future brown ist ein gemeinschaftsprojekt, bei dem es keine individuen gibt.

i-D hat sich mit Asma, Daniel, Jamie und der wegen einer Verletzung am Knie per Skype zugeschalteten Fatima über die Logik hinter Future Brown, geteilte Urheberschaft und das großartige Video zur Single „Vernaculo“ unterhalten.

von i-D Team
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05 März 2015, 1:45pm

Heutzutage ist es das Normalste, dass sich Künstler nicht nur auf eine Kunstrichtung beschränken und in verschiedenen Disziplinen tätig sind. Bestes Beispiel dafür ist Future Brown. Fatima al Qadiri, Asma Maroof, Daniel Pineda aka Nguzuguzu und Jamie Imanian-Friedman, besser bekannt als Produzent J-Cush und Gründer des Labels Lit City Trax, verbinden auf ihrer ersten Platte geschickt ihre verschiedenen Einflüsse, die von R&B-Spielarten bis Grime und Reggaeton reichen. Neben der Musik steht das Quartett auch für eine enge Verbindung zu Mode und visueller Kunst: Al Qadiri beispielsweise ist selbst Teil des Kollektivs GCC, und die Künstler des DIS Magazines zeigen sich ihrerseits für das Video zu „Vernaculo" verantwortlich. 

Obwohl der Austausch und die Freundschaft zwischen Künstlern verschiedener Medien nichts Neues ist, kam es in den letzten Wochen oftmals vor, dass die Band auf diesen Austausch reduziert wurde. Dazu trugen nicht zuletzt Alex Macphersons Artikel auf Red Bull, der inzwischen wieder entfernt wurde, sowie Meaghan Garveys Albumkritik bei, die dem Projekt unter anderem vorgeworfen haben, dass es keine wirkliche Substanz hat, auf Theorie aufgebaut ist und nur durch die Exotik der zahlreichen Feature-Artists lebt und diese dabei ausbeutet. Ein Argument, das mehr Rassismus und Klassendenken in sich trägt, als Future Brown je öffentlich besprechen wollten - auch wenn ihr Bandname vielleicht auf etwas anderes schließen lässt.

Wie gleichberechtigt und idealistisch die Kollaborationen zu den 11 Stücken des Albums tatsächlich sind, lässt sich leicht bei den Live-Auftritten, wie dem am letzten Samstag in der Kantine des Berliner Berghains, erkennen: Mit 3D Na'Tee und Riko Dan standen zwei der siebzehn auf dem Album vertretenen Vocalists zusammen mit dem Grund-Quartett auf der Bühne und, was noch viel wichtiger ist, auch im Vordergrund. Das hing nicht zuletzt mit der fesselnden Energie der beiden Performer zusammen.

i-D hat sich mit Asma, Daniel, Jamie und der wegen einer Verletzung am Knie per Skype zugeschalteten Fatima über die Logik hinter dem Projekt, geteilte Urheberschaft und das großartige Video zur Single „Vernaculo" unterhalten.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Warp?
J-Cush: Ein Projekt dieser Dimension erfordert viel Organisation. Wir wollten deshalb mit einem Label zusammenarbeiten, das viel Erfahrung in dieser Hinsicht hat. Charles Damga, mit dem Fatima für ihre Platte auf seinem Label UNO NYC zusammenarbeitete, ist ein sehr einfühlsamer Label-Boss und unterstützt die Künstler bei dem, was sie erreichen wollen. Außerdem arbeitet er bei Warp. Er hat ihnen das Album vorgespielt, als es fertig war, und das war's. Warp passt super zu Future Brown: künstlerische Freiheit hatte für uns Priorität und wurde uns dort garantiert, genau wie ein globales, erfahrenes Team.

Wie viel Zeit verbringt ihr eigentlich zusammen im Studio?
J-Cush: Wir waren einen Monat in Los Angeles, in dem wir an Beats arbeiteten, dann zwei Wochen in New York für Beats und Vocals und zwei Tage in London, in denen wir die meisten Tracks geschrieben haben.
Asma: Wir haben das Album im Prinzip in nur anderthalb Monaten aufgenommen.
J-Cush: Wann immer ich beispielsweise nicht weiß, wie es weitergehen soll, gibt es drei andere Personen, die Ideen haben.

Habt ihr, wenn ihr an einem Track arbeitet, schon die entsprechenden Rapper oder Sänger im Kopf?
Daniel: Meistens fangen wir einfach erstmal an und überlegen dann, in welche Richtung der Track gehen soll. Dann überlegen wir, welche Rapper oder Sänger, deren Arbeit wir bewundern, damit etwas anfangen könnten.
Asma: Mit Ausnahmen, wie zum Beispiel „Wanna Party", das wir speziell für Tink produziert haben.
J-Cush: Ohne, dass sie vorher davon wusste.

Wie kam die Zusammenarbeit mit ihr zustande?
Asma: Durch ihren Twitter-Account, auf dem sie die Telefonnummer ihrer Managerin gepostet hat. Als uns unser Manager in New York sagte, dass er keinen Kontakt zu ihr herstellen konnte, habe ich sie einfach angerufen. Sie ging nicht ran, rief aber sofort zurück und kam in der darauf folgenden Woche mit Tink nach New York.

Seid ihr euch immer einig, wer am besten zu welchem Track passt?
Daniel: Am Ende schon.
J-Cush: Es gab auf jeden Fall einige Diskussionen. Aber wir lieben alle Vocalists! Meist lag es nur daran, dass einer von uns die entsprechenden Künstler noch nicht kannte. Es ging also mehr darum, die Zeit zu finden, einander die Songs vorzuspielen, als irgendwen überzeugen zu müssen. Ich kannte Tink zum Beispiel gar nicht, war aber sofort ein großer Fan, als ich ihre Musik endlich hörte.
Daniel: Sie stand auf jeden Fall ganz oben auf unserer Liste.
J-Cush: Die Möglichkeit, mit Künstlern, die wir bewundern, zusammenarbeiten zu können, ist das beste Gefühl.

Waren die Künstler, bevor ihr an sie herangetreten seid, mit eurem jeweiligen Output bekannt?
J-Cush: Eigentlich niemand, außer Kelela, Ian Isaiah und Maluca, mit denen wir schon länger befreundet sind. Jetzt ist das natürlich anders: Wir tauschen so viel und so oft wie möglich Ideen aus.

Möchtet ihr zukünftig auch selbst Texte oder Vocals beisteuern?
J-Cush: Asma ist die beste Songwriterin aller Zeiten!
Asma: Ich weiß es noch nicht genau, aber es macht mir schon Spaß. Wenn jemand an dieser Art von Zusammenarbeit Interesse hat, fühlt man das von Anfang an. Manchmal stimmt der Vibe einfach. Fatima hat mit Maluca eng an „Vernaculo" zusammengearbeitet.
J-Cush: In manchen Fällen gab es aber auch gar nichts zu sagen: Da schickten wir den Track, bekamen die Vocals zurück und das passte so. Sicko Mobb, zum Beispiel, baten wir nur noch einen Vers hinzuzufügen. Es war toll zu sehen, dass ein natürlicher Diskurs entstand. Daniel meinte öfter, dass man Rappern oder Sängern mit einem Beat auch gewisse Einschränkungen bietet. Man muss ihnen darum auch den Freiraum lassen, damit in die Richtung zu gehen, die sich für sie richtig anfühlt.

Euer Verständnis von Future Brown und diesem Album ist also, Vocalists eine Basis für ihre Arbeit zu bieten?
Daniel: Genau, wir liefern Templates, Instrumentalstücke, auf denen Künstler rappen oder singen können.

Das ist eine recht großzügige Arbeitsweise.
Daniel: Von beiden Seiten! Es ist ein ziemlich gutes Tauschgeschäft. In gewisser Weise steuert jemand, der rappt oder singt und seine Geschichte teilt, mehr zu dem Endprodukt bei als wir Produzenten. Wir haben das Projekt organisiert und zusammengehalten, aber es könnte genauso gut „einen Tink-Track, den Future Brown produziert haben" geben. Das ist eher eine technische Frage.

Wie ist das Video zu „Vernaculo" entstanden?
Fatima al Qadiri: Die Idee hatten das DIS Magazine, das mit dem Regisseur Rory Mulhere und Alex Gvojic (DP & Visual FX) kollaborierte. Es ist eine spielerische Kritik an den falschen Schönheitsidealen der Werbung. Im Video dient Future Brown als Foundation. Foundations finde ich besonders absurd: Sie decken dein äußeres Selbst ab, damit du akzeptabel für die Öffentlichkeit bist. Das wird Frauen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten so verkauft. Maluca, die eine natürliche Schönheit ist, fordert all das heraus. Es geht darum, stark zu sein, die natürliche Ordnung ins Wackeln zu bringen. Sie begreift ihre Weiblichkeit als Stärke. Wir fanden es auch interessant, diese Themen in einem Musikvideo anzusprechen: einem Format, das oft der Sexualisierung von Frauen dient.

Ich finde es toll, das Future Brown im Video eine Foundation ist: so wie eure Beats als Grundlage für die Arbeit der Vocalists funktionieren...
J-Cush: Das war auf jeden Fall geplant. (lacht)

Ist Urheberschaft ein großes Thema für Future Brown?
J-Cush: Auf jeden Fall. Schließlich sind auch wir zu viert und jeder muss zum Wohl der Gruppe etwas Kontrolle abgeben. Wir alle teilen die Eigentümerschaft und Autorität für Future Brown. Wir alle sind stolz auf das Projekt.
Fatima: Es ist eine große Kollaboration. Ein Gemeinschaftsprojekt, in dem es keine Individuen gibt.
Daniel: Und gleichzeitig so viele! Es geht darum, gleichberechtigt Input zu geben und zusammen etwas Starkes zu schaffen. Starke Individuen stärken diese Gruppe.
J-Cush: Das Tolle an der Zusammenarbeit ist, dass man sich so ständig außerhalb der eigenen Komfortzone bewegt: Immer etwas Neues ausprobiert.

Credits


Text: Bianca Heuser 
Foto: Christelle de Castro 

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