Ebow erklärt, was "Kanak for Life" für sie und ihre Community bedeutet

Ihr drittes Album 'K4L' ist mehr als "cooler Rap". Es ist eine Abrechnung mit dem System, ein Aufruf zu Solidarität – der Beginn eines neuen Zeitalters.

von Ebow; aufgeschrieben von Marieke Fischer
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05 April 2019, 10:57am

Foto: Meklit Fekadu

Jetzt ist unsere Zeit, jetzt sind wir dran. Jetzt bestimmen wir, als Kanaks, unser Selbstbild selbst. Wir lehnen uns gegen das Bild auf, das die Medien von uns kreieren, das Bild, das ein Großteil der Bevölkerung gern sehen würde. Unsere Generation ist smart und hat endlich die Möglichkeit, gehört zu werden. Egal wie groß der Rechtsruck gerade ist, egal was passiert – wir sind stark, weil wir so viel durchgemacht haben.

Schon sehr früh wurde mir bewusst, dass meine Identität – dass Kurdin zu sein –, in unserer Gesellschaft etwas Gefährliches bedeutet. Wir wurden und werden diskriminiert. "In mir steckt der Zorn meiner Oma, meiner Mama, meiner Tanten drin" – was ich da rappe, das ist for real.

Wenn ich auf der Bühne stehe, realisiere ich immer wieder, dass ich eigentlich gar nicht dort stehen sollte. Dass so vieles darauf ausgerichtet war, systematisch zu vermeiden, dass ich auf der Welt bin. Dass so unendlich viel Schmerzen und Traumata in meiner Familiengeschichte liegen.

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Foto: Meklit Fekadu

Meine Ur-Ur-Großeltern hätten sich nicht erträumen können, dass ich mal auf einer Bühne stehen und meine Musik vor Leuten performen werde. Ich trage sehr viel Verantwortung und dessen bin ich mir bewusst. Es geht nicht darum, dass ich "coolen Rap" mache. Es geht nicht um Fame – scheiß auf Fame. Es geht darum, dass ich gehört werde, weil meine Vorfahren so dafür kämpfen mussten, dass wir heute überhaupt eine Stimme haben.

Das Wort "Kanak" repräsentiert einen Gemeinschaftsgedanken, es steht für mich für BPoC. Gleichzeitig steht es auch für ein Zurückerobern. Ich reclaime diesen Begriff und möchte mit dem Song, mit dem Album, ein Empowerment schaffen.

Als ich in München aufgewachsen bin, bin ich sehr vielen Alltagsrassismen begegnet. Ich hatte rassistische Lehrer*innen, habe Racial Profiling durch die Polizei erlebt. Das alles wird als normal angesehen. Wo ist die Solidarität? Solidarität bedeutet, dass man agiert. Dass du auf eine Demo gehst und schaust, was du außerhalb von Social Media machen kannst. Dass du deine Ressourcen einschätzen kannst, dich nicht auspowerst. Für andere einstehen, das ist Solidarität. Auch, wenn die Leute, um die es gerade geht, selbst nicht anwesend sind. Solidarität heißt Zusammenhalt. Das sind Werte, die mir seit meiner Kindheit von meiner Familie beigebracht, vorgelebt wurden.

Wenn die Leute "Kanak for Life" mitrappen, verändert das was. Dann heißt das: "Wir for life". Alles, mit dem ich mich befasse, alles, worüber ich schreibe – alles ist von meiner Community abhängig. In meiner Community erfahre ich Zusammenhalt. Mit meinem Album möchte ich ihnen etwas zurückgeben.

Für mich ist es keine Motivation, mich zurückzuziehen, ein Bad zu nehmen und eine Gesichtsmaske aufzutragen. Immer wenn es politisch bergab ging oder mich ein lähmendes Ohnmachtsgefühl überkam, hat es mir geholfen, mich mit meiner WG, meinem Freundeskreis, den beeindruckenden Menschen in meiner Umgebung auszutauschen. Zu sehen, mir geht es nicht alleine so. Wir sind viele und zusammen können wir etwas verändern. Das ist kein sinnentleerter Spruch, sondern ein echtes und relevantes Gefühl.

Ich möchte, dass die Leute realisieren: Wir sind das, was uns umgibt. Wir sind ein Produkt aus unseren Freunden, unserer Familie. Innerhalb meiner Community äußert sich unser Gemeinschaftsgefühl darin, dass wir uns in Dingen bestärken, von denen uns die Gesellschaft permanent eingeredet hat, dass sie nicht funktionieren, dass sie keine Relevanz hätten. Deswegen müssen wir selbst umso mehr daran glauben und selbst etwas erschaffen.

Dafür brauchst du einen Freundeskreis, der sagt: "Deine Arbeit ist was wert. Was du machst, ist was wert." Meine Crew, meine Community. Das sind die Leute, aus denen ich Energie schöpfe. Ich habe so viele verdammt kreative, starke Leute um mich herum. Es ist mir eine Ehre, mit ihnen befreundet zu sein.

Deswegen war es mir auch so wichtig, am Ende meines Songs K4L all den Frauen und non-binären Personen, die tagtäglich so harte Arbeit leisten, einen Shoutout zu geben. Etwas, das männliche Rapper nicht machen würden. Wenn ich’s nicht mache – wer macht es dann?

Anmerkung der Redaktion: Der Text ist auf Grundlage eines Gesprächs mit i-D Redakteurin Marieke Fischer entstanden. Wir bedanken uns für das Vertrauen.