Collage via i-D UK

Warum ist die Modewelt plötzlich verrückt nach Plastiktüten?

Nachdem Burberry, Balenciaga und Céline ihre eigene Version herausgebracht haben, ist es an der Zeit der 20-Cent-Tüte aus dem Supermarkt mehr Beachtung zu schenken.

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März 1 2018, 10:58am

Collage via i-D UK

Mittlerweile sind wir daran gewöhnt, dass Modetrends ein schmaler Grat zwischen brilliant und idiotisch sein können. Ob Ugly-Sneaker-Trend, abgetrennte Köpfe oder schmale Sonnenbrillen, die gerade so auf der Nasenspitze balancieren, ohne herunterzufallen: Der nächste Trend ist nur einen Fake-Lashes-Wimpernschlag entfernt.

Doch warum ist die Modewelt plötzlich verrückt nach Plastiktüten? Ein Alltagsgegenstand, dem wir nur wenig Beachtung schenken, ziert gerade die Hände jedes Modeliebhabers – und das in Preisklassen jenseits unserer Vorstellungskraft. Hinter all der Aufregung um das Stück Plastik steckt niemand Geringeres als Raf Simons. Für Jil Sanders Frühling/Sommer 11 Kollektion enthüllte der belgische Designer eine von Goldfischen inspirierte Tasche aus Acetat. Und auch für unseren Lieblings-Concept-Store in Berlin, dem Voo Store, hat er erst vor Kurzem eine eigene Amerika-Version für schlappe 148€ designt. In einer Ära, in der eine Birkin Bag von Hermès zu besitzen, das Größte scheint, hat es Raf geschafft, eine Anti-It-Bag zu kreieren, nach der alle verrückt sind. Ein weiterer Beweis dafür, dass der Designer schon immer seiner Zeit voraus war.


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Seit dem Laufsteg-Debüt der Plastiktüte vor sieben Jahren, gab es viele Nachahmer. Unser Highlight ist und bleibt aber die paillettenbesetzte Logo-Version aus Ashishs Frühling/Sommer 14 Kollektion. Auch wenn wir mit den neuen Modellen von Burberry, Balenciaga und Céline gerade eine Renaissance der Plastik-Tüte erleben. Phoebe Philos durchsichtige Version mit Céline-Logo und Warnhinweis bekommst du für einen Schnäppchenpreis von 480€. Demna Gvasalias Version für Balenciaga besticht mit viel Farbe und seiner Hommage an die deutsche Supermarktkette Edeka. Falls dir die 20-Cent-Tüte an der Kasse nicht genug sein sollte, kannst du für rund 940€ die "Double B"-Version von Balenciaga ergattern. Bereits letztes Jahr hat das spanische Luxus-Label die Modewelt mit seiner Ikea-Frakta-Version verrückt gemacht.

"In einer Ära, in der eine Birkin Bag von Hermès zu besitzen, das Größte scheint, hat es Raf geschafft, eine Anti-It-Bag zu kreieren, nach der alle verrückt sind."

Doch genug der Nostalgie. Burberry hat auf seiner Show im Februar Einkaufstüten im Latex-Look gezeigt. Leider können wir die It-Pieces nicht kaufen, dafür gibt Christopher Bailey ihnen ihren eigentlichen Sinn zurück: Falls du dir etwas aus der neuen Kollektion bestellst, bekommst du die Latex-Tüte kostenlos dazu.

Burberry autumn/winter 18. Photography Mitchell Sams

Dass die Plastiktüten gerade überall zu finden sind, sollte uns eigentlich nicht überraschen. Schließlich leben wir noch immer in einer Ära erhabener Nüchternheit und Normcore, angeführt von Demna Gvasalia. Einfache Print-Shirts, Hoodies und Jeans wurden zu Statement-Pieces vieler Designer Kollektionen erhoben und Streetwear als Luxus verkauft. Die Ironie dahinter? Du musst trotzdem wohlhabend sein, um dir die Teile leisten zu können.

Vielleicht sind die Luxus-Varianten der langlebigen Plastiktüten ein ökologisches Statement, noch bevor sie ein modisches sind. In einer Industrie, die auf der Idee der Verschwendung und des Exzess aufgebaut ist, ist das Konzept ökologisch woke zu sein für viele Labels ein Nebengedanke. Wir sehen vergangene Designer-Kollektionen als Antiquitäten, ausgestellt in Museen. Ein Cape aus Raf Simons' Riot! Riot! Riot!-Kollektion aus dem Jahr 2001 wird für über 8.000€ gehandelt – ein unglaubliches Preiswachstum, das darauf zurückzuführen ist, dass jene Saison als eine seiner Visionärsten gilt.

"In einer Industrie, die auf der Idee der Verschwendung und des Exzess aufgebaut ist, ist das Konzept ökologisch woke zu sein für viele Labels ein Nebengedanke."

Uns wird gesagt, weniger zu kaufen und lieber in ein paar wenige Teile zu investieren. Was ist also absurder: Die Tatsche, dass es eine fast 1000€ teure Plastiktüte in die Online-Shops geschafft hat oder, dass wir über eine Million billiger Plastiktüten pro Minute konsumieren?

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.