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warum du aufhören solltest, alles zu glauben, was du siehst

Schon ihr Leben lang beschäftigt sich ​Ivonne Thein mit Fragen rund um den Körper. Ihre Arbeit „Zweiunddreißig Kilo“ spielt sich zwischen Magersucht und Manipulation ab und soll bewusst provozieren. Was die Fotografin von Body-Positivity hält und warum...

von Yana Slattery
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07 September 2016, 7:50am

Mit Fotos von einbandagierten, jungen Mädchen mit fingerbreiten Gliedmaßen provoziert Ivonne Thein, und zwar bewusst. Die in Berlin lebende Künstlerin setzt sich mit Themen wie Magersucht und Intersexualität künstlerisch auseinander und beweist uns, dass wir endlich aufhören sollten, alles zu glauben, was wir sehen. Welche Botschaft hinter ihren polarisierenden Arbeiten steckt, warum ihre Zwillingsschwester eine Rolle für ihr eigenes Körperbild spielt und wieso die Fotografin der Body-Positive-Bewegung kritisch gegenübersteht, verrät sie uns im Interview. 

In deiner Arbeit Unvollkommen könnte man annehmen, dass die dargestellten Personen, den höchsten Grad an Vollkommenheit erreicht haben. Was willst du mit dem Titel aussagen?
Er soll ein Denkanstoß sein. Der Begriff „Unvollkommen" stammt aus Platons Gastmahl, der vom vollkommenen Geschlecht redet, welches männliche und weibliche Attribute vereint. Da sich die Arbeit Unvollkommen mit intersexuellen Menschen beschäftigt, die auf Grund ihrer uneindeutigen Geschlechterrolle gesellschaftlich stigmatisiert werden, fand ich diesen Titel passend.

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Was bedeutet für dich Vollkommenheit?
Der Begriff ist ziemlich problematisch, weil für mich eigentlich keine Vollkommenheit existiert. Ich glaube schon, dass es ein Bedürfnis danach gibt, eine Vollkommenheit zu erreichen, zu zeigen oder darzustellen. Es ist aber es aus meiner Sicht eher ein medialer Begriff, der oft verwendet wird, um wirtschaftliche Interessen zu unterstützen.

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Arbeiten vermitteln?
Ich arbeite rein künstlerisch und habe keinen erzieherischen Anspruch. Mir geht es darum, Denkanstöße zu gesellschaftlich relevanten Themen zu geben und die Rolle des Mediums Fotografie und dessen Wandel zu hinterfragen. 

Wie stehst du zu deinem eigenen Körper?
Ich würde sagen, dass ich ein relativ gesundes Verhältnis zu meinem Körper habe, eigentlich sogar ein besonderes durch meine eineiige Zwillingsschwester. Als Jugendliche wurden wir häufig durch unsere Ähnlichkeit als gleich angesehen, dabei haben wir einen sehr unterschiedlichen Charakter. Ich denke, dass das einer der Gründe ist, warum ich mich vorrangig mit dem Thema Körper beschäftige. Mein Selbstbild hat sich durch meine Arbeiten nicht wirklich verändert, meine Sicht auf den Umgang der Medien mit diesem Thema jedoch schon. Weil ich mich während der Arbeit an Zweiunddreißig Kilo so daran gewöhnt hatte, diese dünnen Mädchen zu bearbeiten, hat das in dieser Zeit dazu geführt, dass ich bei Fotos von normalgewichtigen Frauen immer das Gefühl hatte, sie seien dick. Ich finde es erstaunlich, wie schnell Bilder unsere Wahrnehmung verändern.

Du kritisierst den Schlankheitswahn, indem du ihn komplett überzeichnest. Wieso hast du dich für diese Darstellung entschieden?
Ich wollte eine Arbeit schaffen, die dem Betrachter durch eine ästhetische Bildsprache zunächst gefällt, bis man dann schockiert feststellt, dass die Mädchen in der Serie Zweiunddreißig Kilo viel zu dünn sind. Ich will den Betrachter in die Irre führen und hoffe, dass dadurch ein Denkprozess angeregt wird. Zum anderen wollte ich die Rolle der Fotografie und den Wandel des Mediums im digitalen Zeitalter hinterfragen. Bilder werden fast immer verändert und trotzdem wollen wir noch an ihren Wahrheitsgehalt glauben. In dieser Arbeit sind die Mädchen gar nicht magersüchtig, erst durch die Manipulation am Computer werden sie es.

Wie gehst du mit Kritik um?
Natürlich gab es Kritik, dass ich Anorexie verharmlosen würde. Meine Arbeit Zweiunddreißig Kilo abzulehnen, weil sie ein krankhaftes Körperbild zeigt, ist aus meiner Sicht sogar eine gesunde Reaktion. Schwierig finde ich es, wenn ich dafür kritisiert werde, dass ich solche Bilder überhaupt zeige.

Hast du Schönheitsideale?
Das kann man gar nicht so pauschal sagen, für mich ist Schönheit individuell verschieden. Es gibt bestimmte Attribute, die dazu führen, dass wir jemanden als schön empfinden, zum Beispiel Symmetrie. Diese klassischen Schönheiten finde ich, um ganz ehrlich zu sein, ziemlich langweilig. Für mich sind Menschen schön, die nicht den typischen Idealen entsprechen, sondern etwas Besonderes an sich haben. 

Wie stehst du zur Body-Positive-Bewegung?
Grundsätzlich finde ich das auf jeden Fall gut, auch wenn ich trotzdem kritisch bleibe. Die Bewegung hat sicher auch mediale Gründe, die viel mit kommerziellen Interessen zu tun haben. Aber die individuelle Schönheit der Menschen hervorzuheben, ist viel positiver, als ein einheitliches und vielleicht ungesundes Schönheitsideal zu bewerben. Der Hintergrund meiner Arbeiten war jedoch niemals mit erhobenen Zeigefinger zu sagen: „Schaut mal, wie schrecklich das ist, wir müssen das ändern", sondern eine künstlerische Arbeit als Reaktion auf gesellschaftlich relevante Körperthemen zu schaffen.

ivonnethein.com

Credits


Text: Yana Slattery
Fotos: Ivonne Thein