indiens töchter

Das Jurymitglied des Dokumentarfilmfestivals in Sheffield und feministische Filmemacherin Jade Jackman traf Leslee Udwin nach der Vorführung ihrer kontroversen Dokumentation „India’s Daughter“ über die Gruppenvergewaltigung in Delhi. Ein Gespräch über...

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Juni 12 2015, 12:25pm

Frauen. Beim Dokumentarfilmfestival Sheffield DocFest sind sie überall. Während des sechstägigen Filmfestivals, das vor wenigen Tagen zu Ende ging, leiteten Frauen Panels, standen auf der Bühne und präsentierten ihre Filme; die fast gleiche Repräsentation von Männer und Frauen bei diesem Festival sollte eigentlich keine Erwähnung wert sein, aber angesichts der Geschlechterungleichheit in der Filmindustrie ist es außergewöhnlich. Als junge Filmemacherin und Feministin wurde ich auf die Kontroverse, Debatte und das anschließende Verbot in Indien der knallharten Dokuementation India's Daughter aufmerksam. Leslee Udwins Film erzählt die brutale Gruppenvergewaltigung von Jyoti Singh in Delhi nach. Zwar hatte sie schon bereits davor sensible und schwierige Themen angepackt, aber mit bei diesem Film ging Udwin einen Schritt weiter als viele Filmemacher vor ihr, indem sie die Vergewaltiger selbst interviewt hat und zu Wort kommen lässt. Wenn auch nicht ohne Kritik, ist Udwins Hartnäckigkeit und Bestreben, auch widerwärtige Perspektiven zu verstehen, die treibende Kraft jedes Filmemachers und jeder Filmemacherin sein. Also sprach ich mit ihr nach der Vorstellung von „India's Daughter" mit der Regisseurin.

Wie hast du dich gefühlt, als dein Film India's Daughter verboten wurde?
Ich stand komplett unter Schock und war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Ich war entsetzt und verwirrt. Im Nachhinein gibt es Dinge, die ich definitiv anders machen würde. Da die Produktion teilweise durch Mittel der BBC finanziert wurde, hatten sie das Recht, Änderungen am Film vorzunehmen und das haben sie auch getan. Sie haben die Statistiken [über sexuelle Gewalt und Missbrauch aus der ganzen Welt] am Ende des Films entfernt, was die Wahrnehmung des Film komplett geändert hat und das Ergebnis es war desaströs. Der Film sollte zeigen, dass sexuelle Gewalt ein weltweites und kein rein indisches Problem ist. Das Land hat mich einfach aufgrund der engagierten Proteste dort interessiert. 

Wieso wolltest du einen Film über die Gruppenvergewaltigung in Delhi machen?
Wegen der Proteste. Nicht wegen des Falls an sich. Mich haben die Reaktionen, die er ausgelöst hat, interessiert. Bis heute hat nur die indische Zivilgesellschaft solch einen starken Ausbruch der Unzufriedenheit gezeigt. Wie müssen nein sagen, wir müssen uns sichtbar machen. Eine von Männern dominierte Welt kontrolliert uns und es gibt kein Land der Welt das davon frei wäre. 

In deinem Film hast du keine Berührungsangst vor Demonstranten, die mit Gewalt ihrer Enttäuschung laut und deutlich Ausdruck verleihen. Müssen sich die Leute zusammenschließen und entschieden und aggressiv vorgehen, um etwas in der Gesellschaft zu ändern?
Es gibt so viel Apathie. Demonstrieren ist eine der besten Dinge, die man tun kann - der einzige Weg, um Unzufriedenheit auszudrücken. Es gibt im Moment keine ausreichende Protestkultur. Wie soll die Zivilgesellschaft zwischen den Wahlen den Staatenlenkern sonst deutlich machen, dass sie wütend ist, wenn nicht durch Demonstrationen? Proteste sind gut für die Demokratie und es gibt wundervolle Wege, um seinem Schrei nach Veränderung Ausdruck zu verleihen. Natürlich ändern Proteste allein nichts, Bildung tut es.

Angesichts der Geschlechterungleichheit in der Filmindustrie, glaubst du, dass Frauen ihre Fähigkeiten einsetzen sollten, um Geschichten über andere Frauen zu erzählen?
Ja, das müssen wir wirklich machen! Mich überrascht diese Geschlechterungleichheit in der Industrie nicht. Warum sollte sich die Filmindustrie vom Rest der Gesellschaft unterscheiden?

Einer der Hauptkritikpunkte an dem Film ist, dass er nicht feministisch genug ist und dass er die indische Frauenbewegung ausnutzt. Glaubst du, dass diese Kritik gegenüber einem Mann geäußert worden wäre? Oder glaubst du, dass Frauen einer größeren Erwartungshaltung unterliegen, feministische Arbeiten zu produzieren?
Niemals. Die Kritik, dass der Film nicht feministisch genug sei, wäre niemals gegen den Film oder mich gerichtet worden, wenn ich ein Mann wäre. Als Frau bist du stärker feministischer Kritik ausgesetzt. Das ist tragisch ironisch, da wir in diesen Zeiten doch zusammenhalten sollten.

Gibt es so etwas wie die Male Gaze?
Ja. Im Journalismus wird bereits versucht, eine Balance herzustellen. Wir bewegen uns langsam davon weg, dass männliche Redakteure darüber bestimmen, was sexy ist, und sogar die Vorstellungen davon, was sexy ist, verändern sich langsam. Das ist großartig.

Was sollte die Filmindustrie tun, um mehr Frauen dazu zu ermuntern, ihre Arbeiten zu präsentieren? Sollten wir Frauenquoten einführen?
Natürlich. Betriebe, profitorientierte Unternehmen, der Bildungssektor und die Verwaltung - überall gibt es Diskriminierung. Gott wer weiß wie viel Jahre das nun schon so geht und nichts hat sich verändert. Was Filmfestivals angeht, bin ich mir nicht so sicher. Ich würde die Quote für Filmfestivals aber befürworten. Es gibt momentan eine starke Tendenz, dass Frauen auf Filmfestivals in ihren Werken die Arbeiten von anderen Frauen feiern. Aber diejenigen, die über die Mittel für Filmemacher entscheiden, sollten bei der Mittelvergabe an die Gleichbehandlung der Geschlechter denken.

Für mein neuestes Projekt möchte ich mit keinem Mann zusammenarbeiten. Ich bin sehr bedacht darauf, mit einer reinen Frauencrew zu arbeiten. Ich selbst sehe mich als feministische Aktivistin und ich bin Filmemacherin. Also habe ich das Gefühl, dass ich diese beiden Seiten unter einen Hut bringen muss. Was hältst du davon?
Ich habe auf jeden Fall Sympathien dafür. Vielleicht ist es eine Generationenfrage, aber ich weiß nicht, ob ich es soweit treiben würde, weil ich mir Sorgen um eine Diskriminierung mit umgekehrten Vorzeichen machen würde oder dass sich Männer ausgeschlossen fühlen könnten … Aber ich habe große Sympathien mit deiner Einstellung, weil wir Filmemacherinnen ständig bevormundet werden. 

Was ist dein Lieblingsfilm von einer Frau oder über eine Frau?
Zweifelos Fishtank von Andrea Arnold. Der Film ist fantastisch. Sie ist einfach eine großartige Regisseurin. Und Dreamcatcher!

Dreamcatcher von Kim Longinotto behandelt ähnliche Themen - sexueller Missbrauch -wie du. Die Regisseurin Kim hat erklärt, dass sie Oper sexueller Gewalt gewesen sei, genauso wie du auch. Hat diese Erfahrung zu deiner Entscheidung, diesen Film zu machen, beigetragen?
Ich habe erst relativ spät im Entstehungsprozess an meine eigene Vergewaltigung gedacht. Ist sie aber Teil meiner Wut, die ich verspüre? Ist sie der Grund, dass ich es als weltweites Problem ansehe? Ja, es gibt aber weitere Dinge in meinem Leben, die zu dieser Wut und zu diesem Wunsch, diese patriarchalische Struktur der Gesellschaft zu ändern, beigetragen haben. Ich werde wütend, wenn ich den Fernseher anmache und diese scheußlichen Ergebnisse männlicher Entscheidungen sehe!

Hast du zum Schluss noch einen letzten Ratschlag für andere junge Filmemacherinnen?
Nehmt euch das, was euch zusteht und lasst euch nicht von einem verdammten Kerl sagen, es nicht zu tun!

Am 30. Juni kannst du den Film im Babylon in Berlin sehen. Anschließend wird es eine Diskussion mit der Regisseurin Leslee Udwin, UNICEF-Botschafterin Katja Riemann sowie VertreterInnen von Frauenrechtsorganisationen geben. Mehr Informationen findest du hier