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wenn der vorhang fällt - hinter den kulissen der schaubühne

Seit 20 Jahren ist Nina Wetzel Kostüm- und Bühnenbildnerin, fühlt sich auf den renommiertesten Bühnen zu Hause und arbeitet mit den größten Regisseuren zusammen. Ein Porträt über künstlerischen Wahnsinn, die gemeinsame Zeit mit Christoph Schlingensief...

von Lisa Leinen
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20 Juni 2016, 12:35pm

Wir alle kennen es, das schöne Gefühl, wenn man jemandem zum ersten Mal trifft, und dennoch den Gedanken nicht loswird, dass einen gefühlt schon drei Nächte und fünf Flaschen Rotwein verbinden. Eine solche Person ist Nina Wetzel. Schon als sie die Tür zu ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg öffnet und uns mit einer Warmherzigkeit empfängt, die man nur schwer aufsetzen und vortäuschen kann, ist klar, dass unser Treffen mehr werden wird als ein normales Interview. 

Nina Wetzel hat viel zu erzählen. Seit über 20 Jahren arbeitet sie als freie Bühnen-und Kostümbildnerin und reist dafür um die halbe Welt. Zurzeit ist sie in München tätig, morgen früh geht ihr Flieger. Von dort geht es weiter nach Paris, ihre alte Heimat, der sie vor einigen Jahren den Rücken gekehrt hat. Die typisch französische Attitüde allerdings und die unaufgesetzte Schönheit, wie sie meist nur Französinnen ausstrahlen können, trägt sie noch in sich. Immer wieder kommt das Gespräch auf Frankreich. Ihr Mann, Sébastien Dupouey, ein Videokünstler, stammt von dort.

Bevor sie ihn kennengelernt hat, war sie für einige Jahre mit Christoph Schlingensief zusammen, und hat viele Projekte mit ihm erarbeitet und realisiert. Man hat sofort ein Bild der beiden vor Augen—viel Liebe, viel Drama, viel Kunst. Man merkt in ihrer Stimme und sieht in ihren Augen, wie sehr sie diese Zeit geprägt hat—künstlerisch wie emotional. Wir reden über Projekte wie CHANCE 2000 und das dazugehörige Hotel Prora, für das sie Ende der 90er einen Raum in ein Zeltlager verwandelt hat, in dem Gäste übernachten konnten. Auch sie und Christoph haben damals da gewohnt. Sie zeigt die alten Aufnahmen und erzählt uns Geschichten über seinen Wahnsinn und wie sie einst daraus und dazu die Konzepte entwickelt hat.

Wenn man Nina Wetzel so zuhört, bekommt man langsam aber sicher ein Gefühl dafür, wie sie arbeitet: Mit den Gedanken überall, von hier ein bisschen Geschichte, von dort ein bisschen Fantasie, das fühlt sich gut an, das sieht toll aus, da habe sie mal was gelesen und mit dem habe sie mal lange darüber diskutiert. Und sowieso: Haben nicht alle Menschen spannende Geschichten zu erzählen?

Sie zeigt uns Skizzen ihrer Arbeiten, jedes Kostüm hat eine eigene Geschichte, die aus ihr heraussprudelt, jedes Bühnenbild sowieso. Und meist erinnert sie sich auch an die Anprobe mit den Schauspielern, an ihre Konzepte, und den Moment, wenn alles durcheinander gebracht und trotzdem am Ende gut, wenn nicht sogar noch besser wird. Bei Lars Eidinger und seinem Hamlet-Kostüm sei das so gewesen. Sie haben rumgealbert in der Garderobe—an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die beiden eine langjährige Freundschaft verbindet—und am Ende stand er da, entgegen ihrer eigentlichen Vorstellung und doch so unerwartet passend für das Stück, das 2008 in der Schaubühne in Berlin erstmals aufgeführt wurde. 

Ist sie müde vom Theater? Niemals. Wird man müde, ein Stück immer und immer wieder zu sehen? Niemals. Nina Wetzel antwortet darauf so bestimmt, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als sie beim Wort zu nehmen. Und dann sitzen wir, knappe zwei Stunden später, in der Schaubühne und schauen uns Die Ehe der Maria Braun an, ein Stück aus dem Jahr 2007, für das sie sowohl das Bühnenbild, als auch die Kostüme gestaltet hat. Wir sitzen so weit vorne, dass die Schauspieler sie im Publikum erkennen und ihr erfreut zuzwinkern, und man merkt ihre ungebrochene Begeisterung für ihr Schaffen, fürs Theater, das Feuer in ihren Augen, wenn sie auf die Bühne schaut und kurz lächelt.

Pro Jahr arbeitet sie bei vier bis fünf Produktion als Bühnen-und Kostümbildnerin. Mittlerweile hat sie zahlreiche Assistenten, die vor allem das Modellbauen für sie übernehmen. Das sei damals, als sie mit 18 nach der Schule nach Paris ausgewandert ist, noch anders gewesen. Da habe sie noch alles selbst gemacht, vom Zeichnen und Kleben bis hin zum Einkauf der Requisiten. Und wenn sie all das erzählt, merkt man, dass sie es am liebsten immer noch machen würde—wenn der volle Zeitplan es nur zulassen würde. Heute arbeitet sie hauptsächlich nur noch an den Konzepten. Nach all den Jahren, woher nimmt man da noch die Inspiration, um wieder etwas Neues zu erschaffen? Historische Fotos, Magazine, Museen, Menschen und Menschenkenntnis, Laufen statt Stillstand, auch noch Lernen statt Lehren. Und: die eigene Mutter. Das merke sie meist immer erst, wenn die Arbeiten an einer Produktion abgeschlossen sind, wie sehr die weiblichen Charaktere etwas von ihrer Mutter an sich haben, vor allem das glamouröse Auftreten, wie damals die Frauen in den 50er und 60er Jahren. Die Erinnerung daran ist bei Nina noch sehr präsent.

Vor der Vorführung dürfen wir mit ihr hinter die Bühne, hoch in die Maske, kurz im Büro oben vorbei, dann runter in den Keller, in den Requisitenkeller genauer gesagt. Nina kennt hier alle, und alle kennen Nina. Bei all dem kreativen Schaffen—gibt es da nicht manchmal auch Streit und hitzige Diskussionen? Natürlich, die gibt es. Vor allem mit den Regisseuren, mit Ostermeier zum Beispiel, gab es bereits viele wichtige Auseinandersetzungen, da treffe dann ein künstlerisches Ego auf das andere künstlerische Ego. Das sei aber dann bei der nächsten Produktion vergessen, man wisse eben, mit wem man gerne zusammenarbeitet, auf wen man sich verlassen kann, wer die gleichen Vorstellungen und Visionen hat. Wir laufen durch die Gänge, es wirkt als hätten wir uns verlaufen, aber Nina ist hier zu Hause, kennt jeden Winkel, jeden Raum, jede Abkürzung, jeden Pförtner.

Als wir uns verabschieden, ist es bereits kurz nach Mitternacht. Die letzten Gäste sind längst gegangen, von den Schauspielern sitzen nur noch wenige zusammen, die Bar hat bereits geschlossen, die Türen zur Schaubühne werden nach und nach verriegelt. Wir laufen ein Stück zusammen über den Kurfürstendamm, raus aus der Theaterwelt, hinein in das zu dieser Uhrzeit recht trostlos erscheinende Leben.

Am nächsten Morgen schicke ich Nina eine kurze Nachricht. Ich will wissen, wann wir wieder zusammen ins Theater gehen.

Lars Eidinger in Hamlet, Schaubühne Berlin / Foto: Arno Declair

Stück Plastik, Schaubühne Berlin / Foto: Arno Declair

7X, Folkwang Museum Essen / Foto: Nina Wetzel

Hotel Prora (CHANCE 2000), Prater Volksbühne Berlin / Foto: Thomas Aurin

@NinaWetzel

Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: Tereza Mundilová
Archivmaterial: via Nina Wetzel