so reagiert die kunst auf den terrorismus

Bilder vom Terror haben Macht - Das haben die Ereignisse in Nizza und München bewiesen. Wie geht die zeitgenössische Kunst damit um? Wie visualisieren Künstler die Angst vor Terror? Und: Kann die Kunst uns irgendwie beruhigen?

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Sep. 6 2016, 8:10am

Wir leben vielleicht in den lautesten Zeiten, die es je gab. Der Krawall, der sich irgendwie in das Erbgut der Erde schlich, vererbt sich radikal weiter. Dabei ist das Geschrei meist immer noch zu hören, auch wenn die Ohren nichts mehr erreicht. „Bombenanschlag: Mehrere Tote, Dutzende Verletzte", „Bombenanschlag: 25 Tote, Hunderte Verletzte", „Bombenanschlag: Mutmaßlicher Täter gefasst". Im Newsticker ereilt eine Push-Mitteilung die nächste—zu dicht, um sie im Kopf sauber zu trennen. Auch wenn man auf lautlos stellt: Es ist wirkliches Getöse, das uns direkt in die Venen schießt. Wer aber kann sich von der Sucht befreien?

Dann gibt das Handy wieder Ruhe, die Medien verstummen. Die Angst aber wurde ausgiebig genährt. Sie ist da, wenn die Schlange vor Konzertbeginn immer länger wird, wenn auf der Party plötzlich Panik ausbricht oder die Tür der U-Bahn schließt. Dann werden Rucksäcke verdächtig, die—mit ängstlichen Augen betrachtet—schon lange nicht mehr Lifestyle-Accessoires, sondern tödliches Gepäck sind. Der Rucksack hat seine Unschuld verloren und auch wenn die Vernunft weiß, wie bescheuert das ist: Die Hände schwitzen weiter.

Der Terrorismus, wie er sich nun zeigt, scheint unberechenbar zu sein. Er kann jeden einzelnen treffen—das ist zumindest die Sorge vieler Deutscher. In einer aktuellen Studie ist mit 73 Prozent die größte Angst der Deutschen jene vor Terror, die Dauerbrenner Eurokrise und Inflation wurden auf die Plätze verwiesen. Gegenüber dem Terrorismus früherer Jahre, der vor allem von links-oder rechtsextremen Gruppen begangen wurde, ist seine neue Form nämlich besonders niederträchtig: Er tötet wahllos. Denn anders als die klassischen Formen der politischen Gewalt richten sich die Attentate der jüngsten Zeit gezielt gegen Zivilisten. Genau dieser Zufall ist Kalkül: Von Gefahren zu wissen, ohne sich wirklich davor schützen zu können, ist der Nährboden jener diffusen Angst, die die Wahnsinnigen stark macht. Das wissen wir und dennoch quälen wir uns—mit einer latenten Verunsicherung und dem Versuch, sie zu verdrängen.

Dass sich die Ereignisse in unser Gehirn derart eingebrannt haben, liegt zum großen Teil an Bildern, die via Push-Mitteilung auf unser Handy schießen. Sie zeigen vermummte Männer, einen LKW, der in Menschen rast, Blut und Tränen und Bekennervideos voller Hass. Bilder vom Terror haben also Macht. Wie geht die zeitgenössische Kunst damit um? Wie visualisieren Künstler die Angst vor Terror? Und: Kann die Kunst uns irgendwie beruhigen? Wir haben uns die Werke dreier Künstler angeschaut.

Mikael Mikael

Einen Tag nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001 wandte sich der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani mit einer Aufforderung an die Bevölkerung: „Show you are not afraid. Go to restaurants. Go shopping." Die Parole des Bürgermeisters ist eindeutig: Geht Essen, kauft Schuhe, aber fürchtet euch nicht! Das Einstürzen der Türme hat alles verändert. Hier wurde die Phase der globalen Verunsicherung durch einen weltweit vernetzten Terrorismus eingeleitet. Die Antwort: Konsum. Darin sah der deutsche Künstler Mikael Mikael einen konzeptuellen Reiz. Was heißt es, Angst nicht zu zeigen, obwohl man sie hat? Er druckte Plakate, schwarze Schrift auf weißem Grund, ließ die Konsumaufforderung weg, und platzierte „Show you are not afraid" an Orten, an denen Anschläge stattfanden oder sich Folgen wie Ursachen von Terror räumlich manifestierten. Unter anderem im Olympiadorf in München, im Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin und am Fabrikgebäude der Israel Military Industries in Tel Aviv. Mikael Mikael wollte intervenieren—und das gelang ihm auch: Israelische Frauen haben im November 2011 das Plakat bei einer Solidaritätsbekundung für die ägyptische Bloggerin Aliaa Elmahdy eingesetzt—und sind damit international auf ein breites mediales Feedback gestoßen. Dazu kann jeder weiterhin beitragen: Auf seiner Website steht das Plakat zum Download bereit.
Mikael Mikael

Nina Ansari

War, Bedeutungsträger, der Krieg, 150x110 cm, c-print, 2010 copyright Nina Ansari

Wie fühlt es sich an, völlig ausgeliefert zu sein? Nicht zu wissen, was geschieht—bevor man ahnt, dass im nächsten Moment alles vorbei sein kann? Die 1981 in Teheran geborene Künstlerin Nina Ansari wollte das genauer wissen. Also hat sie einen dunklen Raumentworfen, hat an manchen Stellen die Wände aufgeritzt und dahinter zwölf Blitzgeräte positioniert, die sie mit ihrer Kamera verbunden hat. Eine Gruppe von Menschen sollte sich im Raum bewegen—ohne etwas zu sehen und zu wissen, wann Ansari schießt. Für einen kurzen Moment ist dann alles erleuchtet, der Fokus auf den Gesichtern, die panisch schauen. Wann passiert es? Wann kommt der Schuss?—ehe das Blitzlicht plötzlich einsetzt und die geweiteten Pupillen ins Leere starren. Hier wird die Kamera zur Waffe, die Künstlerin zum Vollstrecker. Der Terror ist allgegenwärtig. Im Alter von vier Jahren wurde Ansari Zeugin des Krieges im Iran, bevor sie mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Die plötzlichen Lichtblitze der Bomben, das „Ausgeliefertsein", während Augen und Waffen auf dich gerichtet sind,—all das hat die Künstlerin erlebt und in ihrer Arbeit visualisiert.
Nina Ansari

Michal Kosakowski

Wir kennen sie alle und dennoch werden sie niemals vertraut: Die Bilder der einstürzenden Türme haben es ins kollektive Gedächtnis geschafft, daran gewöhnen werden wir uns allerdings nie. Dabei sind sie uns auf der Leinwand doch so vertraut. Popcorn mampfend haben wir der Welt oft genug beim Untergehen zugeschaut. Dass wir am 11. September aber nicht im Kino, sondern ungläubig vor dem Fernseher saßen, macht die ganze Sache merkwürdig paradox: Es ist quasi ein unheimliches Déjà-vu der Zerstörung, bei dem sich Fiktion und Realität ineinander verstrickt haben.

Frei nach dem Motto „Geschichte geschieht nicht, Geschichte wird gemacht" hat der polnische Filmemacher Michal Kosakowski die realen Ereignisse rekonstruiert. In Just like the movies, so der Titel des Kurzfilms sind Ausschnitte aus Hollywoodfilmen, die vor 2001 entstanden sind, so zusammengesetzt, als seien es Aufnahmen von 9/11. Dabei hat sich Kosakowski unter anderem bei Michael Bay, Roland Emmerich und Larry Cohen bedient. Hollywood hat schließlich genügend Katastrophen produziert. Insgesamt 52 Filme verarbeitete der Filmemacher. Darunter Schlüsselszenen aus A Space Odyssey, King Kong, Armageddon, Godzilla oder Die Hard.

Das Kino öffnet hier also nicht die Tür zur Parallelwelt, in der ausschließlich Fiktives lebt. In Kosakovskis Film wird Kino zum Illustrator des Terrors, den sich Hollywood irgendwann einmal ausgedacht hat. Wie wahr Fiktion sein kann, das hat die Realität nun bewiesen.  
Michal Kosakowski

Credits


Text: Stefanie Schneider
Foto: via Mikael Mikael