"Ich habe mir alle meine Emotionen von der Seele geschrieben"

Die Kanadierin Tommy Genesis ist mit einem neuen Album zurück. Wir haben mit ihr über 'Goldilocks x' gesprochen.

von Julika Reese; Fotos von Elena De Santiago
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24 September 2021, 9:53am

Goldilocks ist dieses Gefühl, wenn sich etwas einfach richtig anfühlt. Es ist, wie wenn man einen Raum betritt und plötzlich alles Sinn ergibt, man aber gar nicht genau sagen kann warum“, erklärt Tommy ihren Albumtitel. „ X ist der unbekannte Faktor, das experimentelle Element, der Punk.“ Die selbsternannte Fetisch-Rapperin Tommy Genesis provoziert gerne mit direkten Lyrics und knappen Outfits, ihr neuestes Album ist ein Mix aus Rap, House-Pop und Dancefloor-Nummern. Am Ende der Platte verändert sich die Stimmung mit balladenhaften closing tracks, Tommy lässt sich eben auch musikalisch nicht so leicht kategorisieren. In unserem Interview spricht sie über kreative Kontrolle, während der Albumproduktion und ihre anstehende Tour.

Tommy, über dein neues Album hast du gesagt: „Ich will, dass meine Platte der Soundtrack zum Leben der Leute wird. I want them to cry to it and I want them to fuck to it.“ 
Ja genau! Auf dem Album gibt es einen Song für jede Stimmung, mit ganz unterschiedlichen Vibes. Ich habe das gar nicht beabsichtigt, man hört darauf eben einfach die verschiedenen Emotionen, die ich während der Aufnahmen gefühlt habe. Es gibt Tracks, die man in Clubs spielen kann, aber es gibt auch Songs mit einer sehr langsamen Energie. Manifesto ist perfekt wenn man ausgehen will, Hurricane ist eher sentimental. Das Album ist sehr ehrlich geworden, hoffentlich spürt man das und kann sich vielleicht in den Tracks wiederfinden.

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Wie lange hast du an Goldilocks x gearbeitet?
Vor zwei Jahren habe ich erste Skizzen dafür entworfen, aber wirklich intensiv war ich ein Jahr mit dem Album beschäftigt. Letzten September habe ich den finalen Song aufgenommen, im Februar war alles fertig gemixt und produziert und dann haben wir Pepermint gedroppt, dann A woman is a god und jetzt ist das Album erschienen. Es war ein verdammt intensiver, aber auch schöner Arbeitsprozess.

Wovon hast du dich bei deinem Album inspirieren lassen? Das letzte Jahr war schließlich für jeden von uns eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Meine Songs sind unglaublich persönlich, wenn ich ins Studio gehe, schreibe ich über Dinge, die mich in dem Moment beschäftigen. Bei meiner Kunst geht es darum, sich zu erlauben, Gefühle wirklich zuzulassen und in das Medium Musik zu übersetzen. Das letzte Jahr war für uns alle emotional überwältigend, aber aus dieser verwirrenden Zeit ist auch viel großartige Musik entstanden. Mich ganz auf das Album zu konzentrieren, hat mir geholfen, nicht verrückt zu werden. Ich hatte schließlich eine Aufgabe.

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Gibt es manchmal Momente, wo du hin- und hergerissen bist, wie viel Privates du mit der Öffentlichkeit teilen willst?
I just say what I want to say, always. Für mich sind meine Songs eigene kleine Welten, ich gehe beim Schreiben nicht strategisch vor, sondern rein intuitiv. Als Künstlerin fühle ich mich aber schon verletzlich, wenn ich mein Werk nach einem so langen Entstehungsprozess plötzlich mit der Welt teile und weiß, dass es von Kritikern beurteilt wird. Deshalb muss man ganz bei sich sein und nur veröffentlichen, wohinter man wirklich steht. Dann ist alles andere eigentlich egal.
Wenn mir jemand sagt, dass meine Musik ihn berührt oder ihm geholfen hat, durch eine schwere Zeit zu kommen, ist es das schönste Kompliment, das ich bekommen kann. Ich will dann sofort an neuen Songs arbeiten. Trotzdem ist es nicht der Grund, weshalb ich Kunst mache. Es ist mein Ausdrucksmittel, ich brauche das für mich selbst. Beim Produzieren denke ich deshalb auch nicht darüber nach, wie meine Musik wohl bei anderen ankommen wird. Ich bin dabei ganz bei mir. 

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Dein Album ist eine Verschränkung von Be- und Entschleunigungstracks, erzähl doch mal, wie du es komponiert hast.
Mir ging es darum, einen unverwechselbaren Sound zu finden, der sich anders als mein letztes Album anhört. Ich wollte neue Akzente setzen. Die ersten fünf Nummern auf goldilocks x sind hochgepitcht und sehr dynamisch, high energy. Baby, Fuck u u can’t make me cry und Hurricane am Ende haben hingegen einen sehr slowen vibe, ich liebe diesen Teil des Albums. Es ist der persönlichste Part, diese Songs sind wie Balladen.

Gibt es einen Song, der dir ganz besonders am Herzen liegt?
Hurricane ist mir wirklich wichtig, weil ich darauf viel von mir preisgebe, aber ich habe zu jedem Song eine tiefe Verbindung. Für mich sind die Tracks durch das Album miteinander verbunden und genau in dieser Anordnung so besonders. But they are all my babies, don’t make me choose. I love you all.

Denkst du manchmal schon darüber nach, wie sich Songs live anhören werden, während du sie produzierst?
Wenn ich einen Song aufnehmen, denke ich eigentlich über gar nichts nach. Es geht nur darum, was ich gerade fühle. Erst wenn alles fertig ist, überlege ich, was ich mit den Songs live machen könnte, welche Videoästhetik dazu passt und in welcher Reihenfolge sie auf dem Album angeordnet sein sollen.

Der Song Woman is a god erinnert mich an das Gefühl, nachts wegzugehen und zu hoffen, dass man einen besonderen Menschen kennenlernt. Oft werden diese Erwartungen natürlich enttäuscht. Hoffnung und Ernüchterung kann man ja gerade im Nachleben innerhalb kürzester Zeit erleben. „In the back of the line at the club on your block, with no friends, just your phone at your ear.Try to make it seem like someone cares about you still and that someone's really real. You're in the club now, dark room, perfume.“
Lustig, dass du das sagst, denn der Song erinnert mich an Europa. Ich denke dabei an einen Club, vielleicht in Paris oder Berlin. Der Track ist sehr moody und hat eine roughe Energie. Es geht darum, unterwegs zu sein, sich unter Leute zu mischen, aber sich auch selbst genug zu sein. Als ich den Song geschrieben habe, hatte ich auf jeden Fall das Szenario im Kopf, irgendwo fucked up in Europa zu sehen.

Bei dem Video zu Peppermint hast du Regie geführt, wie wichtig ist dir kreative Kontrolle?
Sehr wichtig! Ich sehe mich als visual artist, nicht nur als Musikerin. Wenn jemand, der mich begeistert, ein Album veröffentlicht, bin ich natürlich auf die Songs gespannt, mich interessiert aber genauso, wie alles visuell präsentiert wird. Wie sieht das Cover aus, was für Kostüme trägt jemand bei seinen Shows. Nach der ganzen harten Arbeit der Albumproduktion ist es großartig, sich endlich den gestalterischen Fragen widmen zu können. It makes you feel like a powerful creator.

Nach der kargen Zeit der letzten Monate sind endlich wieder Konzerte möglich, du gehst ja 2022 auch auf eine 2-monatige Welttour. Steigt die Nervosität und Vorfreude schon? 
It’s so wild, I’m feeling all the feels. Ich muss jetzt anfangen, Texte für die Shows auswendig zu lernen und mich darauf vorbereiten, wieder zu performen. Ich bin so gespannt auf die Reaktionen der Leute und welche Songs sie besonders lieben werden. Für die Shows will ich die ganze Bandbreite meiner Persönlichkeit kreativ ausschöpfen. Der Sound, der Look, die ganze Inszenierung soll zu einem Gesamtkunstwerk werden. Mehr will ich noch gar nicht verraten.

Für die nächsten Monate ist bei dir wirklich viel geplant, dein Terminkalender hat derzeit wahrscheinlich kaum noch Lücken. Du hast alles richtig gemacht, die Zwangspause letztes Jahr hast du genutzt, um an einem neuen Werk zu arbeiten und jetzt kannst du es vor euphorischen Fans vorzustellen. Alle werden dankbar sein, endlich wieder auf ein Konzert gehen zu können.
Yeah, es ist ziemlich perfektes Timing, denn es fühlt sich so an, als würde sich die Welt langsam wieder öffnen. Ich freue mich riesig, mit dem Album im Gepäck an die verschiedensten Orte zu reisen und mit meinen Songs live Spaß zu haben. I’m about to go off!

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Fotos: Elena De Santiago

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