jeremy scott erklärt, warum es wichtig ist, für deine träume zu kämpfen

Aufgewachsen ist er auf einer kleinen Farm in Missouri, mittlerweile gehört er zu den festen Größen der High Fashion. Die Geschichte von Jeremy Scott, der gegen alle Widerstände an seinen Träumen festgehalten hat, gehört zu den inspirierendsten...

von Jeremy Scott; Übersetzt von Michael Sader
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10 Mai 2017, 1:45pm

Als kleiner Junge hatte ich kein Geld, um mir neues Spielzeug zu kaufen. Deshalb habe ich mir mein Spielzeug aus anderen Dingen selbst gebastelt und dafür nur meine Fantasie gehabt. Ich habe schrottreife Autos in Raumschiffe und alte Traktorensitze zu Tischen für ein schickes französisches Restaurant verwandelt. In einer Zeit, in der Recycling noch mit Armut assoziiert wurde, hat diese schiere Notwendigkeit, aus den Sachen, die uns zur Verfügung standen, selbst etwas zu bauen, meine Sicht auf die Welt nachhaltig beeinflusst und wurde die Basis meines künstlerischen Schaffens.

Ich habe auf einer Farm gelebt und mir eine Welt vorgestellt, die ganz anders war als meine eigene. Meine Kindheit habe ich damit verbracht, mir vorzustellen, woanders zu sein, irgendwo, wo ich dazugehören würde; wo ich verstanden werde; wo ich die Leben anderer beeinflussen kann. Oft frage ich mich, ob die Abgeschiedenheit in meiner Kindheit, mir dabei geholfen, der Welt etwas mitteilen zu wollen. In der heutigen, hyperverbundenen Welt kann man sich nur schwer vorstellen, wie abgeschnitten man sich fühlen kann, wenn man erwachsen wird — und wie dieses Gefühl einen inspirieren kann.

Auf dem Papier scheint der Umzug von der Farm in die Stadt für die Junior High School, später dann die High School, wie der Schritt in die richtige Richtung. In meinen Tagträumen habe ich mir ausgemalt, dass die Welt näher rücken würde. Ich wurde eines Besseren belehrt. Die Kinder auf meiner Schule sahen nur die Unterschiede. Die Art und Weise, wie ich gesprochen habe, wie ich mich verhalten habe und mich angezogen habe, verstanden sie als Einladung, mich zu verspotten. Mir wurde auf brutale Art und Weise gezeigt, dass ich anders war und wie gefährlich das für Kinder in meinem Alter war.

Warum geht es andere Menschen etwas an, was ich anziehe? Das ist eine Sache, die ich nie verstanden habe. Ich wurde auf der Schule verbal und körperlich dafür misshandelt, dass ich Sachen getragen habe, die nicht der Norm entsprochen haben. Den Preis für mein Anderssein habe ich bezahlt, mittlerweile sehe ich es als Geschenk. Ich wurde dadurch nur noch mehr darin bestärkt, zu der Person zu werden, die ich bin, ohne mich dafür zu entschuldigen oder es zu bereuen. Rückblickend lässt sich das natürlich einfach sagen. Die ständigen Misshandlungen und der Hass, dem ich täglich ausgesetzt war, hätten bei jemand anderem natürlich sehr negative Auswirkungen haben können.

Während meiner Schulzeit habe ich mich in die Fantasiewelt geflüchtet. Ich habe Kunstkurse besucht und habe mir die Welt erschaffen, in der ich Leben wollte. Ich habe immer von der High-Fashion-Welt geträumt, die ich aus den Magazinen, den Filmen und dem Fernsehen kannte. Als es Zeit wurde, diesen Traum in die Realität umzusetzen, habe ich mein Portfolio mit Entwürfen an das Zulassungsbüro von Fashion Institute of Technology geschickt. In dem Portfolio steckten nicht nur all meine kostbaren Ideen, sondern auch meine Hoffnungen, dem Kleinstadtleben zu entfliehen.

Nach Wochen des Wartens ohne Reaktion bekam ich endlich mein Portfolio zurück, einige Wochen später bekam ich einen Brief. Ein Brief vom Fashion Institute of Technology. Wow! Für mich war das so, als ob ich von Dorothy vom Großen Oz höchst persönlich angesprochen werde. Meine Anspannung und Nervosität waren greifbar, als ich den Brief geöffnet habe. Umso größer war meine Enttäuschung, als ich folgenden Satz lesen musste. Ein Satz, der sich in mein Gehirn eingebrannt hat. "Ihnen fehlt es an Originalität, Kreativität und der künstlerischen Fähigkeit." Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass ich geweint habe, sehr viel sogar. Von höchster Instanz wurde mir bescheinigt, dass ich nicht genug war. Dieser Brief hat mich sehr beeinflusst. Also habe ich mein Talent angezweifelt. Was wusste ich denn? Ich war nur wie einer von Millionen Träumern, der dachte, er sei etwas Besonderes. Das hat mich zum Nachdenken gebracht, mir einen anderen Beruf und eine andere Leidenschaft zu suchen.

Jeder, der schon mal verliebt war, kennt folgendes Gefühl: Was das Herz will, das will es. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Ich bin nach New York gezogen und habe eine andere Richtung eingeschlagen: Kunstgeschichte. Die NYU hat mich in dem Fach zugelassen. Ich war auf den Straßen vom Greenwich Village unterwegs und habe mich gleich zu Hause gefühlt. Mein langes, geflochtenes Haar, zusammengehalten von bunten Haargummis, hat an jeder Straßenecke für Komplimente gesorgt, in Kansas City hat es nur für Kopfschütteln gesorgt. Aus meinem Sarong-Röcken, meinen Lunchbox-Tüten, meiner reispapierdünnen Sonnenbrille und den Leder-Platteauschuhen — Dinge, die ich vorher mit Mut tragen musste— wurden Dinge, die einfach getragen habe, weil Mittwoch war.

Mit meinem neu gefundenen Selbstbewusstsein habe ich erneut den Versuch gewagt, meinen Träumen näherzukommen und habe die drei Modeschulen in New York angeschrieben: Parsons, Pratt und schließlich das F.I.T. Das erste Interview mit Parsons war vielversprechend. Ich hatte das Gefühl, dass ich ernstgenommen werde und eine echte Chance habe. Danach kam das Aufnahmegespräch bei Pratt. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich jemandem meine Arbeiten gezeigt, der sie so verstanden hat, wie ich sie gemeint habe. Jemand, der sich meine Entwürfe angeschaut hat und darin Potential sah. Jemand, der meine Vision begeistert aufgenommen hat und meine Sprache spricht. Das war ein Durchbruch. Ich habe endlich einen Ort gefunden, wo ich hingehöre. Ich konnte Licht am Ende des Tunnels sehen. Meine Träume wurden wieder so klar wie die Sonne am Horizont.

Das heißt nicht, dass danach alles rosig war. Ich musste einen Studentenkredit aufnehmen und mich um ein Stipendium bewerben. Ich musste lernen, wie man Schnittmuster ausschneidet, wie Kleider drapiert werden und wie ich die Ideen, die ich in meinem Kopf habe, nähen und sie zum Leben erwecken kann. Ich konnte mir vier Jahre Studium am Pratt nicht leisten, also habe ich das vierjährige Studium in drei gepackt, oft zwei oder drei Praktika gleichzeitig absolviert und dazu noch in der Unibibliothek gearbeitet, um zu überleben. Das war hart, aber ich konnte endlich meinen Traum verwirklichen und das war das Wichtigste.

In dieser Zeit habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und die amerikanische Niederlassung von Aeffe angerufen, die die Kleidung von ein paar meiner Lieblingsdesigner produzieren und vertreten, darunter Rifat Ozbek, Jean-Paul Gaultier und Franco Moschino. Ich habe den Präsidenten Michelle Stein getroffen, der mir ein Praktikum angeboten hat, bei dem ich von der Presseabteilung bis zu Sales überall helfen würde. Es war fantastisch, inmitten all der Mode zu sein, die ich vom Laufsteg lieben lernte und sie aus nächster Nähe zu sehen. Ich war im Himmel!

Ich habe an meiner Abschlusskollektion gearbeitet und mich so gefreut, meine Visionen auf den Laufsteg zu bringen. Ich hatte mich noch nie so lebendig gefühlt. Ich habe ein Gespür dafür bekommen, dass zwischen meinen Arbeiten und der Umgebung ein Dialog entsteht, einfach dadurch, dass ich mit anderen meine Designs geteilt habe und dabei zusehen konnte, wie sie allmählich Gestalt annehmen. Ich hatte Blut geleckt und der Appetit sollte nie wieder weggehen.

Als mein Abschluss immer näher rückte, wusste ich, dass es Zeit wurde für etwas Neues. So sehr ich New York nach der Farm geliebt habe, ich wollte nach Europa. Die Cool-Kids in London sehen, über die ich in i-D gelesen habe. Ich wollte unbedingt nach Paris, wo alle meine Helden aus der Modewelt ihre Kollektionen präsentieren. Ich habe mir ein Abflugdatum rausgesucht und mir geschworen, dass ich daran festhalten würde, sonst würde ich es nie tun. Also habe ich meine Sachen gepackt und bin ein paar Wochen nach meinem Abschluss nach Paris geflogen. Die Stadt war ein ganz anderes Kaliber. Mein Schulfranzösisch war zwar gut genug, um mir ein Brot zu bestellen, "le pain", aber es hat nicht gereicht, damit im Alltag zurechtzukommen. Mein Französisch hat sich schnell verbessert, meine Situation dafür nicht. Ich war obdachlos, hatte kein Dach über dem Kopf und keinen Job. Ich bin in mich gegangen und habe mir geschworen: Wenn ich einen Job und eine Wohnung vor meinem Rückflug in die USA zu Weihnachten finde, würde ich bleiben und meinen Weg weitergehen. Wenn ich es nicht schaffen würde, dann müsste ich mich einfach damit arrangieren, dass Mode nicht der Plan Gottes für mich ist.

Wie es das Schicksal wollte, hat es sich ausgezahlt, dass ich keine Wohnung hatte und jeden Abend in Clubs gegangen bin. Mir wurde ein Job als Partypromoter angeboten. Ich wurde bezahlt, um auf Partys zu gehen, weil ich "cool aussehe". Das war nicht genau das, worauf ich gehofft hatte, aber manchmal ergibt eine Chance eine neue.

Durch die Freunde, die ich in den Pariser Clubs kennengelernt habe, habe ich eine Wohnung gefunden und konnte meine erste Modenschau veranstalten. Durch ihren Zuspruch und ihre Connections habe ich einen Ort gefunden, den ich kostenlos benutzen durfte. Meine Künstlerfreunde haben mir ihre Installationslichter geliehen, um den Ort auszuleuchten und andere haben für mich gemodelt. Ich habe mir nicht im Entferntesten vorgestellt, dass ich nach Paris gehe und meine eigene Linie starte, das ist einfach so passiert. Dadurch habe ich gelernt, dass man im Leben nicht immer alles planen kann. Manchmal ist es nicht Plan A, B oder C, der richtig ist, manchmal ist es eben Plan X, Y oder Z! Du kannst so viel planen und dir vorstellen, wie du willst. Worauf es wirklich ankommt: Du musst bereit sein, das anzunehmen, was dir das Universum anbietet.

Ich werde im September mein 20-jähriges Jubiläum feiern: seit 20 Jahren entwerfe ich, seit 20 Jahren bin ich ein unabhängiger Designer, seit 20 Jahren kämpfe ich darum, dass ich gehört werde und seit 20 Jahren bin ich Rebell. Ich komme aus einer armen Familie und bin nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen. Ich hatte kein Geld, kein Vitamin B und nichts hat mir geholfen, dahin zu kommen, wo ich heute bin, außer: mein Traum. Ich habe dafür gekämpft, dass dieser Traum wahr wird und immer größer und größer geträumt.

Wenn du das Gefühl hast, dass du dein Traum bereits verwirklicht hast, dann ist er nicht groß genug, also träume größer. Träume mutiger und kämpfe. Kämpfe für deine Träume, denn sie sind das Wertvollste, das wir haben. Und manchmal sind sie sogar das einzige, das wir haben.

Hier findest du alles aus unserer The Creativity Issue.

Credits


Text: Jeremy Scott
Foto: i-Cons: Jeremy Scott. Courtesy of Pablo Olea, 1995.