Wie sich "Tote Mädchen lügen nicht"-Star Tommy Dorfman für die LGBTQ-Community engagiert

Wir haben den Schauspieler zum exklusiven Interview in L.A. getroffen und mit ihm über seine Arbeit mit ASOS und GLAAD gesprochen und darüber, warum ein Bild auf Instagram zu posten noch lange kein Aktivismus ist.

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Nov. 6 2017, 9:19am

"Auf Twitter etwas zu posten, braucht nicht viel. [...] Aber das verändert nicht unbedingt etwas. Änderung bedeutet, zu Demos zu gehen, auf Veranstaltungen zu sprechen — eben alle Dinge, die nicht ein bisschen glamourös sind", erklärt Tommy Dorfman während der Launch-Party zur neuen Kollaboration zwischen dem Online-Händler ASOS und der LGBTQ-Organisation GLAAD über den Dächern von Los Angeles. Der 25-Jährige weiß, wovon er spricht. Bekannt wurde er durch seine Rolle als Außenseiter Ryan Shaver in der Netflix-Hitserie Tote Mädchen lügen nicht über den Selbstmord einer Teenagerin. Die Serie machte den jungen Amerikaner über Nacht zum Star. Eine Aufmerksamkeit, die Tommy seitdem für Gutes nutzt. Immer und immer wieder macht er sich für die Rechte der LGBTQ-Community stark, ist bei Protesten in der ersten Reihe mit dabei, organisiert Demos, spricht Probleme an und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine eigenen Erfahrungen als junger queerer Mensch geht.


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Nun wurde er als Kampagnengesicht für die erste Kollektion der Together-Bewegung verpflichtet. Die Together-Bewegung – erkennbar an ihrem Symbol & – wurde erst vor Kurzem von GLAAD, mit dem Ziel marginalisierte Gruppen zusammenzubringen, begründet.

"Tommy ist in vielerlei Hinsicht der wahrgewordene Traum. Nicht nur ist er ein junger, hotter Schauspieler, er ist auch ein Aktivist. Er kennt die Probleme und geht weiter als nur zu sagen: Ich bin ein schwuler Schauspieler, ich will helfen", erklärt Anthony Ramos, Sprecher von GLAAD, die Wahl. "Er geht raus, er lernt und er nutzt seine Stimme, um zu zeigen, was nicht passieren sollte. Wir hätten uns niemand besseren vorstellen können, um unsere erste Kampagne auf den Markt zu bringen." Wie die US-Wahlen seinen Aktivismus verändert haben und warum es lange nicht genug ist, nur ein Bild auf Instagram zu posten, hat Tommy uns im Interview verraten.

Die Together-Kampagne von GLAAD will Menschen zusammenbringen und mehr Aufmerksamkeit für die Rechte der LGBTQ-Community schaffen. Wo stehen wir, deiner Meinung nach, wenn es um die Akzeptanz dieser Community geht?
Wenn du mich das vor einem Jahr gefragt hättest, hätte ich dir geantwortet, dass sich in Amerika gerade wahnsinnig viel tut und wir – verglichen mit anderen Ländern – viele Privilegien genießen. Ich hätte gesagt, dass ich mich 100 Prozent sicher fühle, weil so viele vor mir für diese Sicherheit gekämpft haben. Dann kamen die Wahlen und das Gefühl der Sicherheit ist sofort verschwunden. Es war interessant, als offen schwule Person, die sich aufgrund ihrer Privilegien keine wirklichen Gedanken machen musste, plötzlich zu merken, dass deine Rechte in Frage gestellt werden. Mich hat das dazu gebracht, mich auf eine Art und Weise weiterzubilden, an die ich vorher nicht mal gedacht hätte.

Wie meinst du das?
Ich habe begonnen, mir Fragen wie "Was bedeutet es überhaupt, zu protestieren, und was bedeutet es überhaupt, für seine Rechte zu kämpfen?" zu stellen und mich noch mehr mit den Problemen der Transgender-Community, von People of Color und Menschen, die noch marginalisierteren Gruppen angehören, auseinanderzusetzen. Ich habe ihnen Fragen gestellt und wollte von ihren Erfahrungen lernen, um dann meine Privilegien dazu zu nutzen, ihnen zu helfen. Mir war es wichtig, wirklich das Gefühl von Zusammengehörigkeit zu erzeugen und die Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen aufzuheben, so dass wir alle als Verbündete für das stehen können, was am Ende des Tages die grundlegenden Menschenrechte sind. Mir wurde klar, dass schwule, weiße Cisgender-Männer zwar viel geleistet haben, aber dass sie ihre Agenda auch viele zurückgelassen hat. Es ist Zeit, das sich das ändert. Noch nie zuvor wurden wir so direkt und extrem angegriffen wie jetzt. Das wiederum mobilisiert so viele Menschen, auf die Straße zu gehen.

Du selbst hast schon Demos organisiert. Wie fühlst du dich, wenn du an all die Menschen denkst, die auf die Straße gehen?
Ich fühle mich ermutigt, inspiriert und von der Community angetrieben. In manchen Aspekten sogar extrem empowert. Die Zeit, in der wir leben, zwingt mich, mich mit meiner Identität und allen Fassetten meines Wesens auseinanderzusetzen. Sie machen mich zu dem, der ich bin.

Was muss im Kampf für LGBTQ-Gleichberechtigung noch getan werden?
Einerseits müssen wir die Rechte, die wir schon haben, bewahren. Viele sehen wir als selbstverständlich an und genau deshalb müssen wir uns dessen bewusst sein. Anderseits müssen weiter auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Wichtig ist, ist, dass mehr Menschen aus der LGBTQ-Community in die Politik gehen — sei es als Bürgermeister, in den Stadtrat oder für den Senat. Die alte Generation muss Platz für die neue machen. Lautstark auf der Straße vertreten zu sein, hat einen gewissen Einfluss, aber es führt nicht immer direkt zu mehr Veränderung. Es ist nur ein Teil des großen Ganzen.

Wie können Kollaborationen so wie die zwischen GLAAD und ASOS dabei helfen?
Ich glaube, dass eine Marke wie ASOS, die so jugendorientiert ist, wirklich etwas ändern kann und Zielgruppen ansprechen kann, die so nicht erreicht werden. Solche Kollaborationen klären Menschen auf, die vielleicht nicht wissen, was GLAAD ist, weil sie mit dem Privileg leben, sich keine Gedanken über solche Dinge machen zu müssen. Sie sind ein Schritt in die richtige Richtung und eben ein Teil eines viel größeren Puzzles. Kollaborationen können cool und gleichzeitig produktiv sein und dabei noch etwas bewegen. Was ich nicht produktiv finde, sind Luxusmarken, die diese Problematik für sich benutzen, ohne dabei eine Organisation zu unterstützen. Aktivismus ist nicht glamourös.

Wie setzt du das um?
Ich nehme mich da nicht raus. Auf Twitter etwas zu posten, erfordert nicht viel. Ich bin in der privilegierten Position, dass ich eine Plattform habe, mit der ich wirklich Millionen erreichen kann. Aber das verändert nicht unbedingt etwas. Änderung bedeutet, auf Demos zu gehen, auf Veranstaltungen zu sprechen — eben alle Dinge, die nicht glamourös sind. Es ist mehr als nur ein Foto-Shooting.

Der Slogan der Together-Kampagne lautet Better together. Was geht für dich besser zusammen?
Peanut Butter und Jelly. [Lacht] Aber ernsthaft: Ich komme aus einer sehr diversen Familie. Ich habe einen schwarzen, adoptierten Bruder, der nicht heterosexueller sein könnte. Er hat mir dabei geholfen, zu verstehen, was er für Probleme hat. Und ich habe ihm geholfen, queere Menschen zu verstehen. Gegensätze zusammenbringen ist besser.

Alle Teile der ersten Kollektion der Together-Kampagne von ASOS x GLAAD kannst du dir hier anschauen.

Mehr Informationen zur LGBTQ-Community in Deutschland findest du beim Lesben- und Schwulenverband.