Denkt man an den deutschen Modernismus, denkt man auch an den langsam aufkommenden Faschismus, der sich zu dieser Zeit etablierte. Es war eine Art Widerstand gegen Unterdrückung, Totalitarismus, gegen die auferzwungenen, normativen Verhaltensweisen. Es war ein Zeichen für die Meinungsfreiheit und gleichzeitig ein Symbol wie sehr diese eingeschränkt wurde…"

Emily stimmt diesem Gefühl zu. "In einer Welt, die ungeordneter zu sein scheint als jemals zuvor und nur von wenigen voreingenommenen Menschen geführt wird, wurde unser Verständnis von Sicherheit zerstört. Um gegen die Flut von Rassismus, Sexismus und Terrorismus zu kämpfen, bildet die junge Generation Gruppierungen, die Proteste unter ihren eigenen, ganz speziellen Bedingungen generiert.”

Genauso wie Schönheit hat sich auch die Bedeutung von dem Begriff Subkultur durch soziale Medien verändert. Kulturelle Strömungen entwickeln sich, verschwimmen miteinander, bauen aufeinander auf und verändern die Ansichten von Menschen in rasanter Geschwindigkeit. Social Media ist zu einer Ausdrucksplattform geworden, um die eigene Identität zu erforschen und politische Statements zu setzen – so wie es Subkulturen früher getan haben. Vielleicht ist diese Form der andersartigen Schönheit und ihre Relevanz so schnell verflogen, wie drei Augen blinzeln können. Vielleicht verbindet sie aber auch nur auf einem oberflächlichen Level. Doch egal für welche Variante du dich auch entscheidest: Andersartige Schönheit hat vor allem zur heutigen Zeit die Kraft, gängige Denkmuster zu durchbrechen.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.