Warum es deutsche Kreative in der Branche besonders schwer haben

Sind die Deutschen zu mehr bestimmt als zum Adiletten-Einheitsbrei?

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19 Mai 2015, 1:15pm

In der Woche vom 23. bis 27. April versammelte sich die internationale Modeszene, um das 30. Jubiläum des Festival International de Mode et de Photographie in Hyères zu zelebrieren. Mit dabei war auch Karl Lagerfeld und seine halbe Chanel-Gang, die für die kreative Leitung der Feierlichkeiten zuständig war. Aber obwohl neben King Karl auch noch weitere hochkarätige Gäste anwesend waren, galt alle Aufmerksamkeit doch ganz anderen deutschen Persönlichkeiten. Die Berlinerin Annelie Schubert ging als diesjährige Gewinnerin des Festivals hervor und bringt somit den Titel des Première Vision Wettbewerbs nach Hause; ein Preis, der von Nachwuchsdesignern auf der ganzen Welt als metaphorischer Ritterschlag angesehen wird. Zusätzlich konnte Anne Bornhold den renommierten Chloé-Award für sich entscheiden. Obwohl Berlin immer wieder für seinen individuellen und künstlerischen Charakter hoch gelobt wird, ist die Modewelt über den Sieg der beiden Designerinnen so überrascht wie nie.

Tatsache ist, dass Deutschland wirklich Beeindruckenderes zu bieten hat als seine Mode.

Tatsache ist, dass Deutschland wirklich Beeindruckenderes zu bieten hat als seine Mode. Wir sind bekannt für sichere Autos und schmackhaftes Bier - daran können selbst Namen wie Karl Lagerfeld oder Jil Sander nicht rütteln. Auch die Berliner Fashion Week ist nichts, womit man sich brüsten könnte und kaum mit den Pariser oder New Yorker Modewochen zu vergleichen. Die Zahl der sich präsentierenden Designer geht immer weiter zurück, auf den roten Teppichen geben sich C- und D-Promis die Klinke in die Hand und das Interesse nimmt international und auch national von Jahr zu Jahr immer mehr ab.


Auch auf i-D: Wir haben Berlins Modenachwuchs getroffen


Letzteres ist wohl einer der Hauptgründe, weshalb einheimische Designer es immer schwer haben werden, in der Branche Fuß zu fassen. Ohne hier abgedroschene Vorurteile aufgreifen zu wollen, aber der durchschnittliche Deutsche setzt im Gegensatz zum französischen oder italienischen Pendant eher auf Tradition und Bequemlichkeit als auf Innovation und Stil. Eine der vielen Hürden, die der kreative Nachwuchs also auf sich nehmen muss, ist schon mal klar: Das schöpferische Potential kann noch so groß sein - bei einem hauptsächlich verständnislosen Publikum enden eure Arbeiten leicht als Perlen vor den Säuen. Der Markt ist von jungen Modedesignern, Grafikern und frei schaffenden Künstlern übersättigt und es herrscht somit ein immenser Wettbewerbsdruck, außerdem leidet kreative Arbeit immer mehr unter geringerer Wertschätzung - sowohl von Seiten der Kunden als auch von Seiten der Auftraggeber.

Es ist kein großes Geheimnis, dass man nach einem abgeschlossenen Design-Studium nicht sofort ins vollwertige Berufsleben springen kann.

Als ob fehlende Anerkennung nicht schon demotivierend genug wäre, ergibt sich aus dieser Problematik ein weiterer Faktor, der es dem Nachwuchs schwieriger macht. Weniger Kunden bedeuten logischerweise ein geringeres Einkommen. Ein begrenztes Budget sorgt für ein minimales Jobangebot. Falls ihr euch also trotz schlechten Voraussetzungen nicht doch dazu entschließt, euer eigenes Ding durchzuziehen, dann steht euch mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Marathon an Praktika bevor. Es ist kein großes Geheimnis, dass man nach einem abgeschlossenen Design-Studium nicht sofort ins vollwertige Berufsleben springen kann. Es gibt bedeutend weniger Jobs, als es die Nachfrage erlauben würde. Stößt man dann doch mal auf eine Job-Nadel im Kunsthaufen, so folgt auf die große Euphorie oft schnell die Ernüchterung. Überstunden und schlechte bzw. gar keine Bezahlung machen es einem besonders schwer, mit Elan an die Arbeit zu gehen.

Der Arbeitgeber hat immer noch die Wahl, ob er seine Angestellten entlohnen möchte oder nicht. Dauert das Praktikum nämlich weniger als drei Monate, muss er nicht zahlen, was leider zur Folge hat, dass kaum ein Praktikum länger dauert. Man verdient nicht nur kein Geld, sondern verliert auch bedeutende Berufserfahrung, die man eigentlich bekommen sollte. Kaum hat man angefangen, sich einzuleben und in das Unternehmen zu integrieren, wird man schon wieder vor die Tür gesetzt. Schwierig, da noch motiviert morgens aus dem Bett zu steigen.

Natürlich gibt es in Deutschland auch große Konzerne, die mehr für ihre internationale Präsenz als für das Ausnehmen ihrer Mitarbeiter stehen und sich auch deshalb hoher Beliebtheit erfreuen. Dennoch kommen mit großen Firmen große Strukturen und oftmals Massenproduktion anstelle von Kreativität. Diese Unternehmen funktionieren hauptsächlich nur, weil sie mit ihren klassischen Dienstleistungen seit Jahrzehnten den Massenmarkt bedienen. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt darin, dem Kunden das zu geben, was er erwartet - und das hat meistens wenig mit Kreativität zu tun und lässt nicht viel Raum für Selbstverwirklichung.

Der Nachwuchs hat in Deutschland einen steinigen Weg vor sich. Den perfekten Job zu finden, abgesehen von der Frage, ob es diesen überhaupt gibt, ist eine Herausforderung an der viele scheitern. Es braucht vor allem Durchhaltevermögen und Kompromissbereitschaft, ganz besonders wenn man zu den deutschen Einsteigern gehört. Doch aufstrebende Persönlichkeiten wie Annelie Schubert und Anne Bornhold sind der beste Beweis, dass wir zu Größerem als Adiletten-Einheitsbrei bestimmt sind.