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diese queere body-positive-aktivistin sieht keinen widerspruch zwischen feminismus und islam

Was bedeutet es, im Jahr 2016 Feministin zu sein? Reicht es, einen Girlpower-Pullover zu tragen? Kann man als Muslimin Feministin sein? Und welchen Satz sollte man allen Feminismus-Gegnern entgegen schreien, wenn man nur für wenige Sekunden die Chance...

von Lisa Leinen
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10 März 2016, 1:55pm

„Du kannst dich feminin kleiden, modisch sein, Lippenstift und Nagellack tragen, lange Haare haben, du musst dich dabei aber nicht als Frau identifizieren", erklärt uns die Bloggerin und Aktivistin Hengameh Yaghoobifarah. Sie selbst identifiziert sich nicht als Frau und möchte auch nicht so genannt werden. Nebst ihrem Blog Queer Vanity schreibt sie für verschiedene Magazine, meist über Feminismus. Wir haben uns mit ihr über ihre Erfahrungen, Auffassungen und Anliegen unterhalten. 

Was bedeutet es, Feministin zu sein?
Ich glaube, dass es so ganz viele verschiedene Definitionen geben wird, gerade auch 2016. Also da gibt es jetzt immer mehr Leute wie Taylor Swift oder Beyoncé, also Mainstream-Popstars, die sich dann als Feministinnen outen und so eine Girlpower-Schiene fahren. Dann gibt es eben auch rechtspopulistische Leute wie Erika Steinbach oder Birgit Kelle, die sonst eigentlich sehr anti-feministisch sind, aber sich seit Köln plötzlich für Frauenrechte interessieren, und die dann auch feministische Rhetorik für sich einnehmen. Durch diese sehr große Spannweite ist es, glaube ich, auch so, dass viele Leute ihren Feminismus dann immer noch ein bisschen mehr definieren wollen, also queeren Feminismus oder Trans-Feminismus beispielsweise.

Ab wann ist man Feministin?
Feminist oder Feminstin ist für mich, wer an die soziale, politische und ökonomische Gleichheit aller Geschlechter glaubt. Wichtig ist mir dabei auch, dass es nicht nur um die Lebensrealitäten von privilegierten Top-Girls und Karrieremädchen geht, sondern auch um Leute, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. Wenn Feminismus nicht intersektional ist, dann ist er für mich irrelevant. Feminismus wird zwar immer populärer und geht immer leichter von der Zunge, es sollte meiner Meinung nach aber schon noch so sein, dass es etwas Störendes ist. Feminismus sollte nicht bequem sein, er sollte unverfroren und ohne Rücksicht auf verletzte Gefühle von Privilegierten ausgesprochen werden.

Ist die Feminismus-Debatte auch zu einer Art Trendbewegung geworden?
Ja, man kann sich mittlerweile bei Acne Studios oder H&M so ein Feminismus-Pulli holen. Ich denke aber, weil es eine gute Sache ist, ist es ein guter Trend. In einem Land, in dem Feminismus auch viel mit Sachen, die nicht feministisch sind, verbunden wird und sich viele Frauen nicht trauen, sich Feministin zu nennen, hat diese Trendbewegung doch etwas Gutes. Gleichzeitig: Je mehr Leute sich Feminismus auf die Fahne schreiben, desto mehr Formen gibt es. Was dann das Ganze wiederrum so ein bisschen schwammig macht.

Hast du Vorbilder?
Es gibt schon sehr viele Personen, zu denen ich aufschaue, das sind auch sehr unterschiedliche Leute. Also da gibt es eine Bandbreite—von Fat-positive-Filmemacherinnen wie Courtney Trouble bis zu Nicki Minaj. Die finde ich toll, weil sie einfach zeigt, dass Frauen feminin sein können, und zum Teil auch auf so eine sehr kitschige Art, trotzdem aber so bossy und engagiert auftreten können.

Alice Schwarzer ist in den letzten Jahren immer mal wieder mit manchen Äußerungen als Negativbeispiel aufgefallen ...
Auf jeden Fall. Da können sich ja auch sehr viele Frauen überhaupt nicht mit identifizieren und dadurch dann auch nicht mit Feminismus. Also viele muslimische Frauen denken Feminismus sei nichts für sie, dabei ist es nur diese rechtspopulistische Sprache, die da genutzt wird, und Feminismus irgendwie als Entschuldigung für antimuslimischen Rassismus benutzt.

Welche Rolle spielen denn heutzutage die sozialen Medien in der Feminismus-Debatte?
Eine sehr große Rolle! Die Leute sehen, dass man nicht Mode hassen muss, um Feministin zu sein. Du musst keine Aktivistin oder eine alte verbitterte Person sein, um Feministin zu sein. Hashtags helfen da auch sehr viel, also von #freethenipple, #effyourbeautystandards bis #transisbeautiful oder #blackisbeautiful—also alle Körper, die in medialen Diskursen nicht sichtbar sind, können sich somit untereinander vernetzen und auch Sichtbarkeit erkämpfen.

Was war der Auslöser für deinen Blog?
Ich habe damals versucht, welche zu finden, aber es gibt sehr wenige queere Blogs in Deutschland und die meisten Fa(t)shion-Blogs, die sind vielleicht ganz cool, aber nicht unbedingt das, womit ich mich identifiziere. Dann dachte ich, für mich ist es wichtig, dass Mode auch als etwas begriffen wird, was soziokulturell ist und als Widerstandsstrategie funktioniert. Mode ist ein Kommunikationsmittel, selbst wenn du dich nicht für Mode interessierst, kommunizierst du durch deine Kleidung etwas.

Dein Blog heißt Queer Vanity, das Wort queer benutzt du sehr oft.  Wie definierst du es?
Das ist zweideutig. Also queer bedeutet ursprünglich ja merkwürdig. Dann wurde es als Schimpfwort für LGBTQ-Personen, vor allem für Trans-Personen genutzt und dann haben sich das Schwule, Lesben und Trans als Selbstbezeichnung angeeignet, im Sinne von widerständig, anti-heteronormativ—alles sehr politisch geladen. Also ich identifiziere mich selbst auch nicht als Frau, also ich sehe mich als nicht-binär, das steckt für mich in dem Wort queer alles drin.

Bei meinem Blognamen geht es aber auch nicht nur um queer im Sinne von LGBTQ, sondern generell als widerständig—zum Beispiel durch mein Dicksein und durch mein Person-of-Color-sein. Und für mich ist queer eben auch nicht in dem Kontext queere Eitelkeit, ob man lesbisch oder schwul ist, sondern welche Körper dürfen denn eitel sein und welche nicht? Und das sind eben auch dicke Leute, haarige Leute; Leute, die eine sichtbare Behinderung haben; die Trans sind; Leute, die nicht weiß sind ... Das sind ja alles Gruppen, die aus hehren Idealen ausgeklammert werden, oder sogar als das andere gelten. Also als ich jünger war, war das dann immer so: Du solltest abnehmen, denn du willst ja nicht so die dicke Person sein; du willst zu den Dünnen gehören, die begehrenswert sind. Es gab da diese Rhetorik und dagegen wollte ich mich wehren.

Du siehst dich also nicht als Frau?
Nein, ich verstehe mich als nicht-binäre Person. Also ich verstehe Gender nicht als Frau oder Mann, sondern es ist ein großes Spektrum und du kannst dich halt auf verschiedenen Teilen des Spektrums verorten. Es gab schon immer nicht-binär verortete Personen, die weder weiblich noch männlich sind, manchmal dazwischen, manchmal total fernab davon. Heutzutage wird es auch immer mehr in der Popmusik besprochen. Zum Beispiel Grimes, Miley Cyrus, Angel Haze, die haben sich im letzten Jahr als nicht-binär oder geschlechterlos geoutet. Das ist wieder so ein Trend, eben dass es mehr Leute sagen, wenn sie sich so identifizieren.

In der Öffentlichkeit präsentierst du dich sehr modisch, sehr feminin. Das widerspricht sich also nicht?
Du kannst dich feminin kleiden, modisch sein, Lippenstift und Nagellack tragen, lange Haare haben, du musst dich dabei aber nicht als Frau identifizieren. Das finde ich auch etwas, worüber mehr in der Gesellschaft gesprochen werden sollte. Denn ich werde von der Gesellschaft zu 99 Prozent als Frau identifiziert. Wir brauchen alle den Feminismus, um uns von den Erwartungshaltungen der Gesellschaft, von Normen, die wir nicht erfüllen können, von Gewaltstrukturen befreien zu können. Deswegen ist es für mich kein Widerspruch, nein. Es ist eher so, dass ich denke: Gerade ich brauche den Feminismus, damit Leute auch verstehen, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt. Aber natürlich stimmen nicht alle Feministinnen dem so zu, aber das ist auch sehr oft deren Unwissen.

Bist du Muslimin?
Ja, also ich bin muslimisch aufgewachsen. In meiner Jugend konnte ich mich nicht mehr damit identifizieren, weil ich dachte, dass alle Frauen in muslimischen Ländern unterdrückt werden. Aber mittlerweile habe ich verstanden, dass es geht, gleichzeitig Muslimin und Feministin zu sein. Auch hier habe ich viele Gleichgesinnte im Internet getroffen.

Gibt es da eine Community?
In Berlin gibts eine kleine Community, ja. Es gibt dieses internationale Fotoprojekt, das heißt „Just me and Allah - the queer muslim project", das macht eine Bekannte von mir, Samra Habib, und sie fotografiert und interviewt eben queere Muslime aus der ganzen Welt.

Beschäftigst du dich auch mit dem Umgang anderer Länder mit dem Thema Feminismus? Wo stehen wir zur Zeit in Deutschland?
Also in Schweden ist es so, dass der Feminismus schon länger selbstverständlich ist. Das sieht man auch in der dortigen Jugendliteratur oder in Fernsehserien. Die haben auch eine feministische Partei, die jung und hip ist. In Deutschland gibt's dagegen nur die Partei Die Frauen, die kommt aber allen so ein bisschen unterirdisch vor, man weiß irgendwie nichts über sie. Wie die sich präsentieren ... da hat man natürlich keinen Bock mehr, sich damit auseinander zu setzen.

Ja, das ist es In Deutschland fehlt vielleicht eine Art Mittelweg? 
Ja, auf jeden Fall! Das wird alles auch so trocken verhandelt in Deutschland. Dann denkst du „OK, Feminismus ist so Gender, Paygap, Pille danach, Quote", und das wars. Aber wenn du im englischsprachigen Raum unterwegs bist, dann ist Feminismus irgendwie viel mehr. Figuren wie Beyoncé oder Lena Dunham vereinfachen die Identifikation für die jüngere Generation. Ich schaue zum Beispiel auch gerne Broad City, eine Serie, die eine neue Perspektive bietet und die ich sehr empfehlen kann.

Gibt es Sätze oder Floskeln, die du nicht mehr hören kannst?
Ja, wenn man sagt: „Sexismus gegen Männer." Wenn Frauen sagen, sie finden Männer nervig oder wenn Männer in irgendwelche Räume nicht reinkommen dürfen, dann ist es Sexismus gegen Männer. Ich denke mir dann „Nö, solche Räume, wo Männer nicht reinkommen sollen, existieren nur, weil Frauen so viel Gewalt von Männern erfahren haben und einfach mal einen sicheren Raum haben wollen, wo sie heilen können." Oder Sätze wie „Frauen, die ein Kopftuch tragen, können nicht feministisch sein." Das sehe ich nicht so, es gibt viele, die das bewusst für sich entschieden haben.

Stell dir vor, du stehst im Fahrstuhl, die Tür geht langsam zu und du hast nur noch drei Sekunden und einen Satz, den du allen Feminismus-Gegnern entgegen schreien willst …
Am liebsten würde ich schreien „Fickt Euch!", aber das ist natürlich nicht der schlagfertigste Satz. Aber ich denke oft: Was kann man diesen Leuten noch sagen?

Aber geht es nicht auch viel um Aufklärung?
Ja, oft. Vielleicht würde ich ihnen dann aus dem Fahrstuhl entgegenrufen „Geschlecht ist eine Konstruktion!" Es kommt ja drauf an, ob die Leute es wissen wollen oder nicht. Wenn sie es wissen wollen, dann würden sie sich vielleicht mit dem Satz mehr beschäftigen.

Wie siehst du deine Rolle, deine Aufgabe? 
Mir ist es sehr wichtig, dass das, was vielleicht auch ein bisschen komplex ist, also mein Verständnis vom Feminismus, dass ich das verständlich verpacken kann. Und ich habe das Gefühl, manchmal schaffe ich das nicht, aber ich gebe mein Bestes, damit junge Leute, die sich damit nicht beschäftigt haben, auch an diese Infos rankommen. Und dass alles, was ich sage, ihnen auch helfen kann. Ich bin heute dankbar für jede Person, die sich die Zeit genommen hat, mir Dinge zu erklären und mit mir über gewisse Themen zu reden. Ich glaube, das kann manchmal abschreckend sein—gerade zu Beginn, wenn man das Gefühl hat, alles falsch zu machen. Aber es gibt keine falsche Art, Feministin zu sein! Genau so, wie es keine richtige Art gibt, Feministin zu sein!

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Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: Elif Kücük