eine neue fotoausstellung in berlin würdigt feministinnen aus den 60ern und 70ern

Von Twiggy bis Jackie Kennedy: Eine Ausstellung in Berlin zeigt Porträts von Frauen, die den Style, die Politik und die Attitüden unserer heutigen Zeit geprägt haben.

|
08 September 2016, 11:15am

© Steve Schapiro, Andy Wahol, Edie Sedgwick and Entourage, New York, 1965

Jacqueline Lee Bouvier, Tochter eines reichen Wall-Street-Magnaten war nicht so wie die meisten Mädchen in ihrem Alter. Als 18-Jährige schrieb sie ihre Zukunftspläne in ein Tagebuch: „Keine Hausfrau werden." 12 Jahre später wurde sie zur First Lady der USA und ihr Ehemann John F. Kennedy legte 1961 seinen Amtseid ab.

Das Museum The Kennedys zeigt momentan in der Sonderausstellung Decades of Change: Iconic Women oft he 1960s and 1970s Porträts von einflussreichen Pionierinnen wie Jackie Kennedy und Popikonen von, unter anderem, wie Marlene Dietrich, Katharine Hepburn und Barbra Streisand. In den neuen Räumen des Museums, das vom Pariser Platz in eine alte Schule in Mitte umgezogen ist, werden 60 Porträts von wichtigen Frauen der Frauenbewegung gezeigt—von Grace Kelly bis Twiggy.

© Thomas Billhardt, Angela Davis, Berlin, 1973 

Die Museumsdirektorin und Kuratorin Alina Heinze hat bei der Auswahl der Fotos darauf geachtet, Frauen zu zeigen, die in ihren Augen die Frauenbewegung geprägt haben. Die mutig waren und für Veränderungen gekämpft haben: für die volle Gleichstellung, für gleiche Bezahlung, für bezahlbare Kundenbetreuung und Geburtenkontrolle. Diese Frauen haben letztlich den Weg dafür geebnet, was es heutzutage bedeutet, eine moderne Frau zu sein.

Inspiriert wurde die Ausstellung von Jacqueline Kennedys Zeit als First Lady in den Jahren 1961 bis 1963 und ihre Unabhängigkeit, die auch noch nachfolgende Generationen von Frauen inspiriert haben. Kennedy war eine Frau mit Prinzipien und ein Vorbild, deren Einfluss auch heute noch zu spüren ist.

„Zwar stufen wir heutzutage Jackie Kennedys Arbeit als Journalistin, ihr politisches Engagement und ihre Artikel als progressiv ein, ihr öffentliches Image als perfekte Mutter und Ehefrau standen im Gegensatz zu den Forderungen der Feministen in den 60ern und 70ern", so Aline Heinze. „Doch die Wahrheit ist, dass sie so viel mehr war als nur eine Hausfrau und Mutter."

© Steve Schapiro, Katharine Hepburn, London, 1972 

Als First Lady förderte und unterstützte sie Kunst in Amerika und hat sich für Erhalt von Kunstgeschichte eingesetzt und das Weiße Haus mit einigen der besten Kunstwerke ausgestattet. Sie hat staatliche Stifungen zur Kunst- und Kulturförderung ins Leben gerufen, die auch heute noch Kulturprojekte mit Geldern unterstützen und Workshops anbieten. „Die Gesellschaft wollte neue weibliche Vorbilder", so Heinze. „Wir wollen zeigen, wer diese Frauen waren."

Zu den Frauen in der Ausstellung gehört auch die Hollywood-Schauspielerin und Aktivistin Katherine Hepburn. „Statt sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter zu fügen, reichte Katherine Hepburn 1934 die Scheidung ein, um sich auf ihre Schauspielkarriere zu konzentrieren", erklärt uns Heinze. „Sie hat öffentlich Verhütung und Abtreibung unterstützt, Themen, die eng mit der sexuellen Revolution in den 60ern und 70ern verknüpft sind."

Das Privatleben der Oscar-prämierte US-Schauspielerin hat dem ihrer Rolle Christine aus dem Film Die ganze Wahrheit aus dem Jahr 1942. Hepburn blieb Zeit ihres Lebens eine unabhängige und selbstbewusste Frau, neben Marlene Dietrich war sie eines der Gesichter des Feminismus der zweiten Generation. Diese Frauen haben Hosen zu einer Zeit getragen, in der es Standard war, dass Frauen im Kleid auf die Straße gehen.

© Steve Schapiro, Mia Farrow with child, Bora Bora, 1978 

Sängerin und Songwriterin Diana Ross ist ebenfalls in der Ausstellung vertreten. Bekannt wurde sie zuerst als Frontfrau der Supremes, die erfolgreichste Girlband in den 60ern und aller Zeiten. Auch als Solokünstlerin war Ross beliebt und kann locker mit den Beatles mithalten. „Ross wurde zu einem Ideal einer modernen Frau", erklärt Heinze. „Ihr Song ‚I'm Coming Out' aus dem Jahr 1980, in dem sie über ihre Befreiung aus dem von Männern dominierten Label Motown Records singt, ist eine feministische Hymne."

Platz in der Ausstellung wurde auch der preisgekrönten Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand eingeräumt. Die ausgestellten Fotos zeigen ihre persönliche Seite: In der Badewanne oder am Küchentisch. „Über viele Jahre hinweg hat sie die Frauenrechtsbewegung unterstützt", so Heinze. „Als überzeugte Feministin hat sich wiederholt öffentlich die bestehende Diskriminierung von Frauen in den USA kritisiert."

Doch nicht alle Fotos sind zwangsläufig glamourös und gestellt. Auf einem Foto kümmert sich Schauspielerin und Aktivistin Mia Farrow um eine kleines Kind. Sie hat 14 Kinder, zehn davon sind adoptiert. Als UNICEF-Botschafterin engagiert sich Farrow für Menschen- und Kinderrechte in Afrika und hat Dokumentationen über die Völkermorde in Ruanda und Darfur gedreht.

© Steve Schapiro, John and Jacqueline Kennedy, Washington, D.C., 1963 

„Das Foto verdeutlicht wie sich Farrows Perspektive im Laufe der Jahre verändert hat: Sie war Teil der glamourösen, aber falschen Filmindustrie und hat sich lieber um die Probleme und Tragödien der realen Welt gekümmert", so Heinze.

Ein Wermutstropfen bleibt. Fast alle gezeigten Fotos von Frauen wurden von Fotografen wie Richard Avedon, Helmut Newton und Will McBride aufgenommen, wodurch ein rein männlicher Blick auf die Frauen entsteht. In der Ausstellung gibt es nur eine Fotografin und das ist die Deutsche Charlotte March, die Romy Schneider fotografiert hat. Schneider wurde als österreichische Monarchin in der Sissi-Trilogie 1955 einem Millionenpublikum ein Begriff. Die deutsche Schauspielerin hat sich danach als Feministin und in den 70ern für das Recht auf Abtreibung engagiert.

Wir stellen dir hier vier feministischen Künstlerinnen vor, die nicht nur von der Mainstream-Kunstwelt zensiert wurden, sondern die auch vom feministischen Mainstream marginalisiert wurden.

„Während der Vorbereitungen zu der Ausstellung habe ich besonders nach den Arbeiten von Fotografinnen gesucht", erklärt uns Kuratorin Heinze abschließend. „Aber in diesen Jahrzehnten haben Fotografen das Geschäft dominiert. Seitdem hat sich auch nicht so viel geändert. Im nächsten Jahr werden wir in einer neuen Ausstellung die Arbeiten von Fotografinnen zelebrieren." 

© Steve Schapiro, Diana Ross, Los Angeles, 1974 

Decades of Change: Iconic Women of the 60s and 70s kannst du dir noch bis zum 16. Oktober im Museum The Kennedys in Berlin anschauen. Hier findest du mehr Informationen.

Credits


Text: Nadja Sayej