Wasted Rita verarbeitet deinen Weltschmerz in humorvollen Illustrationen

Wir haben uns mit der in Lissabon lebenden Instagram-Sensation zum Gespräch getroffen, um in Erfahrung zu bringen, wer genau hinter den beliebten, humorvoll-gesellschaftskritischen Zeichnungen steckt.

von Juule Kay; illustrationen von Wasted Rita
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Dez. 5 2016, 11:09am

Rita Gomes, oder besser bekannt als Wasted Rita, ist die portugiesische Illustratorin und Karikaturistin, die, wie sie selber sagt, den Sarkasmus als Waffe verwendet. Mit ihren mehr als ehrlichen, gerne auch mal provokanten Zeichnungen hat sich die 28-Jährige Künstlerin über Instagram einen Namen gemacht und über den Lauf der Zeit knapp 45.000 Follower kultiviert, die sich an ihrem Talent erfreuen. Wir wollten herausfinden, wer oder was sich hinter den witzigen Bildern versteckt und haben uns dafür mit Rita über Punk, ihre Definition von Schönheit und die Wichtigkeit von Social Media unterhalten.


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Wie würdest du die Kunstszene in Lissabon beschreiben?
Ich bin nicht bewusst Teil davon geworden. Mich interessieren die Cool-Kids und ihre Clubs nicht. Ich bin eher von der Sorte Mir-gehen-Menschen-auf-die-Nerven-und-ich-bleibe-zu-Hause.

Wie bist du zum Grafikdesign und zu Illustrationen gekommen?
Zeichen war für mich immer ein Zufluchtsort. Auch wenn ich immer gedacht habe, dass ich Chirurgin oder Tierärztin werden würde, habe ich immer die Kunst über die Medizin gestellt. Ich wusste nicht, was Grafikdesign ist, aber ein paar sehr weise Erwachsene haben mir damals geraten, dass es innerhalb der Kunst der Bereich mit den besten Jobchancen ist. An der Uni hatte ich das Glück, dass meine Dozentin mich immer ermuntert hat, meine DIY-, Punk- und Feminismus-Bezüge als Grundlage für alles beizubehalten. Das war meine Rettung. Dazu hat auch meine Isolation verstärkt: Stundenlang alleine in Räumen sitzen, einsame Spaziergänge, Nachdenken, Zeichnen, Schreiben und generell die Menschheit hassen.

Wie sehr beeinflusst dich Punk?
Ich bin mit der Musik aufgewachsen. Sie war für meine Entwicklung genauso wichtig wie Mathe oder jedes andere Fach. Ich mag kurze, direkte Songs mit Weltschmerz und witzigen Texten. Ein Großteil meiner eigenen Arbeiten kann so beschrieben werden. Punk ist kein direkter Einfluss, sondern eher eine unbewusste Geisteshaltung, weil ich so viele Jahre begeisterter Fan war, auch wenn ich heute kaum noch höre.

Welche Message möchtest du vermitteln?
Keine. Wenn ich zeichne, denke ich nicht daran, welche Message ich damit transportieren möchte.

Wie kam es zu dem Pseudonym "Wasted Rita"?
Das ist ein sarkastisch gemeinter Hinweis an die unterwürfige, schüchterne, unsichere und verängstigte Person, zu der ich erzogen wurde und die ich früher war.

Welche Rolle spielt Social Media für dich als Künstlerin und für dich privat?
Als Künstlerin ist es für mich genauso wichtig wie mein linker Arm, weil ich eine Internetkünstlerin bin. Dadurch bin ich die geworden, die ich heute bin. Privat ist die ganze Sache etwas schwieriger. Ich bin dem Internet dankbar für Serien, Musik, Onlineshopping, Flugtickets, Filmen, Informationen und für die ganzen Tutorials zu den absurdesten Dingen. Aber ich hasse gleichzeitig so ziemlich alles an Social Media: Die virtuellen Interaktionen machen mich stumpf. Die meisten Dinge, die Menschen im Internet schreiben, lassen mich noch mehr an der Menschheit zweifeln. Diese Instagram Stories sind weder lustig noch interessant, sie sorgen für Albträume.

Deine Arbeiten sind ehrlich, sarkastisch und aus dem Leben gegriffen.
Mich verwirrt es immer, wenn mir jemand, den ich nicht kenne, dass meine Arbeiten ehrlich sind. Woher will die Person das wissen? Wie auch immer: Ich hatte keine Idee am Anfang. Ich musste meinen Weltschmerz sozusagen wegzeichnen und wegschreiben.

Wie sehr sind deine Emotionen in deinen Zeichnungen präsent?
Die bestehen zu aus 90 Prozent Emotionen, 9 Prozent der Fähigkeit, etwas anderes zu tun, und zu einem Prozent aus Tinte.

Kannst du uns die schönsten, bizarrsten oder gemeinsten Reaktionen auf deinen Arbeiten verraten?
Glaube es – oder auch nicht –, aber ich bekomme mehr positives als negatives Feedback. Ich versuche, mich jedoch so weit wie möglich von Reaktionen, sowohl positiven als auch negativen, zu distanzieren, weil es meistens Reaktionen von Menschen sind, die ich nicht kenne. Eine Sache, die ich immer unbedingt vermeiden will. Ich lebe in meiner eigenen Blase und es ist schon schwierig, mich daraus zu holen.

Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass man die schönsten Dinge in der Hässlichkeit findet und umgekehrt. Wie definierst du Schönheit?
Ich definiere sie nicht, aber ich finde Schönes meistens eben in Dingen, die Makel haben, die beschädigt sind, die sich im Kampf, ganz unten, in ernstgemeinten, ehrlichen und schrägen Sachen zeigen.

@wastedrita