Ilustrationen: Bailieen

Dieses Magazin macht die Missstände in der Modeindustrie öffentlich

Von unbezahlten Praktika bis unterbezahlten Models: In "Stitch, Bitch!" geht es um die Ausbeutungsmentalität in der Branche. Was sich dringend ändern muss, erklärt uns das Kollektiv hinter dem Magazin.

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Juni 7 2018, 11:02am

Ilustrationen: Bailieen

Anstatt über die prekäre Lage von jungen Kreativen in der Modeindustrie zu jammern, hat sich ein Kollektiv aus Autoren, Illustratoren und Grafikdesignern zusammengetan, um etwas daran zu ändern – und zwar mit ihrem Print-Magazin Stitch, Bitch! , das sie selbst finanzieren, entwickeln und produzieren.


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In der ersten Ausgabe geht es um die Ausbeutung in der Modeindustrie. Hier verschmelzen sorgfältig recherchierte, historische Referenzen mit aktuellen Themen. Mit satirischen Cartoons wird über die Realität der Industrie aufgeklärt – unbezahlte Praktika und Teenager-Models, die in erbärmlichen Wohnungen hausen müssen. Die Macher geben mit ihrer Charta für Praktikanten sogar praktische Vorschläge, wie die oft unbezahlte Arbeit für beide Seiten fairer und besser werden kann. Wir haben mit den Machern über die Probleme in der Modeindustrie und ihr neues Magazin gesprochen.

Wie seid ihr auf die Idee zu Stitch, Bitch! gekommen?
Wir haben an unterschiedlichen Zines gearbeitet und als wir unsere Geschichten verglichen haben, ist uns aufgefallen, das ein Thema immer wieder vorkommt: die Ausbeutung durch unbezahlte Praktika.

Was genau meint ihr mit Ausbeutung?
Die Ausbeutung in der Modeindustrie kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Wir haben uns für unsere erste Ausgabe auf das Thema unbezahlte Praktika konzentriert, weil die prekäre Lage von Praktikanten gerade öffentlich diskutiert wird und so leichter Veränderungen durchgesetzt werden können.

Das Magazin hat durch das Zeitungspapier und die Illustrationen einen ganz besonderen Look. Wie seid ihr darauf gekommen?
Inspiriert wurden wir vom Punch Magazine aus dem 19. Jahrhundert, speziell von der Dezember-Ausgabe aus dem Jahr 1843. Darin wurde Thomas Hoods Gedicht The Song of the Shirt über die prekären Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern im viktorianischen England veröffentlicht. In unserem Heft gibt es überall Illustrationen aus Punch zu sehen. Viele davon sind erschreckenderweise immer noch relevant. Dieses Gedicht ist ein Triumph des Modejournalismus. Diesem Erbe wollen wir im 21. Jahrhundert wieder gerecht werden.

Euer Heft ist voll mit Satire. Warum ist Humor so wichtig für euch?
Die Modeindustrie ist eine Goldgrube für Satire. Diese Branche kann dazu tendieren, nur im eigenen Saft zu schmoren. Manchmal muss man von Außenstehenden erst wieder darauf gebracht werden, wie lächerlich manche Dinge sind. Die Wahrheit ist leider ernüchternd: Die angesprochenen Probleme sind sehr real und betreffen viele von uns.

Was sind eurer Meinung nach die drängendsten Probleme für junge Kreative in der Modeindustrie?
Die horrenden Lebenshaltungskosten in den Großstädten. Dass sie nicht (anständig) bezahlt werden. Und dass von ihnen noch erwartet wird, dass sie Vollzeit arbeiten.

Faux Intelligentsia von Bailien

Viele verteidigen unbezahlte Praktika damit, dass sie eben ein notwendiges Übel seien, um Karriere zu machen. Wie seht ihr das?
In einer idealen Welt würde ein Praktikum beiden Seiten etwas bringen: ein bezahltes Praktikum oder ein Traineeship mit definierten Zielen. Wie wir in unserer Charta fordern, darf ein Praktikum keine Einbahnstraße sein – und nicht allein der Arbeitgeber davon profitieren. Leider ist das bei den meisten Praktika der Fall. Was mit der großen Anzahl junger Talente passiert, die es sich nicht leisten können, kostenlos zu arbeiten? Der wahre Verlierer ist die Modeindustrie. Sie wird noch monotoner und verliert jegliche Vielfalt.

Und was ist mit Jungdesignern? Sie verfügen noch nicht über die Ressourcen, um ihre Praktikanten anständig zu bezahlen.
Wir wissen, dass es sich viele Jungdesigner nicht leisten können, ihre Praktikanten zu bezahlen. Unser Ziel ist es, die Kultur in dieser Branche zu verändern. Es ist ein Märchen, zu glauben, dass man erst Monate – oder sogar Jahre – die eigene Arbeitskraft ohne Gegenleistung hergeben muss, um einen Fuß in die Tür zu bekommen. Designer, die ihre Praktikanten nicht bezahlen können, sollten ihnen Mentoren-Programme anbieten. Ausgaben wie Essen und Reisen müssen von den Designern immer übernommen werden, gerade wenn bis spät in die Nacht gearbeitet wird. Das ist die Regel, nicht die Ausnahme. Doch wir richten uns gar nicht an die Jungdesigner, sondern an die Unternehmen und Firmen, die Geld verdienen und ihre Praktikanten schlecht behandeln. Dieser Kreislauf muss endlich durchbrochen werden.

Wie kann sich ein Praktikant bei einem Modelabel oder Magazin dagegen wehren?
Du solltest dich umfassend über deine Rechte informieren. Denn die hast du. Beschwer dich über alles, das dir unfair vorkommt. Ganz praktisch: Stell ganz viele Fragen und sehe alles als Erfahrung an, aus der du etwas lernen kannst. An Ende zählt: Hol so viel aus deinem Praktikum heraus wie möglich.

Unpaid Interns von Bailien

Erzählt uns einige der Horrorgeschichten.
Alle Beispiele sind schrecklich. Diese Geschichten sind an der Tagesordnung im Fashion-Business: unbezahlte Arbeitstage von 18 und mehr Stunden sowie emotionaler Missbrauch durch Beschimpfungen. Und die Wohnungen, in denen junge Models von ihren Auftraggebern untergebracht werden, sind zum Teil menschenunwürdig. Lulu* hat uns von zugemüllten und heruntergekommenen Wohnungen erzählt, in denen die jungen Mädchen von den Verantwortlichen untergebracht werden und diese ihren Ehrgeiz und ihre Hilflosigkeit ausnutzen.

Was habt ihr für die zweite Ausgabe geplant?
Eine digitale Plattform, um das Magazin für alle einfacher zugänglicher zu machen. Es wird mehr investigative Geschichten, mehr Mode, mehr Satire und mehr Gossip geben.

@stitchhbitch

*Name von der Redaktion geändert

Das Kollektiv von "Stitch, Bitch!" freut sich über alle, die daran mitwirken wollen. Du erreichst es über folgende E-Mail-Adresse: givingfashiontheneedle@gmail.com. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.