Warum du ab Mitte zwanzig weniger Freunde hast – und das gut so ist

Die gemeinsame Schulzeit liegt zu lange zurück, um noch daran anzuknüpfen. Die Welt wird immer größer, man zieht in eine andere Stadt, entwickelt andere Ansprüche an sich selbst und an das Leben und lernt neue Menschen kennen.

von Lisa Leinen
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27 Juli 2016, 11:00am

Ab wann genau haben wir eigentlich damit begonnen, uns etwas vorzumachen? Der letzte gemeinsame Tequila-Absturz und durchgestandene Liebeskummer lebt nur noch in unseren Erzählungen, Gedanken an den letzten unbeschwerten Sommer werden immer trüber und verschwinden langsam ganz. Wir haben angefangen in unserem Trott zu leben, in dem aber doch zu viel passiert, um es alle paar Wochen am Telefon zu erzählen. Und das mit dem Wiedersehen ist zu einem immer größeren Vorhaben geworden, bei dem wir vergessen haben, es in die Tat umzusetzen.

Mit Mitte Zwanzig kommt dieser Zeitpunkt – schleichend, unangekündigt und ehrlich – ,an dem man zum ersten Mal merkt, dass die Freunde von damals, aus der Schulzeit, mit denen man sich bei gemeinsamen Trinkabenden geschworen hat, für immer befreundet zu bleiben, vielleicht doch nicht die sind, die für immer da sind. Man realisiert, wen man wirklich Freund oder Freundin nennen kann, wer sich bewährt hat, in jeglichen Lebens-, Gefühls-, und Alltagssituationen. Wem man nicht alles erklären muss, sondern wer versteht, was man sagen will, auch wenn man gerade nichts sagen kann. Wem man nicht noch einmal die Geschichten aus der Vergangenheit erzählen muss, weil derjenige das Ende schon kennt—und zwar auswendig. Wen man nachts um vier anrufen kann, ohne dass jemand am anderen Ende der Leitung fragt warum. Wem man vertrauen kann, ohne dass man es immer wieder hinterfragen muss. Mit wem man genauso gut lachen und feiern wie weinen und fluchen kann. Wer einem vielleicht nicht alle Fragen beantworten kann, aber alles dafür tut, dass man die Antworten darauf findet. Und: Wen man einfach fragen kann, ohne ständig bitten zu müssen, weil eben das, was einen verbindet, sich wie glückliches Schicksal und nicht wie ein flüchtiger Zufall anfühlt.


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"In der Schule, Universität oder in der Ausbildung schließen wir schnell Freundschaft, weil wir ständig die gleichen Menschen sehen und die gleichen Interessen haben. Und weil viele noch in keiner festen Beziehung sind. Man weiß mittlerweile, dass die Hälfte der Freundschaften alle paar Jahre kaputtgehen, außer die sogenannten Herzensfreundschaften, die bleiben bestehen", erklärt Dr. Wolfgang Krüger. Der Psychotherapeut und Autor hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Themen wie Freundschaft und zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigt. Seine Erkenntnisse hat er in Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten niedergeschrieben. Er erzählt, dass bereits Aristoteles zwischen drei Arten von Freundschaft unterschieden habe: Die Zweckfreundschaften, die "Freundschaften der Lust"—heute würde man dazu "Freizeitfreundschaften" sagen, also Freunde, mit denen man mal ab und an was unternimmt. Und dann eben die intensiven Beziehungen, bei denen es darum geht, den anderen wirklich zu verstehen—und verstehen zu wollen. Von diesen Freundschaften, die selten bis nie kaputtgehen, haben wir im Leben drei, maximal fünf.

Aber wenn wir wegziehen, einen neuen Job anfangen, immer weniger Zeit zum Telefonieren und Besuchen finden, können enge Freundschaften auch das überstehen? "Wenn diese Herzensfreundschaft schon eine Weile besteht, dann ergibt sich eine Intensität, selbst wenn einer von beiden weggeht: Diese Bindung bleibt bestehen. Voraussetzung ist allerdings, dass beide einige Jahre in derselben Stadt gelebt haben, weil sich zu sehen und zu spüren, sich in die Augen zu schauen und in den Arm zu nehmen, das ist wichtig. Denn beim Telefonieren erfährt man nur einen Ausschnitt vom Ganzen. Das reicht nicht, um den anderen zu begreifen."

"Er ist mein Freund, den ich nicht verändern will. Wenn man anfängt, Menschen verändern zu wollen, stimmt etwas nicht mehr", hat der Schauspieler Frederick Lau einmal im Interview über seinen besten Freund gesagt. Und vielleicht ist es genau das, was sich ändert, wenn man älter wird: Man will niemanden mehr verändern müssen. Vor allem aber will man sich selbst nicht mehr verändern müssen, nur um seine Freundesliste zu erweitern. Als wir jünger waren, waren wir oft unsicher und hungrig nach Neuem, in der Hoffnung, dass es uns weiterhelfen, mitreißen oder prägen würde—wenn auch nur für den Moment. Wir wollten so viele Menschen wie möglich um uns haben, um von ihnen zu lernen und zu profitieren, um uns sicher zu fühlen, um uns mit ihnen zu schmücken und unseren sozialen Wert durch sie öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Doch irgendwann sind wir gefestigter, mit dem was wir tun, sagen und denken. Wir haben uns eine Meinung gebildet und stehen zu dieser. Irgendwann sind wir nicht mehr auf die breite Masse angewiesen, sondern auf eine Handvoll Menschen, die genau diese Meinung teilen oder mit denen man eine Diskussion führen kann, die uns weiterbringt und von der wir lernen können. Diese Personen wissen, was wir im Leben bereuen und was wir trotzdem immer wieder tun würden; sie wissen, wie man mit uns reden sollte, und wie bitte nicht.

Der Gedanke, dass es mehr Eindruck macht, wenn man mit mindestens acht Freunden aufkreuzt, als wenn man nur zu zweit durch die Tür spaziert, verpufft irgendwann im Alter von selbst. Doch woher rührt dieses Denken eigentlich? "Ich glaube, dieses Denken geht weit zurück, in die Zeit des Poesiealbums. Dort musste man entscheiden, wer wohin und warum reinschreiben darf. Anhand der gefüllten Seiten des Buches wurde dann die Beliebtheit gemessen", erklärt Dr. Krüger. Ein Poesiealbum, wie wir es aus unserer Jugend kennen, wird heute wahrscheinlich immer seltener durch das Klassenzimmer gereicht. Heutzutage sind es die Sozialen Medien: Pinnwand und Verlinkungen statt beschriftete Zeilen im Album. Wenn wir mit fünfzehn dachten, dass es darum geht, möglichst viele Menschen unsere "Freunde" nennen zu müssen, um als beliebt zu gelten, wissen wir spätestens zehn Jahre später, dass das alles andere als wahr ist.

Es geht nicht darum, wer aufkreuzt, um auf das Leben anzustoßen, sondern darum, wer Dienstagnacht in der Küche sitzt, weil es gerade nun mal keinen Grund zum Feiern gibt. Denn genau das ist es, was echte Freunde von allen anderen unterscheidet: Sie bleiben da und gehen nicht mehr weg.

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