Beyoncé-Choreograph Sedrig Verwoert: “Mein Tanz ist queerer Tanz”

Calvin Klein feiert Pride – und wir bei i-D haben mit jungen, queeren Künstler*innen aus ganz Europa gesprochen, um Pride noch sichtbarer zu machen. Als erstes stellen wir den Amsterdamer Choreographen Sedrig Verwoert vor, der erzählt, wie er durch das Ta

von Created with Calvin Klein
|
01 Dezember 2020, 5:58pm

Das Jahr 2020 war alles andere als eine große, geile Party – vor allem für queere Menschen, die weder einen CSD noch in ihren safe spaces feiern konnten. Dennoch hat die queere Community mit großer Hartnäckigkeit bewiesen, dass es mehr gibt, als nur Partys und Paraden, um sich zu zeigen und zu feiern. Denn: Queer Pride ist etwas, das jeder in sich selbst trägt und dadurch jeden Tag aufs Neue zelebrieren kann. 

Um genau diesen Spaß am Selbstausdruck zu feiern und das volle Spektrum der LGBTQIA*-Identitäten zu feiern, launcht die Modemarke Calvin Klein nun #PROUDINMYCALVINS. Eine Kampagne, mit der neun innovativen, queeren Persönlichkeiten von überall auf der Welt eine Plattform gegeben wird, um ihr authentisches Selbst in einer Reihe von Videos und Bildern auszudrücken. In diesem Jahr hat Calvin Klein außerdem verschiedene Vorreiter der queeren Community zusammengetrommelt, um Themen wie Liebe, Familie, Coming-Out und Identität zu thematisieren.

Natürlich darf bei Calvin Klein auch die Mode nicht zu kurz kommen, immerhin ist sie ein Teil des Selbstausdrucks und der Kern der Marke: Zu #PROUDINMYCALVINS wurde eine Pride-Kollektion gedroppt, die das ganze Jahr über erhältlich ist – nicht nur, wenn gerade CSD-Saison ist.

Wir bei i-D möchten Teil dieses Movements sein und haben fünf aufstrebende LGBTQIA-Künstlerinnen gefragt, was ihnen Pride bedeutet, welcher Community sie sich zugehörig fühlen, was das queere Leben in ihrer Stadt so aufregend macht und welche Veränderungen sie sich für die queere Gleichberechtigung in der Zukunft wünschen. 

Der erste Künstler unserer Reihe ist Sedrig Verwoert. Er begann im Alter von drei Jahren zu tanzen. Mittlerweile steht er auf den bedeutendsten Bühnen der Welt. Nach einer weltweiten Tournee mit Tanz-Institutionen aus New York und Israel ist er nun zurück in Amsterdam, wo er sich als Choreograph und Movement Director verwirklicht: Er arbeitet unter anderem mit dem niederländischen Staatsballett, Pop-Queen Beyoncé und dem Modegiganten Calvin Klein zusammen. 

IMG_3118v2.jpg

Was bedeutet Pride für dich?
Es bedeutet sich in seiner eigenen Haut wohl zu fühlen und zu wissen, wer man ist. Pride – oder auch Stolz – ist, wenn du mit erhobenem Haupt durch die Welt gehst, ohne eingebildet oder arrogant zu sein. Es geht darum zu glauben, dass sich alles immer zum Positiven wendet. Und auch Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für andere Menschen in seiner Community. Das Schönste an Pride ist aber, dass man es sehen kann. Mich macht es glücklich, andere Menschen zu erleben, die sich wohl in ihrer Haut fühlen – das ist pure Inspiration.

Was an deiner Arbeit erfüllt dich mit Stolz?
Die Connections. Für mich ist meine Arbeit wirklich eine Art der Verbindung, anderen Menschen neue Denkanstöße zu geben. Ich verstehe, dass wir in Zeiten von sozialen Netzwerken wie Instagram leben, aber wir dürfen nicht vergessen, wie wichtig zwischenmenschliche Interaktion ist. Das ist es, worin ich am meisten Freude in meiner Arbeit finde.

IMG_3328.jpg

Wie hat dir das Tanzen geholfen, dich selbst kennenzulernen und deine Identität auszudrücken?
In der Tanz-Community gibt es sehr viele Menschen, die sich als queer identifizieren – aber es gibt auch oft Einschränkungen, vor allem in der Gesellschaft. Es gibt zum Beispiel die Idee, dass ein Mann maskulin zu sein hat. Im Tanz gibt es aber verschiedene Ausdrucksweisen und ich war schon immer daran interessiert, mich mit meiner inneren Freiheit zu verbinden und mit beiden Teilen, meiner Maskulinität und meiner Feminität, zu spielen – ich verkörpere beides. 

Als ich nach zweieinhalb Jahren aus Israel zurück nach Amsterdam kam, fing ich selbst an zu recherchieren und meine eigene Methode zu entwickeln, mich auszudrücken. Ich habe in meinem Leben so viele queere Identitäten getroffen, die so inspirierend sind und fühlte dadurch den Drang, selbst queere Kunst zu schaffen. Es war ein Weg, auf dem ich reflektieren konnte, was es bedeutet, ein schwarzer, queerer Performer zu sein, der seine Arbeit präsentiert, beziehungsweise seinen Körper in der Kunst mit dem Publikum teilt. In meiner Arbeit gibt es sehr viele urbane und zeitgenössische Einflüsse, aber ich würde vor allem sagen, dass mein Tanz queerer Tanz ist. 

Was sind die besten Dinge daran, als queere Person in Amsterdam zu leben?
Amsterdam ist eine sehr diverse, sehr junge Stadt. Ich habe das Gefühl, dass sie mittlerweile auch als Ort wahrgenommen wird, in der Künstler*innen leben und arbeiten. Das war nicht immer so. In der Schule sagten die Leute damals immer, man müsse hier oder dort hingehen, aber niemand sagte mir, ich solle zurück nach Amsterdam kommen und mich auf das fokussieren, was bereits da ist. Seitdem ich zurück in der Stadt bin, habe ich das Gefühl, hier etwas aufgebaut zu haben.

IMG_3359_v2.jpg

Siehst du dich selbst als Teil einer bestimmten Community?
Ich sehe mich nicht unbedingt als Teil einer bestimmten Gruppe, aber, sagen wir mal, mir ist bewusst, dass ich Teil einer Generation von Künstlerinnen bin, die abseits der traditionellen Wege ihren Durchbruch feiern – und ich bin einer der Repräsentantinnen davon. Ich weiß zum Beispiel, dass ich beim niederländischen Staatsballett der einzige schwarze, queere Künstler bin. Es geht also nicht nur darum, dass ich dort bin und mein Ding durchziehe. Ich muss mir den Hintern aufreißen, damit beim nächsten Mal mehr von uns solche Jobs bekommen. Es geht darum, Raum für Menschen wie uns auf solchen Plattformen zu schaffen. Das ist mir sehr wichtig.

Oft wird gesagt, dass die erste Pride-Parade ein Protest war – ein halbes Jahrhundert nach Stonewall: Was glaubst, wofür wir heute noch kämpfen müssen?
Gleiche Rechte. In letzter Zeit wurde mir Queerphobia viel bewusster. Es gibt immer noch so viele Vorurteile gegenüber queeren Menschen. In Europa gibt es Länder, in denen Menschen immer noch für ihre Rechte kämpfen müssen. Es gibt eine lange Liste von Dingen, die wir tun können, um Dinge besser zu machen und mehr inkludierende Umwelten und sichere Räume zu schaffen. Wir müssen laut werden – immerhin liegt es in unser aller Verantwortung, die Gesellschaft zu einem besseren Ort zu machen.