marie davidson mischt beats mit poesie

Kurz vor ihrem Auftritt beim Melt haben wir sie auf unserer i-D Afternoon Stage zum Interview gebeten.

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Aug. 2 2017, 2:55pm

Wenn man Marie Davidsons Musik zum ersten Mal hört, fällt einem sofort die feine Art und Weise auf, wie die junge Produzentin Musik und gesprochene Worte miteinander verbindet. Ihre Stimme schwebt über den Kompositionen, während sie Poesie auf Französisch und Englisch ins Mikrophon haucht. Sieht man ihr live zu, wird das Können der jungen Kanadierin noch deutlicher. Neben ihrem Soloprojekt ist sie auch ein Teil des Duos Essaie Pas. 

Ursprünglich aus Montreal, hat sie der kanadischen Stadt für den Sommer den Rücken gekehrt und nennt Berlin gerade ihr Zuhause. Nach einigen Auftritten bei Festivals wie dem Sonar oder Primavera hat sie gerade beim Melt ihren ersten großen Festivalgig in Deutschland gespielt. Kurz vor ihrem Auftritt haben wir sie auf unsere i-D Afternoon Stage gebeten, um mit ihr die Unterschiede zwischen Montreal und Berlin, ihr Zweitprojekt Essaie Pas und die Unterschiede zwischen Englisch und Französisch zu besprechen.


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Was hat dich dazu bewegt, nach Berlin zu ziehen?
Es ist eine gute Base, während ich toure. Ich spiele jedes Wochenende, das ist von Montreal aus etwas kompliziert. [Lacht] Ich werde bis Dezember hier bleiben. 

Wie würdest du die Musikszene in Montreal jemandem beschreiben, der noch nie dort war?
Es gibt viele gute Künstler in Montreal. Das Traurige ist, dass die Infrastruktur fehlt. Deswegen gehen viele nach Berlin oder New York. Clubs machen um drei Uhr morgens zu und danach darf kein Alkohol mehr verkauft werden. Diese Beschränkungen machen es schwierig, etwas auf die Beine zu stellen. Aber natürlich gibt es auch ein paar coole DIY-Afterhour-Partys, mit denen die Leute versuchen, die Party- und Musikszene am Leben zu erhalten. Viele Läden müssen aber dichtmachen, weil sie nicht legal sind. Das ist etwas traurig im Moment. Der Stadt fehlt die Vision. 

Wenn du einen Vergleich mit Berlin ziehst: Fühlst du dich dann im Hinblick auf deine Musik hier mehr zu Hause?
In Bezug auf meine Musik, nicht wirklich. Meine Musik ist nicht für einen bestimmten Ort gedacht. Kulturell ist Berlin aber stärker.

Du singst auf Französisch und Englisch. Warum? 
Ich komme aus Montreal, da ist das normal. Es liegt in Quebec, also im französischen Teil Kanadas — die Leute sprechen alle Französisch und Englisch. Meine Muttersprache ist Französisch, in der Schule habe ich aber Englisch gelernt. Manche Ideen sind in Französisch einfacher auszudrücken, andere leichter in Englisch.

Was muss eine Idee haben, um auf Englisch oder eben auf Französisch umgesetzt zu werden? 
Englisch ist direkter. Französisch ist anspruchsvoller und hat mehr Nuancen, ist manchmal aber auch weniger klar als Englisch.

Neben deinem Soloprojekt bist du auch Teil von Essaie Pas. Inwiefern unterscheidet sich dein Kreativprozess, wenn du alleine bist von der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern?
Wenn ich alleine arbeite, treffe ich alle Entscheidungen. Wenn ich mit jemand anderem arbeite, entsteht ein Dialog — du tauschst Ideen aus. Davon abgesehen läuft es für mich auf die gleiche Sache hinaus: Musik machen.

Du hattest von der Ausgehkultur genug und hast deshalb das Album Adieux Au Dancefloor (auf Deutsch: Auf Wiedersehen, Tanzfläche) genannt. Könntest du die Idee etwas näher erklären?

Meine Musik ist Kunst. Was ich tue, ist sehr persönlich — fast existenziell. Ich musste meine Verbindung zu manchen Aspekten der Clubkultur brechen, aber trete ja auch noch auf und gehe manchmal aus. Ich habe auf jeden Fall alle Illusionen verloren und musste mich distanzieren. Es ist eine Kritik, aber auch ein Kommentar und Wertschätzung dieses Lifestyles. Für mich ist es ein Album, das als ein Ganzes gesehen werden muss, wie ein Film. Es erzählt davon, wie ich mich 2015 gefühlt habe, als ich die Songs geschrieben habe.

Hat sich deine Einstellung zur Clubkultur seitdem verändert?

Nein, die ist gleich geblieben.

Wie schreibst du deine Texte? "Naive To the Bone" mochte ich sehr. Wie bist du darauf gekommen?
Ich mache erst die Musik. Im Studio spiele ich die Melodie dann in einem Loop, nehme ein Mikro und schaue, was so rauskommt. Sobald die Hauptideen raus sind, setzte ich mich hin und schreibe die Texte. Sie sind immer davon beeinflusst, wie ich mich fühle, was ich erlebt oder was ich gehört habe.

Wie sieht dein Live-Set-up aus?
Ich spiele live mit Hardware. Ich stecke einfach eine Menge Maschinen in einen Mixer. Zum Sprechen und Singen verwende ich ein Mikrofon.

Wie sehen deine nächsten Schritte oder Pläne aus?

Mit Essaie Pas wird bald ein neues Album erscheinen. Ansonsten toure ich bis Dezember weiter, dann geht's nach Hause zurück.

Was noch so auf unserer i-D Afternoon Stage passiert ist, findest du hier

Credits


Text und Foto: Alexandra Bondi de Antoni