Foto: Paolo Roversi

Naomi Campbell: "Ich bin Mama für alle Mädchen, die mich brauchen"

Ob für ihre Community, Kolleg_innen oder sich selbst, das Supermodel steht für andere ein.

von Osman Ahmed
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29 November 2019, 9:55am

Foto: Paolo Roversi

Supermodel, Schauspielerin, Aktivistin und YouTuberin: Gibt es etwas, das Ms. Campbell nicht kann? Nicht wirklich. Ihr Leben und ihre Seele widmet sie anderen. Sei es, indem sie durch ihre Charity Geld sammelt oder zeigt, wie man fünf Jahrzehnte jung bleibt. Vorbei sind die Zeiten, in denen ihr Name das Synonym für Glamour und Diva war. Heute ist zusätzliche ihre Mission, die kreativen und kulturellen Erfolge Afrikas zu beleuchten. Zwei ihrer adoptierten Familienmitglieder – der tunesische Designer Azzedine Alaïa war ihr Papa, Nelson Mandela ihr Opa – haben ihre Wurzeln in diesem Kontinent. Nun ist Naomi selbst Mama einer neuen Generation von Models und Kreativen, deren Weg sie als eine der wenigen Schwarzen Supermodels in den 80er und 90er Jahren beschritt. Und auch in den 00er, 10er und – seien wir ehrlich – den kommenden 2020er. Sie fängt gerade erst an. Lang lebe Naomi.

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Naomi trägt ein Kleid von Marina Hoermanseder HW15. Hut und Weste: Ibkamarastudios. Ohrringe und Armreifen: Lydia Courteille. Strumpfhose: Wolford. Schuhe: Saint Laurent Anthony Vaccarelloe.

Du hast viel Zeit auf dem afrikanischen Kontinent verbracht, besonders in Nigeria. Was hat dich nach Lagos gebracht?
Ich war schon überall. Nigeria, Ghana, Senegal, Südafrika, Ruanda – wo immer ich hingehen muss, um das zu tun, was ich tun muss. Mein Traum ist es, in allen 54 afrikanischen Länder gewesen zu sein.

Warum ist dir das so wichtig?
Afrika wird auf so vielen Ebenen übersehen und ignoriert. Das muss sich ändern. Die Geschichte muss sich ändern. Die Wahrnehmung der Menschen muss sich ändern. Darum geht es. In Nigeria spüre ich so viel Kreativität. Im Senegal herrscht so viel Energie im Bereich Sport. Ich will, dass die Welt davon erfährt. Ich möchte nicht, dass diese Länder als "Dritte Welt" betrachtet werden. Die Menschen sollten die gleichen Chancen auf Bildung und Arbeit haben wie überall sonst auf der Welt.

Hast du Lieblingskünstler_innen aus Afrika?
Viele meiner Freund_innen machen Kunst. Ich stehe WizKid nahe, kenne Davido und Fela Kuti. Wofür er stand, war seiner Zeit voraus. Ich bin gesegnet durch Nelson Mandela, den ich Opa nennen durfte. Seinetwegen schloss ich Afrika in den 90er Jahren in mein Herz und dort bleibt auch er.

Welcher war der beste Ratschlag, den Nelson Mandela dir gegeben hat?
Immer auf mein Bauchgefühl zu hören. Die Wahrheit zu sagen und anderen zu helfen.

Naomi, die 2020er kommen auf uns zu. Worauf freust du dich im nächsten Jahrzehnt?
Auf ein neues Afrika und alle Veränderungen, die auf diesem wunderbaren Kontinent geschehen werden. Ich freue mich auf den Tag, an dem Vielfalt kein Trend, sondern völlig normal ist. Ich freue mich darauf, wenn Diversität endlich fest in Unternehmensstrukturen verankert ist. Ich möchte hier nicht politisch werden, also spreche ich nur über die Dinge, die mich glücklich machen würden.

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Kleid und Overknee-Stiefel: Alexandre Vauthier. Hut und Ohrringe: Saint Laurent Anthony Vaccarello. Nasenring: House of Malakai. Handschuhe: Paula Rowan. Gürtel: Zana Bayne. Strumpfhose: Wolford.

Viele müssen sich noch weiterbilden, wenn es um Themen wie Afrika und Diversität geht. Welchen Rat kannst du geben?
Wenn du die Möglichkeit hast, hinzufahren, worauf wartest du dann? Natürlich kann man theoretisch viel lernen, aber nichts ist besser, als dort zu sein und es selbst zu erleben. Ich war im April mit einigen Journalist_innen in Nigeria. Ihre gesamte Wahrnehmung veränderte sich während der Reise. Die Menschen dort sind so schön, energisch, kreativ, intelligent und höflich. Das kommt häufig nicht bei der Außenwelt an.

Du hast Azzedine Alaïa "Papa" genannt und jetzt nennt dich eine jüngere Generation Models "Mama". Wer sind deine Model-Töchter? Was versuchst du ihnen beizubringen?
Adut Akech nennt mich Mama. Ich bin sehr glücklich, ihr Vorbild zu sein. Ich weiß, dass sie selbst eine schöne Mutter hat. Ich bin Mama für alle Mädchen, die mich brauchen. Ich habe das Gefühl, dass ich für sie einstehen muss, weil sie manchmal zu nervös sind, um für sich selbst zu sprechen. Unsere Branche ist schnell. Wenn sie zu mir nach Hause kommen, sorge ich dafür, dass sie zu Abend essen. Ich möchte sichergehen, dass sie essen und nicht übermüdet sind. Ich sorge mich um sie.

War die Mode damals eine freundlichere Branche?
Heute ist sie eher ein Geschäft, aber alles muss sich entwickeln. Ich habe es geschafft, meine Modefamilie zu behalten und ich liebe sie sehr, mehr als alles andere. Sie waren für mich da – das war etwas ganz Besonderes.

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Jacke: Mugler. Oberteil: Saint Laurent Anthony Vaccarello. Rock: Dior. Hut: Philip Treacy. Ohrringe: Amrapali. Strumpfhose: Wolford. Schuhe: Maison Alaïa.

Zu welchen Frauen hast du als kleines Mädchen aufgeschaut?
Starke und unabhängige Frauen ziehen mich an. Frauen, die für sich selbst einstehen, die andere Frauen mögen, ohne sich bedroht zu fühlen. Meine Mutter war die wichtigste Frau für mich, ich bewunderte ihre Stärke und Ausdauer, vor allem weil sie alleinerziehend war. Auch Diana Ross war so eine glamouröse Frau. Und Josephine Baker, wow!

Hast du eine_n Lieblingsautor_in?
Gerade lese ich The Water Dancer von Ta-Nehisi Coates. Ich habe auch kürzlich Demi Moores Memoiren gelesen. Sie ist eine gute Freundin, ich könnte alles von ihr lesen. Ich mag Memoiren und Selbsthilfe-Bücher.

Du bist jetzt auch Schauspielerin. Schaust du Serien?
Ich habe gerade Billions, Pennyworth und Euphoria geschaut. Ich liebe britisches Fernsehen und alles, was Phoebe Waller-Bridge macht. Ich schaue Blackish und The Real Housewives – ich bin überall mittendrin.

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Jacke, Rock, Ohrringe und Gürtel: Saint Laurent Anthony Vaccarello. Oberteil: Gucci. Strumpfhose: Wolford. Schuhe: Balmain.

Welche sind deine Lieblingsfilme?
Martin Scorsese ist einer meiner Lieblings-Regisseure, genau wie Elia Kazan und Asif Kapadia. Ich habe The Black Godfather über Clarence Avant geliebt, den meine 'Cousine' Rashida Jones gemacht hat. Erst kürzlich habe ich Parasite gesehen, der unglaublich gut geschrieben ist.

Du wirst mindestens genauso häufig kritisiert, wie gelobt. Wann nimmst du Kritik an, wann ignorierst du sie?
Es hängt davon ab, wer mich kritisiert. Ich bin offen für Kritik, weil ich mich ständig weiterentwickle. Ich spüre, wenn Kritik gut gemeint ist. Auch wenn es nicht das ist, was ich hören will, kann ich sie annehmen. Ich möchte die beste Version meiner Selbst sein. Aber ich nehme keine Kritik von Arschlöchern an. Ich kenne den Unterschied. Ich bin nicht dumm. Wenn mir Leute so kommen, reagiere ich nicht. Ich nehme ihre Worte nicht auf, sondern wehre mich laut dagegen.

Die Bedeutung von Privatsphäre hat sich in der heutigen Zeit sehr gewandelt. Jetzt, wo du auf YouTube und Instagram bist, was bedeutet das Wort für dich?
Wenn ich Privatsphäre möchte, dann kann man sie haben. Ich weiß, dass ich öffentlich zugänglich bin, aber ich, als Person, bin es nicht. Es gibt Naomi, die öffentliche Person – und ich bin dankbar, dass noch sein zu dürfen – und es gibt die Naomi hinter verschlossenen Türen.

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Anzug: Saint Laurent Anthony Vaccarello. Kleid: Harris Reed. Ohrringe: Samuel François. Ringe: Model's Own.

Wovor hast du am meisten Angst?
Ich habe keine Angst. Wenn du ängstlich bist, dann kommt die Angst zu dir.

Glaubst du an Horoskope?
Ich glaube an 'Mercury in Retrograde'.

Du bist Zwilling. Welche typischen Eigenschaften stimmen mit deinem Sternzeichen überein?
Wir sind sehr loyal. Außerdem ist mein chinesisches Sternzeichen Hund. Und die sind auch sehr loyal.

Du bist eines der bekanntesten Supermodels. Wenn du eine Superkraft hättest, welche wäre das?
Hmm. Krankheiten heilen? Und Weltfrieden schaffen. Eigentlich möchte ich den Klimawandel stoppen. Dieses Jahr haben wir seine schrecklichen Folgen zu spüren bekommen.

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Naomie trägt eine Jacke von Mugler. Oberteil: Saint Laurent Anthony Vaccarello. Rock: Dior. Hut: Philip Treacy. Ohrringe: Amrapali. Strumpfhose: Wolford. Schuhe: Maison Alaïa.

Credits


Fotos: Paolo Roversi
Styling: Ibrahim Kamara

Haare: Lorenzo Barcella / Aldo Coppola verwendet L’Oréal Professionnel
Make-up: Daniel Sallstrom / M+A verwendet Pat McGrath Labs
Nägel: Typhaine Kersual / Artists Unit
Set: Jean-Hugues de Chatillon
Fotografie-Assistenz: Chiara Vittorini und Clara Belleville
Digital Operator: Matteo Miani
Styling-Assistenz: Sasha Harris, Gareth Wrighton, Joseph Bates, Ewa Kluczenko, Yann Steiner und Audrey Petit
Haar-Assistenz: Domenico Papa
Produktion: Camila Mendez / Cream
Produktion Co-Ordinator: Angélique Boureau / Cream
Casting Director: Samuel Ellis Scheinman / DMCASTING
Model: Naomi Campbell / Models1

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D The Get Up Stand Up Issue, no. 358, Winter 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

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NAOMI CAMPBELL
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