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das sind die filme und dokumentationen, die du 2016 verpasst hast

Von „American Honey“ über „Mapplethore: Look at the Pictures“ bis „Your Name“: Diese Sachen sind auch noch in zehn Jahren gut.

von Oliver Lunn
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13 Januar 2017, 2:50pm

Bei diesem grauen und kalten Winterwetter ist ein gemütlicher Filmeabend unbezahlbar. Sie lassen uns das letzte Jahr mit all seinen Schrecken—Brexit, Trump, der Tod von David Bowie und Leonard Cohen—vergessen. Zwar hat uns das letzte Kinojahr auch mit Point Break und Independence Day 2 beglückt, aber die vergessen wir so schnell wie den Rest der schlechten Nachrichten. Das sind die Filme und Dokumentationen, die uns auf eine bessere Zukunft hoffen lassen und unseren Glauben in alles, auch unsere Mitmenschen, jedenfalls wieder zum Teil herstellen.

American Honey

Natürlich ist der Roadmovie von Andrea Arnold über reisende Zeitschriftenverkäufer schon alleine wegen Shia LaBeoufs Frisur sehenswert, wie man kann davon nicht begeistert sein. Abgesehen davon überzeugt Sasha Lane als Freigeist, die in einem Cabrio nach den Sternen greift und auch unser aktueller Coverstar ist. Oder die Freundschaft innerhalb der Crew in dem Van. Oder eine er ehrlichsten Sexszenen, die das zeitgenössische Kino zu bieten hat. Der Film ist authentisch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es Arnold versteht, das Gefühl auf einem Roadtrip einzufangen. Die Dreharbeiten fanden dann auch während einem echten Roadtrip im Sommer statt. Das Chaos war nicht gestellt—ein Geniestreich, wie sich im Nachhinein zeigt.

Victoria

Sich Victoria anzuschauen ist die Filmvariante einer wilden Berliner Partynacht, allerdings bequem von der heimischen Couch aus. Das klingt zwar vielleicht etwas deprimierend, denn wer will schon die einzige Person sein, die währen einer wilden Partynacht nüchtern ist? Aber dank der überragenden Kameraführung—eine einzige, 138 Minuten lange Einstellung, kein Cut—fühlt man sich bereits selbst nach 30 Minuten mitgerissen. Aber da ist man als Zuschauer natürlich schon längst mitten in der Geschichte gefangen und erlebt mit, wie sich eine junge Spanierin in der Berliner Partywelt verliert. Wir haben den Komponisten der fantastischen Filmmusik zum Interview getroffen. 

Everybody Wants Some!!

Voll mit Schnauzbärten, kurzen Hosen und Pilotenbrillen könnte man leicht annehmen, dass Richard Linklaters „spirituelle Fortsetzung" zu Dazed and Confused, die in den 80ern spielt, nur so vor Klischees trieft. Doch der Film ist es nicht. Es ist vielleicht sogar der erste Film, der die Sportler-Fraktion nicht als idiotische Machos darstellt, die nur eins im Kopf haben. Linklater, der im College selbst Baseball gespielt hat, schafft es, dass wir gerne länger Zeit mit ihnen verbringen, und die 80er sahen lange nicht mehr nach so viel Spaß aus.

Little Men

Little Men ist ein heißer Kandidat auf den Titel „Bester Film, der unerwartet gut ist". Der Film ist eine Geschichte über die Gentrifizierung in New York, erzählt durch die Freundschaft zweier kleiner und verwirrter Jungen. Ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt, als sich ihre Eltern über die Details eines neuen Mietvertrags für ein unprofitables Ladengeschäft streiten. Man kann nicht anders, als über den Verlauf der Zeit nachzudenken und wie schnell es in diesem Alter geht, Freunde zu verlieren und neue zu finden. Und wie Dinge, die man gar nicht selbst beeinflussen kann, die eigene Welt beeinflussen kann. 

Mapplethorpe: Look At the Pictures

Man muss kein Fan von Robert Mapplethorpe sein, um diese fantastische Doku über den New Yorker Fotografen gut zu finden. Wie er selbst sagt: „Fotos sind weniger wichtig als das Leben, das man führt." Und was er für ein Leben hatte. Er hat Patti Smith gedatet, kannte Warhol und hat in seinem Studio alles fotografiert. Der amerikanische Fotograf gehört zu den wenigen in seiner Zunft, die Blumen genauso wie steife Penisse fotografieren können. Mehr inspirierende Dokumentationen über Kreative haben wir hier für dich zusammengestellt.

Paterson

In Paterson findet Jim Jarmusch wieder zu gewohnter Form zurück. Adam Driver spielt einen Busfahrer, der ein ebenso begnadeter Poet ist. Zwischen seinen Schichten dichtet er und berichtet in seinen Gedichten über seinen Alltag: er fährt Bus, geht mit seinem Hund Gassi, geht in eine Bar und geht ins Bett. Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Das klingt erstmal nicht wie ein spannender Kinofilm, aber Jarmusch schafft es, diese alltäglichen Momente so weit zu treiben, dass sie absurd, lustig und ziemlich poetisch werden.

Sonita

Sonita ist die Dokumentation über die junge Rapperin Sonita Alizadeh, die aus Afghanistan flüchtet und ohne Papiere im Iran lebt. Ihre Texte über die Lage von Frauen im Iran und Afghanistan, die schon als junge Ehefrauen verkauft werden, sind ein symbolischer Mittelfinger an die patriarchalische Gesellschaft, in der sie lebt. „Wir haben keinen Preis wie Schafe", sagt sie zu einem Freund. Die Doku ist ein intimes Porträt einer furchtlosen jungen Frau mit großen Träumen, die in einer brutalen Realität leben muss. 

Anomalisa

Charlie Kaufmans Animationsfilm ist nicht so wie viele Animationsfilme, die man vielleicht kennt. Es geht, zum einen, um einen Autoren von Selbsthilfebüchern, der sich in einer Lebenskrise befindet. Zum anderen liegt es an der wunderbar schrägen und erschreckend realistischen Sexszene, bei man sich ständig sagen muss, dass es nur Puppen sind, die da Sex haben, weil es so realistisch wirkt. Mit Sicherheit einer der verrücktesten Filme des Jahres 2016.

Your Name

Der beste Anime des letzten Jahres erzählt die Geschichte von zwei Jugendlichen, die ihre Körper tauschen, als ein großer Komet über dem Himmel erscheint und eine Naturkatastrophe bevorsteht, bei der sich beide fragen: Wie konnte das passieren? Dann finden sie die Antwort. Der Film hat in Japan für neue Rekorde an den Kinokassen gesorgt und viele preisen den Regisseur Makoto Skinkai bereits als nächsten Hayao Miyazaki. Wir haben ihn natürlich bereits im Interview gehabt, das du hier findest.

Author: The JT LeRoy Story

Endlich gibt es die Geschichte über „den größten Literaturskandal unserer Zeit". In dieser Dokumentation erfahren wir die Gründe, warum und wie sich Autorin Laura Albert hinter der Figur JT LeRoy versteckt hat, die 16-jährige Literatursensation mit einer angeblich tragischen Lebensgeschichte. Gezeigt wird außerdem, dass Künstler wie Tom Waits, Courtney Love und Billy Corgan auf diesen Schwindel hereingefallen sind. Viele dürften heute dank der Doku ein rotes Gesicht haben.

Spotlight

In der heutigen Zeit, in der Clickbait- und Boulevardjournalismus dominieren, sieht man selten Journalisten in der Rolle von Helden. Genau das sind sie aber in Spotlight, Helden. Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Journalisten des Boston Globe, die im Fall eines Priesters recherchieren, dem vorgeworfen wird, mehr als 80 Jungs sexuell belästigt zu haben. Was sie aufdecken, lässt einen erschaudern. Dieser Film stellt unseren Glauben in Journalismus wieder her. 

Mustang

Der Film wurde von vielen, auch von uns, als der türkische Virgin Suicides, bezeichnet und erzählt den Alltag von jungen Mädchen in der ländlichen Türkei. Fünf Schwestern werden vor allem dafür bestraft, dass sie Frauen sind. Dass sie mit Jungs baden gehen; dass sie Kleidung tragen, die nicht jeden Zentimeter ihrer Haut verdeckt. Dann werden sie an Männer zwangsverheiratet, die sie noch nie getroffen haben und müssen sich sogenannten „Jungfräulichkeitstests" unterziehen. Ein prägnanter Coming-of-Age-Film mit emotionaler Tiefe.

Weiner

Hat Anthony Weiner, der ehemalige Kongressabgeordnete der Demokraten und Bürgermeisterkandidat von New York City, mit seinen Penisbildern Hillary Clinton nun um ihre Präsidentschaft gebracht oder nicht? Das FBI hat die Vorwürfe gegen den Politiker mit der Vorliebe für Schwanzpics vor Kurzem untersucht. Ihm wurde vorgeworfen, dass er mit einer 15-Jährigen über Sex gechattet hat. Und weil seine Ehefrau, Huma Abedin, die engste Beraterin von Hillary Clinton war, wurden die ganzen E-Mails im US-Präsidentschaftswahlkampf auch wieder dankbares Material für Schlagzeilen. In dieser aktuellen Dokumentation werden die Hintergründe der Geschichte dieses merkwürdigen Mannes mit dem unglücklichen Namen erzählt.

Kicks

Alles, was der 15-jährige Brandon wollte, war ein neues Paar Air Jordans. Dann hat er genug Geld zusammengespart und kann sie sich endlich kaufen. Dann wird er überfallen und muss mit dem Verlust klarkommen, vergleichbar nur mit der schlimmsten Trennung. Danach beginnt seine Suche nach dem Räuber, einem gefürchteten Gangboss, um seine geliebten Jordans wiederzubekommen. Der herausragende Debütfilm von Justin Tipping spielt im kalifornischen Richmond und fängt das Leben von Jugendlichen in einem schwierigen Viertel auf gekonnte Art und Weise ein—eine Gegend, in der Kinder Schnaps stehlen und auf ihren BMX-Fahrrädern durch die Stadt cruisen. Es gibt wunderschöne Szene mit vielen stylischen Slo-mo-Sequenzen und Close-ups vom Amateur-Cast. Justin Tipping ist ein Regisseur, den man sich merken sollte. Wir werden von ihm noch einiges sehen und hören.

Ich, Daniel Blake

Ken Loach ist der britische Altmeister des sozialen Realismus im Film. In dem Drama geht es um einen Zimmermann, der nicht mehr arbeiten kann und auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Die Leute im Jobcenter sagen ihm aber, dass er arbeiten muss. Im Laufe des Films werden wir Zeugen von mehreren Situationen, in denen die Grenze des sozial Erträglichen überschritten wird. Ich, Daniel Blake ist ein herzzerreißender Film über den alltäglichen Kampf am Existenzminimum und lehrt uns wieder einmal vor Augen, dass selbst die kleinsten Gesten für Hoffnung in einem ansonsten trostlosen Leben sorgen. Der Film hat vollkommen zurecht die Goldene Palme in Cannes gewonnen und ist wieder die Rückkehr zu alter Form des Regisseurs von Kes

Wovon träumt das Internet?

Werner Herzog erzählt in seinem unnachahmlichen bayrischen Dialekt in seiner Dokumentation Wovon träumt das Internet? die Geschichte des Internets und begibt sich auf die Suche nach Antworten auf Fragen wie „Werden unsere Ur-Enkel noch die Gesellschaft von Menschen brauchen oder werden sie in einer Welt leben, in der es nicht mehr wichtig ist?" oder „Wovon träumt das Internet?". Der Dokumentarfilm ist genauso exzentrisch wie man sich das vom Mann, der seinen eigenen Schuh gegessen hat, verspricht—und so gut wie man sich das vom Werner Herzog wünscht.

Credits


Text: Oliver Lunn
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „Mustang trailer - in cinemas & on demand from 13 May" von Curzon Artificial Eye