wenn man auf du und du mit nick cave, nina hagen und co. ist

... fotografiert man sie und erschafft so wohl eines der interessantesten Bildarchive der 80er in Berlin.

von Alexandra Bondi de Antoni
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23 September 2016, 11:40am

Vielleicht ist es die allgemeine Melancholie unserer Generation, vielleicht ist es der Wunsch zurück in eine Zeit, in der sich Punk wahrscheinlich noch echt angefühlt hat, vielleicht sind es aber auch einfach die Gedanken an wilde Partys mit Musikern in Hotelzimmern ohne Live Tweets und Instagram Storys, dass die Bilder von Ilse Ruppert uns so fesseln. Die Fotografin hat in den 80ern begonnen, die Szene um sich herum zu fotografieren und hatte sie alle vor der Linse: Von Nick Cave, den Ramones über Nina Hagen bis hin zu den Punks, die in Berlin die Häuser besetzt haben. Ihre Fotos sind ein Blick zurück in eine Zeit, in der die Legenden von heute noch die Musiker von nebenan waren, mit denen man in der Kneipe an der Ecke versackt ist.

The Ramones 

Wie bist du zum Fotografieren gekommen? Kannst du dich an das erste Foto erinnern, das du jemals gemacht hast?
Ich weiß es nicht genau. 1974 war ich in London und ein Freund von mir, der an der Central Saint Martins Kunst studiert hat, hat mich gefragt, ob ich für ihn posieren will. Ich hab mich einfach auf den Boden gelegt, mein Gesicht wurde nur von einer Kerze beleuchtet und er hat dann das Foto von mir gemacht. Es war sehr stark, mit viel Ausdruck und in schwarz-weiß. Als ich das Bild dann gesehen habe, ist mir klar geworden: Das muss ich auch machen. So hat meine bis jetzt andauernde Liebesgeschichte mit der Schwarzweißfotografie begonnen. Ich bin sofort nach Deutschland zurückgeflogen, habe mir eine Kamera gekauft und begonnen, Fotos zu machen. 

Was sind die ersten Gedanken, wenn du an die 80er zurückdenkst? Wie würdest du heute die Zeit damals beschreiben?
Meine Anfänge in der Fotografie sind mit den Anfängen der Punk-Bewegung zu Beginn der 80er Jahre zusammengefallen. Musik war damals und ist heute immer noch eine sehr wichtige Inspirationsquelle für mich. In den Achtzigern war ich wirklich von der unglaublichen Energie der Menschen, die Teil der Bewegung waren, fasziniert. Es war der Moment, in dem eine neue Popkultur entstanden ist ... und ich war mittendrin. Ich habe das Chaos geliebt! Ich habe dann langsam realisiert, dass ich schon immer ein Punk gewesen bin, schon als Kind. Ich habe schon immer versucht, gewisse Dinge mit Humor zu sehen und war schon immer irgendwie rebellisch. Ich würde nicht sagen, dass ich eine Punk-Fotografin war, weil ich auch so viele andere Dinge getan habe, aber die Energie damals war einfach so mitreißend. Die Bars, die Konzerte, die Leute, die Partys und natürlich auch die Drogen.

Was bedeutet Punk? Gibt es das heutzutage überhaupt noch?
Punk war wie eine Explosion in meinem Gehirn. Alles war plötzlich möglich. Sogar für mich: einen Autodidakt in jeder möglichen Hinsicht. Ob es Punk heute noch gibt, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich schon, aber in einer anderen Form.

Keith Richards

Klaus Nomi und Karin Lune

Nick Cave 

Die Leute auf den Fotos wirken alle sehr entspannt.
Ja, ich habe immer sehr schnell fotografiert, bevor sie angefangen haben, sich dessen bewusst zu sein und beginnen konnten, ihr Image zu kontrollieren.

Wie hast du die Musiker, die man auf den Fotos sieht, kennengelernt? Wie hast du es geschafft, ihr Vertrauen zu gewinnen?
Das ist eine Frage, die ich oft gestellt bekomme. Ich bin einfach auf sie zu gegangen, habe sie gefragt und ihnen mein Portfolio gezeigt. Manchmal haben sie auch mich gefragt. Das Vertrauen kam dann durch den Respekt, den ich ihnen gegenüber gebracht habe.

Christiane F

Gab es jemanden, der besonders schwer zu fotografieren war?
Ich glaube, die einzige Person, mit der ich wirklich Probleme hatte, war der amerikanische Filmemacher Elia Kazan. Er ist einer dieser Personen, die dich sofort durchschauen und etwas sagen, dass dich total aus der Bahn wirft.

Ist Musikfotografie noch das Gleiche wie damals?
So wie sich die Musik verändert hat, hat sich auch die Musikfotografie geändert. Damals passte einfach alles zusammen. Es war eine wilde Zeit.

Mark Reeder hat uns auch das eine oder andere über die 80er in Berlin erzählt.

Kann man heute noch Musiker so fotografieren, wie es damals der Fall war, wenn jeder mit dem Handy beim Konzert steht und alles festgehalten wird?
Natürlich kann man das—wenn sich die richtige Situation ergibt. Aber Musiker sind heutzutage viel aufmerksamer. Es wird immer schwieriger, die Person so einzufangen, wie sie ist, bevor sie sich künstlich gibt.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest—wenn du noch mal in der Zeit zurückgehen könntest?
Nein. Wenn du weißt, dass du ein gutes Foto gemacht hast, dann ist das die totale Befriedigung. Man ist eins mit der Welt. [Lacht]

Bei The Clash Konzert

Zum Abschluss würde es mich noch interessieren, ob es eine Geschichte mit einem Künstler gibt, an die du besonders gerne zurückdenkst?
Es gibt so viele Geschichten. Als The Clash 1980 in der „Markthalle" in Hamburg aufgetreten sind, hat irgendjemand aus dem Publikum eine Dose Bier auf die Bühne geschmissen. Joe Strummer hat daraufhin mit der Gitarre nach ihm geschlagen und dann haben die Randale angefangen. Ich hing an einer Lautsprecherbox und habe alles mit meiner Motorkamera fotografiert—heute unvorstellbar. Die Polizei ist dann mit Schäferhunden angerückt. Ich glaube, das Konzert wurde abgebrochen.
Oder als ich 1982 den Auftrag bekam, eine Reportage über Jugendbewegungen in Ost-Berlin zu machen. Ich habe dann die Punks so wie es in der DDR eigentlich nicht gemacht wurde fotografiert: in Farbe und völlig gestellt. Die Fotos wurden weltweit in Zeitschriften veröffentlicht, woraufhin die abgelichteten Punks von der Staatssicherheit besucht wurden.

ilseruppert.de

The Police

Plasmatics

FM Einheit

Dennis Hopper

Jean Paul Gaultier

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Ilse Ruppert

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