Diese Fotografien zeigen die jungen Jahre von Boy George und Depeche Mode

"Fotografiere einfach das, was du willst. Das ist Punk." – Diese Worte von The Clash-Sänger Joe Strummer hat sich Herbie Yamaguchi zu Herzen genommen.

von Sarah Moroz
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21 Juni 2017, 11:00am

Herbie Yamaguchi hat in London gelebt, als die die Punk-Bewegung vor vier Jahrzehnten ihren Höhepunkt erreicht hat, und hat sich auf Porträts von britischen Musikern zwischen 1975 und 1985 spezialisiert. Der in Japan geborene Fotograf hat seine Brötchen damals als Schauspieler (er war Teil des von Tsutomu Yamashita angeführten Red Buddha-Ensembles) und hat als freier Fotograf für japanische Musikmagazine verdient. Er hat bei anderen Leuten auf dem Boden geschlafen und war der Mitbewohner von Boy George, den er beim Wäsche waschen und im Bett fotografiert hat. Die ersten Musiker, die Herbie Yamaguchi vor seiner Linse hatte, waren der Schlagzeuger von Santana, Michael Shrieve, sowie Steve Winwood und Mitch Mitchell von Jimi Hendrix Experience. Diese Namen sollten ihm die Türen in die Londoner Musikszene öffnen und zu Aufträgen führen. Er hatte sie alle vor der Kamera: von Bananarama über Psychic TV und Alan Wilder bis zu Depeche Mode. So wurde er zum Chronisten der Londoner Musikszene Ende der 70er. Das hat ihm einmaligen Zugang verschafft und so konnte er die intimen Momente dieser jungen Musiker Ende der 70er dokumentieren, die ihren Platz damals noch gesucht haben. Seine Fotografien gewähren einen interessanten und wichtigen Einblick in eine besondere Ära der Musikgeschichte, viel besser als das die glattgebügelten Albumcover oder Poster jemals könnten.


Auch auf i-D: In unserer Serie "Street, Style & Sound" widmen wir uns den Subkulturen, ihrer Mode und natürlich ihrer Musik


Wir haben Herbie Yamaguchi in Paris getroffen und mit ihm über Fotografie, seine Freundschaft mit Boy George und das Zitat "You can click away of whatever you want. That's punk!" von Joe Strummer von The Clash gesprochen, das sein Leben für immer verändern sollte und der Titel einer aktuellen Pariser Ausstellung ist.

Boy George in his new flat, Alma Square, London, 1982

Wie bist du während deiner Zeit zur Musikfotografie gekommen?
Ich war anfangs Schauspieler und war Teil eines japanischen Schauspiel-Ensembles. Ich hatte aber keinen Text. Die Musiker waren hinter der Bühne und haben gespielt, während wir geschauspielert haben. Ich fand Musik schon toll, als ich noch in Japan gewohnt habe, aber erst als ich in London Musiker kennengelernt habe, habe ich mit dem Fotografieren angefangen. Die Porträts sind sehr offen, es sind freundliche Aufnahmen, es gibt kein Rumgepose wie im Studio. Ich hatte einen Job und sollte für ein japanisches Musikmagazin Fotos schießen. Meine Aufträge waren nicht so wichtig, wie die Aufnahmen zum Albumcover oder für große Poster, den Musikern hat meine Anwesenheit daher nicht so viel ausgemacht. Die haben sich nicht extra umgezogen oder geschminkt. Sie haben mich an ihrem Alltag teilhaben lassen. Ich kannte bekannte Fotografen, die diese anderen Bilder geschossen haben und dachte mir, dass sie die besseren Jobs hatten. Ich war neidisch auf sie, weil sie diese besonderen Shootings in ihren eigenen Studios organisiert haben. Aber die Musiker wären niemals so offen mit mir umgegangen, wenn ich das alles gehabt hätte. Ich habe das fotografiert, was ich damals konnte. Viele sagen, dass sie keine Zeit, kein Geld oder kein Selbstbewusstsein haben. Aber die wenigsten haben diese Sachen. Also mach' es einfach. Wo du jetzt stehst, ist bereits eine gute Ausgangsposition.

Michael Monroe, Hanover Square, London, 1982

Wie hast du vor deiner Zeit in London fotografiert?
Ich habe mit 14 in der Schule angefangen, davor habe ich Flöte in einer Blaskapelle gespielt. Ich war nicht gut, also habe ich damit aufgehört. [Lacht]. Ich bin dann zur Foto-AG gegangen, weil ich dachte, dass es mir mehr liegt. Mein Thema hatte ich bereits gefunden. Als Baby hatte ich Tuberkulose und meine Knochen waren angegriffen. Ich musste zehn Jahre lang ein Korsett tragen und konnte ich nicht am Sportunterricht teilnehmen. Ich war nicht stark, ich hatte keine Freunde. Die Mädchen haben mich nicht angelächelt, sie haben sich über mich lustig gemacht. Aber als ich mit dem Fotografieren angefangen habe und eine Kamera auf sie gerichtet habe, lächelten sie mich, die Kamera an. Die Fotografie hat mir geholfen.

Bono, U2, Slane Castle, Dublin, 1983

Viele der Musiker, die du damals fotografiert hast, standen kurz vor ihrem Durchbruch. Hast du das irgendwie gespürt?
Natürlich habe ich etwas in ihnen gespürt. Ich habe Boy George getroffen, bevor er berühmt wurde. Das war Zufall. Ich hatte kein Geld und konnte mir die Miete nicht leisten. Ich habe auf dem Boden bei einem Freund geschlafen, genau wie er. Damals hieß er einfach nur George und wir wurden Freunde. Das Foto von Susanne Freytag wurde in meiner Wohnung aufgenommen. Sie war Mitglied in der deutschen Band Propaganda. Ich hatte sie auf einem Konzert in Tokio gesehen und habe sie in Soho wiedererkannt. Andere Fotos waren Aufträge. Frankie Goes to Hollywood habe ich auf ihrer Japan-Tour fotografiert, ich war ihr offizieller Tour-Fotograf. Der Filmemacher Derek Jarman hat 1975 in der Wohnung nebenan gewohnt. Ich habe in einem alten Fabrikgebäude gelebt, die Gegend war heruntergekommen und viele Künstler sind dort hingezogen, weil die Mieten so niedrig waren. Brian Eno hat die Musik für seine Filme geschrieben. Spandau Ballett und Duran Duran habe ich regelmäßig fotografiert, bevor sie groß wurden. Wir waren alle eng miteinander. Als Siouxie Sioux nach Japan gekommen ist, wollte ich in ihre Umkleide, wurde aber zuerst aufgehalten. Dann hat sie mein Gesicht gesehen und gesagt: "Er ist gut, lasst ihn rein!".

Als ich Boy George kennengelernt habe, hat er bereits Frauenklamotten getragen. Ich habe mitbekommen, wie er behandelt wurde: er wurde angespuckt und als ich wieder in unsere Wohnung gekommen bin, sah er verloren aus. Aber er hatte ein Ziel und hat seine Attitüde nicht mehr versteckt. Ich hätte aufgehört, diese Kleider zu tragen, er aber hat nichts an seinem Stil verändert, weil er durch Mode ausdrückt, wer er ist, wie er sein Leben leben will.

Brian Setzer, Stray Cats, London, 1981

Wie war die Stimmung bei den Aufnahmen? Wie unter Freunden oder professionell?
Das hing von der Musik ab! Ich habe den Gitarristen Gary Moore fotografiert und ihn gefragt, ob er für mich posiert. Er hat das abgelehnt. Er ist ein harter Rocker und hat mir gesagt, dass er das sonst auch nicht tun würde. Das hing immer vom jeweiligen Typ ab. Durch Zufall habe ich Joe Strummer getroffen. Ich hatte ihn davor auf der Bühne und im Porträt fotografiert. Er hat mich nicht erkannt, aber ich hatte ihn auf dieser Underground-Plattform gesehen. Ich war versucht, aber hatte keinen Auftrag. Schließlich bin ich auf ihn zugegangen und habe ihn gefragt: "Bist du Joe?". "Ja, der bin ich." Dann habe ich ihn gefragt, ob ich ihn fotografieren kann, auch ohne Auftrag. Wir haben die gleiche Bahn in die gleiche Richtung genommen. So sind die Fotos entstanden. Dann hielt die Bahn an und beim Ausstiegen schien die Sonne in den Zug und er sagte zu mir: "Fotografiere einfach das, was du willst. Das ist Punk". So heißt das Buch. Als ich nach London kam, war ich unsicher, ob ich es als Fotograf schaffen würde, aber was er gesagt hat, hat mich gepusht. Ich sollte keine Kompromisse eingehen. Ich moderiere mittlerweile in Japan eine eigene Radiosendung und habe meinem Publikum gesagt, was Joe mir damals geraten hat. Das hat andere Menschen dazu inspiriert, bei ihrer Arbeit keine Kompromisse einzugehen. Ein 50-jähriger LKW-Fahrer hat mich danach angeschrieben und mir seine Geschichte erzählt. Vor 30 Jahren wollte er Fotograf werden, hat aber stattdessen zuerst eine Familie gegründet. Als er die Sendung gehört hat, musste er weinen und hat mich gefragt, ob es zu spät für ihn sei. Und ich habe gesagt: "Es ist nie zu spät". Ich habe ihm geraten, auf dem Beifahrersitz einfach immer seine Kamera dabei zu haben.

Wirst du nostalgisch, wenn du die Fotografien siehst?
Ich habe diese Menschen in ihrer Blütezeit fotografiert. Die meisten dürften jetzt zwischen 50 und 60 Jahren alt sein. Über Twitter habe ich wieder Kontakt mit Boy George. Er hat mich gefragt, ob ich in Japan glücklich sei. Das ist mehr als ein bloßes Wie-geht-es-dir. Als er dann vor ein paar Jahren in Japan auf Tour war, haben wir uns wiedergesehen und uns umarmt.

Billy Idol in a club, London, 1982

Alan Wilder (Depeche Mode), West Hempstead, 1983

"You Can Click Away of Whatever You Want: That's Punk" kannst du dir noch bis zum 8. Juli in der Pariser Galerie &co119 anschauen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Credits


Fotos: © Herbie Yamaguchi, Courtesy of Galerie &co119