Selbst-Isolation für Introvertierte

Die Aussicht, ein paar Wochen zu Hause zu verbringen, ist nur halb so lustig, wenn du deinen Wohnraum mit zig anderen teilst. Dieser Leitfaden hilft, Einsamkeit wie soziale Überlastung zu vermeiden.

von Douglas Greenwood
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23 März 2020, 5:00am

Als im Büro die Neuigkeit die Runde machte, dass infolge der Verbreitung von COVID-19 alle ab sofort von zu Hause arbeiten würden, überkam dich vermutlich eine Mischung aus Besorgnis und Erleichterung. Einerseits ist die Nachricht beängstigend, dass das Virus sich mit so großer Geschwindigkeit ausbreitet; andererseits ist es ein Segen, dass du bis auf weiteres dem schmutzigen Nahverkehrssystem ausweichen kannst und nicht länger den Luftraum mit hunderten Kollegen teilen musst.

Wenn du introvertiert bist, ist die Vorstellung von Selbst-Isolation und sozialer Distanzierung vielleicht fast eine Entlastung. Endlich hast du deinen eigenen Raum und musst nicht länger vor Small Talk fliehen. Dein Zuhause ist ein sicherer Ort, und beim Absagen sozialer Verpflichtungen musst du dich einmal nicht unzulänglich fühlen, sondern darfst dir umsichtig und verantwortungsbewusst vorkommen.

Die Tür fällt in die Angel und du bist in deinem Element. Sollte man meinen, aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Wenn du zu Hause lebst oder in einer Großstadt mit Immobilienkrise, stehen die Chancen nicht schlecht, dass du deinen Wohnraum mit einem Haufen anderer Leute teilst, seien es Familienmitglieder, WG-Genossen, Partner oder Freunde. Bis jetzt stand es dir offen mal schnell rauszugehen auf einen Spaziergang oder ins Kino, um ein bisschen Zeit mit dir selbst zu verbringen. Plötzlich aber sind deine Optionen eingeschränkt. Das Zeitfenster, in dem du deinen Mitbewohnern über den Weg laufen kannst, dehnt sich mit einem Mal von ein paar Stunden auf den ganzen Tag aus. Wenn dir dein eigener Bereich wichtig ist, dann kann das rasch zu viel werden. Hier sind ein paar Tipps, um diese äußerst merkwürdige und ungewisse Zeit zu überstehen.

Mach dein Zimmer zu deinem Zufluchtsort

Sofern du nicht mit einem bestätigten Fall von Coronavirus in Kontakt gekommen oder in Länder gereist bist, die als Gefahrenzone deklariert sind, musst du nicht die ganze Zeit drinnen oder in einem Einzelzimmer verbringen. Wenn du dich frei durchs Haus bewegen kannst, sorge dafür, dass dein Schlafzimmer eher ein Rückzugsort ist und nicht zu deiner neuen Heimat wird—sogar die Küche ist ein besserer Ort, um Zeit totzuschlagen, als das Zimmer, in dem du schläfst. Räum dein Zimmer auf, steck ein Kerze an, und tu Dinge, die dich glücklich machen, anstatt darin zu arbeiten. Falls dir später tatsächlich einmal Zimmerarrest blüht, hast du so einen Ort, der sich wie ein sicherer Hafen anfühlt und nicht wie ein Gefängnis.

Setz dir Ziele

Eine Nebenwirkung dieses ganzen Selbst-Isolations-Dings ist, dass dein Produktivitätslevel merklich sinken wird. Wie Schuppen fällt es dir von den Augen, dass der Slack-Chat in Pyjamas— surprise, surprise—in Wirklichkeit doch kein Luxus ist, sondern ein deprimierendes Symptom des Spätkapitalismus wie er noch die letzten Winkel deines Lebens kolonisiert. Ob du arbeitest oder einfach einem Hobby nachgehst—Stricken, Schreiben, was auch immer—, setz dir klare Ziele, und sei es als Vorwand, um all die eintönigen Nervtöter auszublenden, die einfach nicht die Klappe halten können. Mach hinne! Und vielleicht geht dir am Ende auf, dass unter Leuten zu sein so schön sein kann wie das Prokrastinieren mit Bürokollegen. Kontext ist alles!

Schirm dich nicht komplett ab

Seien wir ehrlich, die Versuchung, dich in deinem Schlafzimmer einzusperren und dein Ding zu machen, kann überwältigend sein—mit oder ohne Virus. Bedenke jedoch, dass das vielleicht gerade nicht die produktivste Option ist. Mit Menschen zu sprechen und sich zu besinnen, dass wir selbst in der Isolation nicht allein sein müssen, ist ungeheuer wichtig. Nimm dir Zeit für dich selbst und scheue dich nicht, hin und wieder das Weite zu suchen, um dich mit dir selbst zu beschäftigen. Aber bleib in Kontakt mit denen, die dir am nächsten stehen (abhängig vom Gesundheitsstatus, versteht sich!) und quatsch regelmäßig mit ihnen. Unser Flucht- oder Kampf-Instinkt lenkt unsere Aufmerksamkeit stets auf potenzielles Unglück oder Gefahr; hin und wieder etwas anderes zu besprechen als die Nachrichtenlage, kann Wunder tun, um uns allen ein kleines bisschen Hoffnung einzuflößen.

Rede über deine Unsicherheit

Introvertierte Menschen erleben in sozialen Situationen oft quälende Unsicherheit, weshalb wir uns gerne hinter verschlossene Türen zurückziehen. Oft wenn du gezwungen bist, dich in Gesellschaft zu begeben, um ein Gefühl von Normalität zu wahren, hältst du lieber deinen Mund, damit die anderen nicht denken, du seist ein Weirdo—lieber Leser, tu das nicht! Lass es dir von jemandem gesagt sein, der sich so vor Krankheitserregern und Bakterien fürchtet, dass er seine Hände in den letzten zehn Jahren 20 Mal pro Tag gewaschen hat: Jetzt ist die Zeit, um den Leuten zu sagen, dass du über etwas unglücklich bist. Jemand wäscht sich nicht die Hände vorm Kochen oder weigert sich aufzuräumen? Genau jetzt, um Himmels willen, wo ihr alle im selben Haushalt aufeinander hockt, ist der Zeitpunkt gekommen, es ihnen geradeheraus zu sagen. Die kurzfristige Verlegenheit ist weniger schlimm als du sie dir in deinem Kopf ausmalst.

Und vergiss nicht: Alles geht vorüber.

Introvertiert oder nicht: Dies ist eine Sache, die du während der Selbst-Isolation nicht vergessen solltest. Die Zukunft mag im Moment ungewiss und fürchterlich aussehen, und die Vorstellung zu Hause festzusitzen kann sich anfühlen, als ob es kein Ende hätte—aber das täuscht. Alles geht vorüber, auch der aktuelle Ausbruch von COVID-19. Das beste, was du in der Zwischenzeit tun kannst, ist wachsam zu bleiben, deine Hände zu waschen und dein Gesicht nicht anzufassen—und dich daran zu erinnern, dass am anderen Ende des Tunnels eine Menge Spaß auf dich wartet. Hab Geduld und sitz es aus, sag Pläne ab, die dich nervös machen könnten, und genieße für eine Weile die Vorteile deiner eigenen Gesellschaft. In nicht allzu langer Zeit wird alles besser sein.

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