Links: 13. Hanna Moon, Eckhaus Latta Denim Campaign, 2018 © Hanna Moon. Rechts: Joyce Ng, Seven Sisters Framed, 1 Granary, No.4, 2016 © Joyce Ng

Hanna Moon und Joyce Ng erklären dir, wie Ideen neu und überraschend bleiben

Fotografie-Tipp Nummer 1: Weniger Instagram, mehr Schlaf und ganz viele Menschen beobachten.

von Ryan White
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21 Januar 2019, 12:48pm

Links: 13. Hanna Moon, Eckhaus Latta Denim Campaign, 2018 © Hanna Moon. Rechts: Joyce Ng, Seven Sisters Framed, 1 Granary, No.4, 2016 © Joyce Ng

Es ist keinesfalls übertrieben, zu sagen, dass die Fotografinnen Hanna Moon und Joyce Ng momentan die Szene verändern. Sie gehören zu einer neuen Riege Kreativer, die mit ihren Werken zum Nachdenken anregen und eine einmalige Ästhetik erschaffen. Geboren in Südkorea und Hong Kong, leben die Zwei mittlerweile in London, wo sie nun ihre Herkunft als Sprungbrett nutzen, um kraftvolle Reflexionen zum Thema Identität zu visualisieren und einnehmende Geschichten über kulturelle Anpassung erzählen.


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Beide haben neben Projekten für i-D – erst kürzlich inszenierte Joyce die Debüt-Kollektion von Mowalola, Hanna realisierte ein eklektisches Mode-Shoot mit Selena Forrest – bereits individuell mit zahlreichen führenden Style-Publikationen zusammengearbeitet. Jetzt vereinen die Freundinnen ihre Kräfte in der Ausstellung English as a Second Language im Somerset House, die ihre gemeinsame Perspektive in den Mittelpunkt stellt.

Joyce Ng, You Are My Lucky Baby Pear for Modern Weekly, 2017 © Joyce Ng
Joyce Ng, "You are my lucky Buddha pear", Modern Weekly, Issue 986, 2017 © Joyce Ng

Erzählt uns von euch.
Hanna: Ich wurde in Daejeon, Südkorea, geboren. Es war eine sehr ruhige Stadt und ich hatte keinen besonders großen Kontakt zur Kunst. Aber ich hatte mich immer stark für Mode interessiert. Ich habe Stunden damit verbracht, mich durch die Online-Stores zu klicken. Als ich 19 war, zog ich für ein paar Jahre nach Seoul, dann nach London.
Joyce: 27, vom Sternzeichen Jungfrau. Ich bin in Hong Kong aufgewachsen und zog nach London, als ich 17 war. Für eine kurze Zeit lebte ich zusammen mit meinen Eltern in Kanada – das war zu einer Zeit, als viele Menschen in Hong Kong Panik bekamen, da die Stadt bald zurück in die Hände der PRC [ People's Republic of China] fallen sollte und somit den kommunistischen Regeln unterstand. Als wir ein paar Jahre später verstanden, dass wir noch immer einige Jahrzehnte als semi-selbstregierte Stadt vor uns hatten, sind wir zurückgezogen. Das zieht sich so durch mein Leben, alle paar Jahre sind wir umgezogen. In Hong Kong aufzuwachsen, fühlt sich an, als würde man in einem gigantischen Kaufhaus groß werden.

Seit wann interessiert ihr euch für Fotografie?
Hanna: Vor ungefähr acht Jahren bin ich nach London gezogen, um mich für ein Jahr als Austauschstudentin an der CSM weiterzubilden. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse. Es war neu für mich, dass dir der Kurs nicht wirklich etwas "beibringt", sondern mehr darum ging, dir eine Richtung zu zeigen. Ich habe angefangen, für Tyrone Lebon zu arbeiten und lernte viel über die technischen Aspekte. Seitdem fotografiere ich ohne Pause.
Joyce: Ich dachte, ich würde mich für Grafikdesign interessieren, dann war es Produktion, dann Art Direction, dann Casting. Erst danach habe ich meinen Fokus auf das Fotografieren gelegt – in meinem letzten Jahr an der Central Saint Martin habe ich mich das erste Mal daran probiert.

Hanna Moon, Heejin in Seamen’s Hall, 2018 © Hanna Moon, Somerset House
Hanna Moon, "Heejin in Seamen's Hall", 2018 © Hanna Moon, Somerset House

Könnt ihr euch noch daran erinnern, als euch die Arbeit eines Fotografen das erste Mal so richtig berührt hat?
Hanna: Da ich in Korea nicht so viel Kontakt zur Kunst hatte, eröffnete sich mir eine neue Welt als ich nach London an die CSM kam und die Bücherei mit den ganzen Kunst-, Mode- und Fotografiebüchern entdeckte. Ich kann mich nicht mehr an das genaue Bild erinnern, aber ich weiß noch, dass ich mich schockverliebt habe, als ich Fotos von Peter Lindbergh für Vogue Italia sah, auf denen Linda Evangelista verschiedenste Anzüge trug.
Joyce: Ich bin mit einer komplett anderen visuellen und kulturellen Stimulation aufgewachsen, als die, die ich in London kennengelernt habe. Meine wichtigsten Referenzen waren Werbungen, die Cover von Boulevard-Zeitungen und Ming Pao Weekly, die meine Mutter jedes Mal kaufte. Aber ich könnte jetzt nicht einen Fotografen nennen, der mein "Leben verändert" hat. Ich denke, dass meine visuelle Sprache diesen kommerziellen und wenig intellektuellen Bildern sowie den Menschen in meiner Heimatstadt geschuldet ist.

Ihr habt beide nicht klassisch Fotografie an der Uni studiert. Glaubt ihr, dass es heute überhaupt noch wichtig ist?
Hanna: Ich habe Fashion Communication studiert. In unserem zweiten Jahr hatten wir allerdings einen Kurs zur Schwarz-Weiß-Fotografie, in dem ich mein Interesse für analoges Drucken entdeckt habe. Ich persönlich glaube nicht, dass es notwendig ist, klassisch Fotografie zu studieren, aber ich habe es natürlich nicht erlebt. Der technische Aspekt in der Fotografie wird immer unwichtiger. Es geht mehr darum, deine eigene Vision zu haben!
Joyce: Ich habe ebenfalls Fashion Communication studiert. Und das Wichtigste, das ich währenddessen gelernt habe, betraf mich selbst. Es war eine Reise, als ein beschütztes Einzelkind unabhängig zu werden. Das war es zu 100 Prozent wert, auch wenn ich für eine ganze Weile ziemlich eingeschüchtert war von der Uni.

Hanna Moon
Hanna Moon, Moffy, A Nice Magazine, Issue 2, 2015 © Hanna Moon

Wie gelingt es euch, dass eure Ideen neu und überraschend bleiben?
Joyce: Wenig Zeit auf Instagram verbringen und viel Schlaf. Wenn ich draußen unterwegs bin, beobachte ich die anderen Menschen.

Wie findet ihr die Balance zwischen Kreativität und Kommerzialisierung?
Hanna: Ich denke, dass du deine Kreativität immer als Priorität sehen musst, dann werden die kommerziellen Projekte folgen. Die Industrie ist offen für Experimente und sucht immer nach etwas Neuem, deswegen ist eine absolute Trennung keine Notwendigkeit.
Joyce: Ich bin noch dabei, die endgültige Antwort darauf zu finden, da die Balance zwischen Editorial und kommerzieller Arbeit momentan nicht wirklich vorhanden ist.

Joyce Ng, In Her Five Elements, 2018 © Joyce Ng, Somerset House
Joyce Ng, "In Her Five Elements", 2018 © Joyce Ng, Somerset House

Was macht für ein Foto zu einem guten Foto?
Hanna: Eine Beziehung zu deinem Subjekt. Deswegen fotografiere ich meine Freunde so gerne – um die Intimität zwischen uns einzufangen.
Joyce: Etwas, das sich echt und gleichzeitig fremd anfühlt.

Hat die Fülle von Bildern, die wir heute online finden, die Art verändert, wie ihr über Fotografie nachdenkt?
Hanna: Es wurde definitiv alles angenehmer. Ich genieße es trotzdem noch, Bücher zu sammeln, zu Buchmessen und Second Hand Bücherläden zu gehen, um die versteckten Juwelen zu finden. Doch das Internet hat die Art der Recherche erweitert, du kannst viel weitergehen, wenn du erstmal den richtigen Ausgangspunkt hast. Gleichzeitig können viele Menschen diese Informationen online finden, was dazu führt, dass dieselbe Information immer und immer wieder recycelt werden kann. Das macht deine Originalität noch viel wichtiger. Aus diesem Grund versuche ich auch, in meinen Foto kaum Referenzen zu ziehen.

Glaubt ihr, dass Handy-Fotografie die Industrie abgewertet oder verbessert hat?
Hanna: Ich finde es super. Ich muss mich echt anstrengen, mit meiner Analogkamera ein besseres Bild hinzubekommen. Es sieht so schön aus, wenn ein Stylist oder jemand anderes aus dem Team mit seinem Handy Fotos am Set machen. Oft mache ich Witze, dass ich hoffe, meine Bilder sehen am Ende besser aus als ihre! Aber wie schon gesagt, es geht mehr um die Idee oder das Subjekt, das du fotografierst als um die Ausrüstung.
Joyce: Ich liebe Handy-Fotografie. Dieser ganze Analog-Snobismus ist doch langweilig, es ist nur eine Arbeitsweise. Meine Lieblingsvideos sind auf meinem Handy und dem von meiner Mutter. Wenn mir die Stylisten ihre Handy-Fotos nach einem Shoot zeigen, frage ich mich oft, warum wir nicht einfach die in die Nachbearbeitung geben.

Joyce Ng, Face Value for Numéro China, 2018 © Joyce Ng
Joyce Ng, "Face Value" für Numéro China, 2018 © Joyce Ng

Viele der momentan spannendsten Fotografen haben eine duale Herkunft und sind zwischen verschiedenen Ländern aufgewachsen. Warum führen diese Erfahrungen zu so viel beeindruckenden Ergebnissen in der Fotografie?
Joyce: Das ist so wahr. Ich bin schon fast verwöhnt mit dieser Erziehung! Meine Eltern hatten bis sie in ihren Zwanzigern waren, nie ein Flugzeug von innen gesehen. Es gibt dieses verbreitete chinesische Sprichwort "Tausende Bücher zu lesen ist nicht so gut, wie tausende Meilen zu reisen". In Hong Kong aufzuwachsen, war wie ein Yin-Yang-Suppen-Hotpot. Die ganzen verschiedenen Geschmäcker bringen dein Esserlebnis auf ein neues Level, doch manchmal bist du auch verwirrt und weißt nicht, in welcher Suppe du deinen Aal kochen willst oder wirst angeschrien, weil du zwei Mal von der falschen Sauce kostest. Je älter ich werde, desto mehr sehne ich mich nach meinen Wurzeln.

@joyceszeng
@hannamoon69

3. Hanna Moon, Moffy with earrings, 2018 © Hanna Moon
Hanna Moon, "Moffy with earrings", 2018 © Hanna Moon

Credits


Fotografie: Hanna Moon und Joyce Ng

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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