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Wie sieht die Zukunft der Mode aus?

Wir waren auf der #FASHIONTECH Berlin unterwegs und haben Louise Troen von Bumble und AWAYTOMARS Gründer Alfredo Orobio genau diese Frage gestellt.

von i-D Staff
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18 Januar 2019, 9:53am

Foto: über AWAYTOMARS

Aus seiner eigenen Mode-Bubble zu steigen, fällt nicht immer leicht. Aber es gibt ein paar Tipps, wie das am besten funktioniert: Weniger Zeit auf der Explore-Seite von Instagram abhängen, neue Hobbys ausprobieren oder der #FASHIONTECH Berlin einen Besuch abzustatten. Das zweimal jährlich stattfindende Event verbindet – wie der Name bereits verrät – Mode mit der Tech- und Start-up-Industrie. Und weil sich das Leben bekanntermaßen außerhalb der eigenen Komfortzone abspielt, haben wir der Messe einen Besuch abgestattet und mit zwei der diesjährigen Speaker über die Zukunft der Mode philosophiert.


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Uns haben Louise Troen und Alfredo Orobio die Ratschläge mit auf den Weg gegeben, die sie in ihrer Karriere weitergebracht haben und erklärt, warum du mit Menschen zusammenarbeiten solltest, denen du vertraust und die du gleichzeitig bewunderst.

AWAYTOMARS Alfredo Manila
Foto: über AWAYTOMARS

Alfredo Orobio ist Gründer von AWAYTOMARS , ein Kollektiv und Label, das den Konsumenten und Community-Gedanken wieder in den Mittelpunkt rücken möchte. Hier wird erst produziert, nachdem du dein Lieblingsteil nach deinen individuellen Präferenzen zusammengestellt hast.

Erzähl uns mehr über AWAYTOMARS.
Als ich von Brasilien nach England gezogen bin, habe ich meine Masterarbeit darüber geschrieben, wie Menschen kreative Informationen in sozialen Medien teilen und gemerkt, wie viel Potential dabei verloren geht. Ich wollte all diese Daten sammeln und einen Ort erschaffen, um zusammenzuarbeiten. Wir haben zu wenig Innovation in der Mode. Alles wiederholt sich, der Wettbewerb ist immens und die Copy-Paste-Mentalität ist weit verbreitet. Fast Fashion ist eines der größten Probleme, außerdem mangelt es an Kreativität. Nicht, weil die Designer weniger kreativ sind, sondern weil sie machen müssen, was profitabel ist, was sich verkauft. Als Lösung dafür habe ich AWAYTOMARS gegründet und später vier Freunde aus unterschiedlichen Bereichen mit ins Boot geholt.

Würdest du empfehlen, mit Freunden zusammenzuarbeiten?
Arbeite mit Leuten, denen du vertraust und die du bewunderst. Es ist wie eine Ehe: Ich verbringe mehr Zeit mit meinen Business Partnern als mit meinem Freund. Es ist wirklich schwierig, jemanden mit diesen beiden Qualifikationen in der Modeindustrie zu finden, weil die Egos hier so riesig sind.

Inwiefern beeinflusst die Digitalisierung Kreativität und umgekehrt?
Es gibt Studien darüber, dass soziale Medien uns alle zu demselben Menschen machen. Ich habe das Gefühl, dass es auch mit der Mode so ist – alle ziehen sich gleich an. Das Interessante daran ist, was in der Zukunft passieren wird. Werden wir alle für immer mit dem gleichen Sweatshirt herumlaufen oder wird es ein Artificial-Intelligence-Programm geben, das neue Konzepte entwickelt und übersetzt, was in den Köpfen der Leute vorgeht? Ob wir wohl für immer Schwarz tragen werden?

Wie sieht die Zukunft der Mode aus?
AWAYTOMARS könnte eine mögliche Zukunft sein. Wir geben den Leuten die Möglichkeit, ein customised Produkt zu erstellen, bevor das fertige Kleidungsstück produziert wird. Für die Zukunft wünsche ich mir eine nachhaltigere und nach Kundenwünschen angefertigte Industrie. Wenn du in zwanzig Jahren ein Sweatshirt online kaufst, sollte es erst dann produziert werden, wenn du es auch wirklich bestellst. Leider ist die Industrie dafür gerade noch nicht bereit.

Welcher war der beste Ratschlag, den du in deiner Karriere bekommen hast?
Es klingt zwar sehr nach Klischee, aber habe keine Angst davor, was die Leute sagen. Als wir mit AWAYTOMARS angefangen haben, meinten alle, dass es nie funktionieren würde. Aber du musst deinem Bauchgefühl vertrauen und das machen, was sich richtig anfühlt.

Louise Bumble
Foto: über Bumble

Louise Troen ist Vice President International Marketing & Communications bei Bumble, eine Plattform, die sich ‘Female Empowerment’ auf die digitale Fahne schreibt. Sie überblickt weltweit alle Kampagnen, die Kommunikationsstrategie, Marketing-Pläne sowie die interne Unternehmenskultur.

Welcher Ratschlag hat dir in deiner bisherigen Laufbahn besonders geholfen?
Mein vorheriger Boss meinte mal zu mir, dass du nicht die ganze Zeit auf Erfolge und Stärken schauen kann. Erst wenn du die Schwächen definieren kannst, wirst du stärker in der Arbeit, die du machst. Wir müssen uns davon entfernen, Feedback und konstruktive Kritik als etwas Negatives anzusehen und stattdessen erkennen, dass sie uns helfen, zu wachsen. Ich finde es wichtig, die Kapazitäten zu haben, um Dinge auszuprobieren, zu experimentieren und auch mal zu scheitern.

Deine Position bringt viel Verantwortung mit sich. Gab es eine Entscheidung, die besonders hart für dich war?
Besonders hart ist es immer für mich, wenn ich Menschen gehen lassen oder dazu ermutigen musste, ihre Position zu wechseln. Jedes Mal vor solchen Meetings rufe ich mir den Tipp meines Vaters in Erinnerung: 'Nicht jeder wird dich mögen, aber sie sollen dich respektieren.'

In welchem Zusammenhang stehen Technologie und Emotionen?
Denken wir an Technologie, denken wir automatisch an Tablets, Mechanik und Wissenschaft. Wir denken an Isolation – jeder schaut auf sein Handy oder Laptop, anstatt sich mit den anderen zu connecten. Doch eigentlich sollte Technologie neue Möglichkeiten eröffnen, zu denen wir vorher nie Zugang gehabt hätten. Wir möchten die Technologie nutzen, um Menschen zusammenzubringen, damit sie sich gegenseitig beflügeln. Zusammen ist man stärker – das gilt auch für Emotionen und Technologie. Zusammen können sie die Art verändern, wie wir das Leben wahrnehmen.

Lässt sich das auch auf Digitalisierung und Kreativität anwenden?
Kreativität sollte immer vor der Digitalisierung stehen. Das Schöne an Kreativität ist, dass sie irrational und unprogrammierbar ist. Kreativität macht uns als Menschen so unglaublich und konnte bisher nicht von Artificial Intelligence produziert werden. Die Mittel, die uns die Digitalisierung bereitstellt, haben zu unglaublichen Innovationen geführt. Es gibt nun mehr Plattformen und Arbeitsweisen, um unsere Kreativität besser artikulieren und verbreiten zu können. Dennoch: Ideen sollten im menschlichen Raum kreiert werden und im digitalen angefeuert.

Bei der Fashion Tech geht es um die Zukunft der Mode. Wie stellst du sie dir vor?
Es ist traurig, zu sagen, doch der Einzelhandel, wie wir ihn heute kennen, wird aussterben. Jeder kauft online, du kannst Pakete innerhalb von 12 Stunden geliefert bekommen und sie in den nächsten 20 Minuten wieder zurücksenden. Die Effizienz der Modeindustrie ist immens gewachsen, wodurch es wichtig wird, einen Mehrwert in den Stores zu generieren – entweder durch Emotionen oder Wissen. Wenn ein Trend am Dienstag aufkommt und eine Marke es schafft, die Produkte eine Woche später verkaufen zu können, bleiben sie vorne.

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