Fotos Ray Chun

Diese aufblasbaren Hosen sorgten auf der Fashion Week für Furore

Der Modestudent Harikrishnan spricht mit uns über seine Abschlusskollektion am Londoner College of Fashion—inklusive aufblasbarer Latexhosen, die Instagram in hellen Aufruhr versetzten.

von Ryan White
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11 März 2020, 6:45am

Fotos Ray Chun

Der sechsundzwanzigjährige Harikrishnan wurde diese Woche der jüngste Londoner Student, dessen erstaunliche Abschlusskollektion im Internet Wellen schlägt. Auf der Show des Masterlehrgangs am London College of Fashion präsentierte Harikrishnan Herrenmode, die in ihrer Einfachheit elegant und tragbar war, in ihren dramatischen Spitzen aber große Kunst. Neben aufwändigen, mit Perlen versehenen Zweiteilern und schachtelförmigen Bolero-Jacken fanden sich eine Reihe äußerst aufblasbarer Hosen. Instagram drehte durch, wie es seine Art ist.

Die Idee dazu kam Harikrishnan beim Spielen mit seinem Hund. “Ich war mir bewusst, wie sehr die Sicht eines Hundes sich von der unseren unterscheidet, aber der interessante Aspekt war die Verzerrung von Objekten von einem so niedrigen Blickpunkt aus gesehen. Es ließ mich an Fischaugen-Bilder denken”, sagt er, einen Tag nach der Show. “Der Gedanke, dass der Hund mich wahrscheinlich als diese gigantische Figur wahrnimmt—oder dass er meinen Kopf gar nicht sehen kann: Davon ausgehend habe ich beschlossen, die Leute um mich herum visuell neu zu erfinden.”

Ursprünglich aus Kerala, ein südlicher Bundesstaat Indiens, absolvierte Harikrishnan einen BA in Modedesign am National Institute of Fashion Technology in New Delhi und assistierte 2015 Suket Dhir, dem Gewinner des Woolmark-Preises, in Delhi, bevor er sich am LCF einschrieb. Für seine Abschlusskollektion wollte Harikrishnan eine neue Perspektive entwickeln, wie Kleidung getragen werden kann. “Ich wollte die Essenz der menschlichen Form finden in einer Dimension, die über das Normale hinausgeht—ohne jedoch grotesk zu werden”, sagt er. “Es ist eine Feier der Extreme der menschlichen Form.”

harikrishnan
Photography Francisco Rosas

Die Kollektion ist der Endpunkt deines Studiums: Was wolltest du damit am meisten ausdrücken?
Es war mir ein Anliegen, die in der Modeindustrie vorherrschenden Größenverhältnisse zu kritisieren. Ich wollte von Anfang an etwas schaffen, das die Betrachterin anspringt, anstatt einfach nur vor ihrem visuellen Horizont vorüberzuziehen. Ich möchte, dass ihre Augen ausnahmsweise einmal stehen bleiben und nachdenken. Ich glaube, dass die Leute nur dann anfangen werden, ihre Sehgewohnheiten zu hinterfragen, wenn sie etwas Ungewöhnliches zu Gesicht bekommen.

Die aufblasbaren Hosen haben viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wie hast du sie entworfen?
Meine Schnittmethode für die aufblasbaren Komponenten ist eine Adaption des “Morphing”—ein traditionelles Verfahren, um Fotografien zu verzerren, indem du mehrere, aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommene Fragmente desselben Gegenstands zusammenstellst, so ähnlich wie der Ansatz des Künstlers Jean-Paul Goude. Die endgültige 3D-Form der Hosen wurde anschließend in Mini-Tonmodelle transformiert und dann in Fragmente geschnitten. Diese Fragmente wurden abgestuft, in Latex geschnitten und dann in verschiedenen Winkeln zusammengeklebt mit starkem Contouring, um diese anatomisch unmöglichen Formen zu kreieren. Für diesen visuell auffälligen Ansatz wurden die Elemente in kontrastierenden Streifen arrangiert, damit die Formen noch dreidimensionaler erscheinen. Das Ergebnis sind bewegte Skulpturen, die außerdem die Augenbewegung des Betrachters lenken. Es dauerte annähernd 48 Stunden, ein einziges Paar dieser Hosen herzustellen. Wenn sie fertig sind, wird Luft durch ein 7mm-Ventil am Hosenboden eingelassen.

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Photography Ray Chung

Siehst du sie als Modeartikel oder eher als etwas, das unsere Vorstellung von Bekleidung verändern soll?
In einer Zeit, in der wir mehr visuellen Eindrücken ausgeliefert sind als notwendig, finde ich mich oft in einem Zustand visueller Gleichgültigkeit oder Abschwächung wieder. Gerade im Modebereich sehe ich überall dieselben Bilder und ähnliche Proportionen. Wenn das der Fall ist, dann werden meine Gedanken eindimensional und banal bleiben. Wie wir den Körper sehen, hängt komplett davon ab, von wo aus wir ihn sehen. Wie die Venus von Willendorf, die in den Proportionen gestaltet wurde, die du wahrnimmst, wenn du deinen eigenen Körper ansiehst. Diese Art, auf sich selbst zu blicken, verändert unsere Körperwahrnehmung. Ich will Bilder schaffen, die sich weit vom Zustand der Gleichgültigkeit entfernen und die Leute zum Nachdenken bringen—und dazu, die Relevanz der vorherrschenden Proportionen zu hinterfragen. Genau darum manipuliert meine Kollektion die Psychologie des Vertrauten und des Fremdartigen: um Bilder zu erzeugen, die die Kleidung zur Skulptur erheben und den Betrachter zum Nachdenken bewegen.

Erklär uns ein bisschen, wie du Latex einsetzt.
Ich wollte nicht in den Fetischbereich geraten. In dem Augenblick, wo du Latex benutzt, ergibt sich sofort so ein Fetisch-Vibe. Das wollte ich von Anfang an vermeiden; ich musste mit Mustern und Farben experimentieren, um aus dem herkömmlichen Fetisch-Narrativ auszubrechen.

Es drängt sich natürlich der Vergleich mit den Arbeiten von Fredrik Tjærandsen auf. Was hältst du von seinen aufblasbaren Ballon-Designs?
Seine Kreationen sind atemberaubend schön. Ich glaube, ich war gerade dabei, meine Prüfungen zu machen, als er seine Kollektion am Central Saint Martins College präsentierte. Es war interessant seine Interpretation aufblasbarer Kleidung zu sehen.

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Photography Ray Chung

Die Perljacketts sind auch sehr schön, und so fein gearbeitet. Hast du das alles von Hand gemacht?
Die Perlenoutfits wurde in Kollaboration mit der sehr alten Handwerksgemeinschaft GI TAGGED entwickelt, die in Südindien Spielzeug herstellt. Durch tragbare Objekte habe ich versucht, die Kunst der Spielzeugherstellung im Kontext nachhaltiger Mode neu zu definieren und interpretieren.

Die Community fertigt Perlen von Hand, aus mit Pinienwachs poliertem und lackiertem Holz. Es war ein schwieriges Unterfangen, vor allem wegen der Sprachbarriere. Ich musste ihnen außerdem erst beibringen Muster zu kreieren und zu verbinden, was neu für sie war. Sie brauchten etwas Zeit, um sich anzupassen und zu lernen.

Ich komme aus einem Land tausender regionaler Kunstgewerbe. Manche sind Jahrhunderte alt und werden heute nur noch von einer Handvoll Menschen ausgeübt. Nachdem ich 2012 meinen BA am National Institute angefangen hatte, arbeitete ich mit vielen Handarbeitern und -arbeiterinnen aus allen Ecken des Landes. Oft heißt es, das Handwerk sei obsolet, weil es sich nicht mehr weiterentwickelt, aber ich wünschte, die Leute wüssten seinen Wert zu schätzen—wie eine Perle. Das mag komisch klingen. Aber aus meiner Sicht verdient etwas, das zu 110% handgemacht ist, heutzutage das Etikett “kostbar”.

Was machst du als nächstes?

Ich will neue Dialoge anregen und unverbrauchte Blickweisen auf Design und Mode entwickeln. Außerdem will ich mit Jean-Paul Goude zusammenarbeiten (in meinen Träumen)!

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