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abrasierte köpfe als zeichen für emanzipation in der mode

Individualität? Statement? Oder doch nur Trend? Wir fragen uns, warum abrasierte Haare gerade mehr als jemals zuvor en vogue sind und blicken auf die starken Frauen zurück, die diesen Statement-Look zu dem gemacht haben, was er heute ist.

von Rosie Dalton
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15 Dezember 2015, 10:05am

Die Modeindustrie ist bekannt dafür, unrealistische Standards von weiblicher Schönheit hochzuhalten. Darunter befindet sich das große Klischee langer, glänzender Haaren als der feminine Look schlechthin; ein Bild, das die Industrie heutzutage immer noch gerne aufgreift. Aber es wäre nicht die Mode, wenn es daneben nicht immer eine Reihe von bemerkenswerten, innovativen Persönlichkeiten geben wurde, die für Alternativen stehen. Diese Frauen mit ihrer auffallenden, einzigartigen Ästhetik haben das Dogma von weiblicher Schönheit, die in Standards gepresst werden kann, verändert und bieten eine erfrischende, neue Perspektive auf Weiblichkeit. Glücklicherweise scheint es heute immer mehr Frauen zu geben, die das genauso sehen und andere Definitionen von Schönheit für eine modernere Zeit anbieten. Um sie angemessen wertschätzen zu können, ist es wichtig, die Wegbereiterinnen zu würdigen. Die Pionierinnen, die mit ihren rasierten Köpfen die gesamte Modelandschaft veränderten und die Mauern von Beauty-Stereotypen verändert haben.

Den Kopf zu rasieren, war historisch gesehen schon immer ein symbolischer Akt. Zum übergroßen Teil bedeutete ein rasierter Kopf, dass man außerhalb der Mehrheitsgesellschaft steht. Bei den christlichen oder buddhistischen Mönchen zum Beispiel steht der kahle Kopf für den Abgesang auf weltliche Gelüste. Bei Skinheads steht die Glatze für Aggression. Im Kontext einer queeren Identität steht der kahle Kopf für den bewussten Verzicht auf tradierte Formen der Weiblichkeit. Im antiken Griechenland hatten die Sklaven kahlrasierte Köpfe. Auch heutzutage wird ein Kopf ohne viel Haar immer noch untrennbar mit Traumata und Krankheiten verbunden. Auch wenn die Glatze bei Männern im Laufe der Zeit ihre politische Botschaft verloren hat und gesellschaftsfähiger wurde, wird es bei Frauen immer noch von vielen verpönt und als politischer Akt gewertet.

Ruth Bell for Saint Laurent spring/summer 16

Heutzutage möchten viele Menschen genauso aussehen wie die Prominenten, die ihnen von den Magazincovers entgegenlächeln. Durch Social Media und so drastische Massnahmen wie Schönheitsoperationen werden diese Wünsche immer realistischer. Aber was bedeutet das für den Individualismus? Er ist ständig davon bedroht, von der Bildfläche zu verschwinden. Genau aus diesem Grund brauchen wir Frauen, die die Norm in Frage stellen, mehr als jemals zuvor. Models wie das Saint-Laurent-Face Ruth Bell oder Ajak Deng aus Australien, deren Looks eine Stärke besitzt, die einer Kendall Jenner & Co. abgeht. Das Fehlen von Haar scheint ihre Schönheit nur noch zu verstärken, denn sie besitzen Persönlichkeit, die sie nicht mit Haaren verdecken müssen. 

Ajak Deng. Foto: Emma Summerton, Fashion Director: Edward Enninful. Aus i-D, The Livin' Loud Issue, No. 311, Spring 2011.

Wahrscheinlich gäbe Girls wie Bell und Deng ohne die mutigen Frauen, die vor ihnen kamen, nicht. Besondere Erwähnung muss Pat Evans hier finden. Sie gehörte zu den ersten Models, die den No-Hair-Look getragen haben. Es war ihr auffallender Kopf, durch den sie 1969 im New Yorker Washington Park entdeckt wurde. In ihren ersten Jahren im Modelbusiness musste sie aber trotzdem oft genug Perücken tragen. Bis zum verhängnisvollen Tag bei einem Go-See bei Stephen Burrows, bei dem die Perücke herunterfiel. Designer Burrows fragte sie daraufhin, ob sie so bei seiner Runway-Show laufen würde und Evans stimmte zu, trotz gegenteiliger Empfehlungen ihrer Agentur. Diese Entscheidung wurde zu einem der wichtigsten Moment in der Mode und auch in ihrer Karriere. Mi ihren afroamerikanischen Wurzeln stand ihrer fast statuenhaften Schönheit im starken Kontrast zu Frauen, für die die Modeszene der 60er berühmt werden sollte. 

Pat Evans

Ein weiterer wichtiger Moment in der Geschichte von rasierten Köpfen auf dem Laufsteg war Ève Salvail für Jean Paul Gaultier in der Spring/Summer-1994-Show. Ihr Haar war nicht nur kurz, sondern darunter offenbarte sich ein auffälliges Drachen-Tattoo. Auch wenn das Publikum geschockt war, niemand konnte Salvails Schönheit leugnen. Es ging weniger darum, dass sie trotz des Tattoos schön war, sondern dass das Tattoo ihre Schönheit unterstrich. Neben den Girls auf den Catwalks wurden die abrasierten Haare auch von vielen Popstars entdeckt. Ikonen wie Grace Jones und Sinéad O'Connor machten daraus ihren eigenen Look und bewiesen einmal mehr, dass es ein rasierter Kopf ein Symbol weiblicher Stärke ist. 

Ève Salvail for Jean Paul Gaultier Autumn/Winter 2012 Couture-Kollektion

Als das britische Model Agyness Deyn 2007 auf die Bühne trat, fiel sie unter all den Models mit ihren soften Features sofort auf. Sie machte sich bald darauf einen Namen als Chamäleon, ihr Haarfarbe wechselte von Blond zu Rot und Schwarz. Aber erst als sie sich ihre Haare zum Coachella-Festival 2010 abrasierte, stand die Modewelt Kopf. Es war ihr Zeichen für Individualität und gegen die Schönheitsideale der Modeindustrie im Allgemeinen. Wir werden ihr ewig dafür dankbar sein. 

Agyness Deyn und Yuri Pleskun. Foto: Alasdair McLellan für i-D Fall 2010.

Und auch noch dieses Jahr nutzen Brancheninsider ihre Haare als Ausdruck politischen Protests. 2014 rasierte Designerin Vivienne Westwood ihren Kopf im Kampf gegen den Klimawandel, und was folgte: ihr Look war noch auffälliger als sonst. Erwähnt werden muss auch Alek Wek, die in den Neunzigern den Weg für die heutigen Statement-Macher ebnete, zu denen die sudanesische Schönheit Grace Bol oder die Deutsche Kris Gottschalk, die Anfang diesen Jahres in einen schrecklichen Autofunfall verwickelt war, gehören. Das sind Girls, die einem im Gedächtnis bleiben.

Vivienne Westwood führt 2015 einen Anti-Fracking-Protest an.

Da geografisch definierte Subkulturen wie Skinheads allmählich verschwinden, scheint die Glatze weniger für etwas Bestimmtes zu stehen, sondern zu einem Symbol für Stärke geworden zu sein. Dazu hat die Mode auf vielfältige Weise beigetragen. Durch sie verloren kahlrasierte Köpfe ein für alle Mal ihre negative Konnotationen, der Look steht wieder als Beauty-Statement für Rebellion und Individualität.

Frauen, die sich ihre Haar abschneiden, beschreiben den Moment oft so, dass sie dabei zusehen würden, wie sie ihre Identität auf symbolische Weise verlieren. Ich behaupte hingegen, dass eine Frau mit einem rasierten Kopf alles, nur nicht ohne Identität, ist. Ganz im Gegenteil: Es zeugt von einem hohen Maß an Selbstbewusstsein. Und genau das brauchen wir gerade. Wir sind so besessen von unrealistischen Schönheitsidealen geworden, dass es nur einen Ausweg gibt: gegen den Strom zu schwimmen. Ein rasierter Kopf steht dafür. Es ist der Gegenpol zu den Hochglanzlooks einer Gisele Bündchen oder Miranda Kerr. Außerdem ist es zweifellos ein Statement für Individualität; der Schritt zeugt vom Mut, Trends abzulehnen, und gleichzeitig setzt ein Zeichen für Selbstbewusstsein. Eine Frau mit einem rasierten Kopf fühlt sich wohl in ihrer Haut und lehnt die gesellschaftlichen Erwartungen an ihren Look ab. Und genau das brauchen wir in einer Welt, in der alle zunehmend gleich aussehen.

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Credits


Text: Rosie Dalton
Foto: William Baker, The Time Out Issue, No. 325, 2013.