vetements und dior homme rufen zu einem vereinten europa auf

Am Wochenende haben die Designer auf der Pariser Fashion Week in ihren Kollektionen eine neue europäische Hoffnung gezeigt. Dior Homme, Hermès und Balmain haben den Ausgang der französischen Wahlen gefeiert, während Vetements seinem neuen Zuhause...

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Juni 26 2017, 10:33am

Dior Homme spring/summer 18

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

Optimismus war am Wochenende in Paris auf den Männermoden-Schauen der Saison Frühjahr/Sommer 2018 überall zu spüren. Balenciagas Ausflug in den Park oder Rick Owens Formal Freaks, die aus dem Himmel gestiegen sind, verkörpern einen neuen Hoffnungsschimmer in Europa nach der Wahl von Emmanuel Macron zum neuen französischen Staatspräsidenten. "Mir hat es Angst gemacht, dass wir fast Marine Le Pen als Präsidentin bekommen hätten. Erst Brexit, dann Trump, wir hätten als nächstes dran sein können", sagte Kris van Assche in einer Preview seiner Dior-Homme-Kollektion, die er am Samstagnachmittag präsentiert hat. 

Dior Homme Spring/Summer 18

Van Assches' Kollektion war letztlich zwar nicht so politisch wie seine Instagram Stories in den letzten Monaten, trotzdem gab es Parallelen zwischen dem neuen europäischen Zeitgeist und dem Teenager-Leitmotiv des belgischen Designers. Die Kollektion trägt den Titel Late Night Summer. Den Grund für diesen Namen erklärt er wie folgt: "Es geht dabei um das erste Mal, wenn die Eltern einem erlauben, die ganze Nacht aufzubleiben und sich jeder verlieben will. Um das Alter, in dem man zur Uni geht; in dem einem bewusst wird, dass das Aussehen beim Verführen hilft. Das man begreift, dass Looks wichtig sind." Dieses College-Thema, das er mit Fußball-Ziffern und Varsity-Elementen interpretiert, hat er mit einer Hommage an das Atelier Dior Homme kombiniert.

Dior Homme Spring/Summer 18

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Dazu gehörten auch perfekt geschnittene Anzugjacken, die Van Assche selbst "die männliche Bar-Jacke" getauft hat — Christian Diors legendäre Schöpfung aus dem Jahr 1947 —, die mit Rosetten und Schleifen geschmückt waren und mit den Prints "Atelier" und der Adresse "3 rue, de Marignan" verziert wurden. Diese Logo-Elemente finden sich auf den Jacken und Mänteln der ganzen Kollektion wieder. Seine Anzüge, die als erste Looks der Modenschau gezeigt wurden, sind womöglich Kris van Assches beste Kreationen: perfekte Silhouetten, fast schon feminin-elegant, dennoch äußerst maskulin und sexy. Das alles symbolisierte den jugendlichen Optimismus, den der Designer in Frankreich jetzt wahrnimmt — und hoffentlich erstreckt sich dieser Optimismus nicht nur auf dieses eine Land.

Dior Homme Spring/Summer 18

Ein ähnlicher Wind weht auch im Hause Vetements. "Was an der Schweiz so interessant ist, ist die Neutralität des ganzen Landes: Es ist nicht parteiisch, es macht das, von dem es selbst denkt, dass es richtig ist. Ich glaube, dass diese Denkweise sehr nah an der von Vetements ist. Wir versuchen, unabhängig zu sein", sagte Guram Gvasalia bei der Präsentation der Frühjahr-/Sommerkollektion 2018 am Samstagabend in einem Parkhaus im Norden von Paris. Die Schau No Show war glich eher eine Ausstellung eines überdimensionalen Lookbooks. Darauf zu sehen: Züricher, die Demna selbst gestylt und fotografiert hat. Die Gvasalisa-Brüder sind Anfang des Jahres mit ihrem Label in die Schweizer Metropole gezogen. 

Vetements Spring/Summer 18

"Die Ausstellung zeigt das Leben, das wir gerade leben", reflektiert Guram. "Wir werden ruhiger, erfahrener und reifer." Das heißt für die Vetements-Kollektion nicht langweiliger, die immer noch genauso von der subversiven und ironischen Energie durchzogen war, die die Gvasalia-Brüder überhaupt erst so berühmt gemacht hat. Für die Spring-/Summer-18-Kollektion hat Designer Demna Teilen aus früheren Kollektionen ein frisches Update mit neuen Details und Hinweisen auf Zürich verpasst. 

Vetements Spring/Summer 18

"Vetements steht für Kleidung, nicht für Mode", schrieb er in einer Nachricht, als er auf dem Weg zum Event im Stau wegen des Pariser CSD gesteckt ist. "Das ist der Grund, warum ich echte Menschen mit unserer Kleidung in der Fashion Pose zeige", erklärt Demna und meint damit den diversen Cast aus Zürichern, die er überall in der Schweizer Metropole fotografiert hat. Das Leben der Brüder hat sich seit dem Umzug radikal verändert. Der einfache, ja fast schon puritanische Lifestyle in der ruhigeren Stadt, die Demna einmal als "langweiligsten Ort in Europa" bezeichnet hat, verträgt sich gut mit Vetements Teenanger-Revolution. "Ruhig bedeutet, dass man sich fokussieren, konzentrieren und tief in sich gehen kann, um Antworten zu finden", sagt Guram.

Vetements Spring/Summer 18

Hatten die beiden Brüder nicht Angst davor, dass Vetements seinen Kultstatus verlieren könnte, wenn sie sich in erwachsenes Fashion-Territorium vorwagen? "Schau dir nur die ganzen Erwachsenen an, die sich wie Teenager anziehen. Das Gleiche gilt für Marken: Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich weiterentwickeln muss, auch wegen der Erwartungen. Man muss die Qualität, die Arbeitsweise, die Produktionsmethoden und die Show ändern", argumentiert Guram. Wenn jemand Zürich cool machen kann, dann Vetements. Aber der Umzug ging natürlich nicht ohne Kommentare aus der Industrie über die Bühne: Das junge Label ziehe seinen neuen Reichtum nur aus dem Schweizer Steuerparadies. "Die Gehälter der Leute betragen das Dreifache hier, Zürich ist kein Ort, um Geld zu sparen", entgegnet Guram. "Wir sind raus aus dem Establishment, um zu sehen, wie es reagieren würde — und auch um unsere eigene Welt zu kreieren. Wir wollten von nichts abhängig sein. Wenn jemand versucht, cool zu sein, dann ist er es meistens nicht. Man muss machen, was sich für einen selbst richtig anfühlt. Ehrlich zu sich selbst sein und sich durch nichts beeinflussen lassen."

Vetements Spring/Summer 18

Wenn Spring/Summer 18 das Coming-of-Age für Vetements war, dann spiegelt sich der jugendliche Optimismus eines Kris van Assche ebenso bei Hermès wider. Veronique Nichanian hat in den letzten Saisons stetig die Menswear verjüngt. Samstagabend hat sie die Athleisure auf ganz neue Art und Weise und mit ganz unerwarteten, technischen Details gezeigt. Die Trainingshosen und Mäntel im Wet-Look und die leichten, grafischen Parkas sahen umwerfend aus. Die entspannten Silhouetten sorgen für ein ausgesprochenes Feel-Good-Gefühl des französischen Powerhouses. "Wir freuen uns und sind sehr optimistisch", sagt Nichanian auf die Frage, was der französische Geist momentan sei. "Das ist eine wirklich optimistische Kollektion voller Energie, deshalb sollte sie entspannt, casual, aber auch anspruchsvoll sein."

Hermes Spring/Summer 18

Olivier Rousteing hat in den selbst verfassten Anmerkungen zur Balmain-Fashionshow verraten, dass diese Kollektion eine Hommage an die Schneiderkünste, Verzierungen und Lederarbeit seines Couture-Hauses sind. Für den jungen Designer, der die Presse in die Zentrale ins 11. Arrondissement eingeladen hatte, war diese Kollektion aber noch mehr als das: Sie war seine Reflektion seiner eigenen Generation. "Diese Nation saß einem gefährlichen Trend auf. Nur haarscharf haben wir der kleingeistigen Angst vor den Anderen entsagt", schrieb er über die Wahl von Emmanuel Macron. "Balmain steht dafür, wie sich unsere Generation anzieht. Und weil uns aktuell die Bedeutung von grundlegenden Werten gezeigt wurde, wollte ich einen noch persönlicheren Runway-Look kreieren und zeigen, wie ich mich fühle und anziehe." Das hat sich in viel Opulenz und unzähligen Referenzen an Coco Chanel niedergeschlagen. Eine wahrhaft französische Angelegenheit.

Balmain Spring/Summer 18

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos Catwalk: Mitchell Sams
Fotos Vetements:  Demna Gvasalia